Das Baby schwebte noch im Fruchtwasser, da geriet es schon in den Sog einer Massenbewegung. Seine Mutter Alexandra war im neunten Monat schwanger, und das Ungeborene wollte sich partout nicht in Schädellage drehen. Darum griff die Hebamme zur Moxibustion: Sie hielt eine "Moxa-Zigarre" aus Beifußkraut an Alexandras kleinen Zeh. Alexandra Elek – eine Rechtsanwältin, die eben noch in ihrer Kanzlei gearbeitet hatte – kauerte auf dem Wohnzimmerteppich und streckte ihr Bein in den Qualm der Zigarre. "Es war ein bisschen wie bei der ›versteckten Kamera‹", erinnert sie sich. "Ich dachte die ganze Zeit, gleich fällt von irgendwoher eine Filmleuchte vom Himmel."

Nein, die Szene ist nicht für das Fernsehen inszeniert, sondern Alltag in Deutschland. Esoterikalltag. Die einen möchten ein Kind auf die Welt bringen und werden mit Moxa-Zigarren behandelt. Andere wollen nur ein Brot kaufen und stellen fest, dass die Lübecker Bäckerei Junge ihren Sauerteig mit "energetisiertem Wasser" anmischt. An Volkshochschulen wird Reiki gelehrt, Heilen durch Handauflegen. Feng-Shui-Berater stellen Möbel um und Steine auf, um den Fluss der Energien zu harmonisieren. Wenn Oma gestorben ist, gehen die Enkel ins Internet und nehmen über ein Medium Kontakt mit der Verstorbenen auf. Nach wissenschaftlichen Maßstäben ist Deutschland nicht mehr ganz dicht.

Doch wer so denkt, zählt womöglich bald zu einer Minderheit. Die Okkultismusforscherin Sabine Doering-Manteuffel, Präsidentin der Universität Augsburg, beobachtet "eine stille spirituelle Revolution", die sich über Europa ausbreitet: "Hier werden Weltbilder verändert wie in keiner Missionsphase der europäischen Geschichte zuvor."

Jeder sechste Deutsche* äußert Sympathie für Anthroposophie und Theosophie, jeder vierte zeigt sich aufgeschlossen gegenüber Wunder- und Geistheilern, gut 40 Prozent der Bevölkerung halten etwas von Astrologie oder New Age – Westdeutsche jeweils mehr als Ostdeutsche. Das sind die neuen Zahlen der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus). "Esoterische Vorstellungen gelten zunehmend als normal", sagt der Münsteraner Soziologe Detlef Pollack. "Sie diffundieren in die alltägliche Kommunikation der Menschen, sogar in Wissenschaft und Medizin." Und helfen sie nicht manchmal sogar? Als Alexandra Eleks Baby sich kurz vor der Geburt in die Schädellage drehte, begann selbst die Mutter kurz zu zweifeln: "Ob an dem Moxa-Qualm nicht doch was dran ist?"

Esoterik ist ein Sammelbegriff, der nicht nur Okkultes umfasst. Sie reicht vom harmlosen Aufspüren angeblich schädlicher Wasseradern und ungesunder Strahlenquellen über Eselsmilchtinkturen und bisweilen hilfreiche homöopathische Kügelchen bis hin zu Geistheilungen und weißer und schwarzer Magie.