Die Opfer

Was aber, wenn die Vernunft aussetzt, wenn Heiler und Gurus den Glauben ihrer Anhänger gnadenlos ausnutzen? Am liebsten hätte er seine erwachsene Tochter geschüttelt, sagt Uwe Hoffmann*: "Werd endlich wach!" Aber da hatte sich Martina schon davongemacht, zu Gottfried Bresink ins bayerische Inzell. Bresink ist ein alter Herr, der seine Briefe mit "Gott-Vater" unterschreibt. Für ihn hatte Martina ihre drei Kinder und ihren Mann verlassen. Ab und zu rief sie an und teilte mit: Sie habe einen neuen Glauben. Was das bedeutet, hat Bresink beim Gewerbeamt Inzell wie folgt angemeldet: ganzheitliche Lebenshilfe, Meditation, Persönlichkeitsberatung und Bewusstseinsförderung. Als ein Fernsehteam seine meditierende Gruppe filmen durfte, sah das so aus: "Öffne dein Herz, du wirst mich fühlen", sprach Bresink im Sitzkreis. Die anderen hatten die Augen geschlossen, manche weinten.

In Sabine Riedes Essener Besprechungszimmer bei der SektenInfo NRW steht auf dem Tisch ein Körbchen mit Taschentüchern – für die vielen Tränen, die hier vergossen werden. Als eine Art Notfallambulanz für Esoterikgeschädigte hat sich der Verein einen Namen gemacht. Vor ein paar Jahren meldeten sich vor allem Opfer von Sekten wie Scientology. Mittlerweile sind andere Fälle typisch: Menschen, die von vermeintlichen Heilern abgezockt werden, die sich von Wahrsagern abhängig fühlen oder die Angehörige an einen Guru verloren haben. Eine Frau aus Bresinks Gruppe war 2009 von einer Brücke in den Tod gesprungen, ihr geschiedener Ehemann macht den spirituellen Lehrer für den Suizid verantwortlich. Der Witwer betreibt heute die Website einweghinterslicht.de für Aussteiger.

Die fünf Angestellten der SektenInfo NRW erleben täglich die dunkle Seite der Unvernunft – sie haben aber auch Mittel und Wege, um Betroffene aus der Falle zu befreien. Im Fall Martina über das Familienrecht. Für Vater Hoffmann schrieb Sabine Riede ein Kurzgutachten über die Bresink-Gruppe für das Familiengericht. Das entzog Martina daraufhin das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihre Kinder. Die Notfallhelferin Riede lud Martinas Vater und ihren Ehemann zur Beratung ein und empfahl ein Erste-Hilfe-Programm. Zunächst: das gemeinsame Konto sperren und nur den Unterhalt überweisen. So hat der Guru keinen Zugriff auf die Ersparnisse der Familie. Zweitens: Kontakt halten, anrufen, Briefe schreiben! Drittens: keinesfalls die Esoterik angreifen! Kritische Gespräche können später stattfinden. Wenn die Verlorene zu sich gekommen ist.

Martina kam wieder zu sich. Als eines der Kinder im Krankenhaus lag, kehrte sie zurück. Das vergangene Jahr sei ruhig gewesen, sagt Martinas Vater. Aber er werde den Tag nie vergessen, an dem sein Enkel bei ihm angerufen habe, weil die Mutter die Koffer packte, um ihrem spirituellen Führer nachzulaufen. "Opa", habe der Kleine gesagt, "mit der Mama stimmt was nicht." Bis heute wundert sich Hoffmann, dass das kritische Denken bei normalen Menschen so aussetzen kann.

Mitarbeit: Evelyn Finger und Stefan Schmitt

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*Korrekturhinweis: Nicht "mehr als die Hälfte", sondern "jeder sechste" muss es an dieser Stelle heißen. Der Fehler wurde korrigiert.