Die Renaissance der UnvernunftDraht zum Erzengel

Lebensberatung per Telefon und Internet boomt. Wie leicht es für jeden Laien ist, als Wahrsager Unheil anzurichten, hat Bernd Kramer ausprobiert. von Bernd Kramer

In Tarotkarten soll sich die Zukunft offenbaren.

In Tarotkarten soll sich die Zukunft offenbaren.  |  © flickr/ Greenline Hotels

Um 17.04 Uhr habe ich mein Vorstellungsgespräch als Hellseher. Ich habe mich bei einem Internetportal beworben, das gebührenpflichtige Lebensberatung vermittelt. Nicht dass ich medial begabt wäre. Ich will bloß verstehen, wie das System funktioniert. Meine telefonische Probeberatung, die ich einer Mitarbeiterin des Portals vorführen soll, geht gründlich schief. Sie fragt mich in der Rolle einer möglichen Kundin: "Was sehen Sie zu meinem Herzensmann?" Ich stammle nervös: "Ich sehe viele Enttäuschungen bei Ihnen, aber auch gute Chancen, dass Sie Ihrem Herzensmann bald begegnen." – "Ich habe ihn schon gefunden", antwortet sie überraschend. "Oh", dilettiere ich. "Na ja, was die Beziehung angeht, sehe ich eine positive Veränderung, Anfang nächsten Jahres." Meine Karriere als spirituelles Medium dürfte damit wohl beendet sein! Aber wieder liege ich falsch. "Ihr Beratername bei uns wäre dann also Osiris Jesaia."*

Esoterische Telefon- und Internetberatung boomt. Questico, der Marktführer, setzte im Jahr 2010 über 60 Millionen Euro um. Es gibt viele Nachahmer, sie heißen Viacarta, Vistano oder Kerida. Das Prinzip ist bei allen ähnlich: Das erste Gespräch ist gratis. Am Ende sind nicht wenige Kunden finanziell und psychisch ruiniert. Eine Sektenexpertin hat mir von Menschen berichtet, die Zehntausende Euro bei einer Astro-Line verloren haben. Und das seien keine Einzelfälle. Die Beratungsportale übernehmen keine Haftung für einen möglichen Seelenschaden. Meines schreibt in seinen Geschäftsbedingungen: "Die Verantwortung für die durch einen Berater verbreiteten Inhalte liegt ausschließlich und alleine bei diesem."

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Ich richte meine Profilseite ein. Ich behaupte, mit Geistwesen in Kontakt zu stehen, zum Beispiel mit dem Erzengel Michael. Meine Dienste kann ich sogar in den Rubriken "Suchtberatung" und "Trauerbewältigung" offerieren. Einfach so, ohne jede therapeutische Qualifikation. Als Preis lege ich 83 Cent pro Minute fest, das ist der niedrigste Tarif, den ich wählen kann. 53 Cent davon gehen an das Portal. Dann warte ich. Nach zwei Stunden, um 23.10 Uhr, klingelt mein Telefon.

"Ich rufe an wegen meiner komplizierten finanziellen Situation", sagt eine Frau mit Berliner Akzent. Sie habe im vergangenen Monat die Miete nicht mehr zahlen können, für die nächste Woche blieben ihr nur zehn Euro. Ich scheue mich, zu fragen, womit genau sie ihr Geld verdient. Ich sage: "Du musst mit mehr positiver Energie da rangehen." Am Ende hat sie der Anruf 7,83 Euro gekostet. Ich schäme mich.

Das Internetportal bietet den Beratern einen internen Bereich, um sich untereinander auszutauschen. Dort schildere ich meine Bedenken. Eine Kollegin empfiehlt mir, die 7,83 Euro als "Energieausgleich" zu betrachten. "Ihr war es das wohl wert, dich in ihrer Verzweiflung anzurufen."

Sandra: Die geistige Welt lebt nicht in der linearen Zeit

An einem der nächsten Tage ruft Sandra* an und erzählt von ihrer letzten Beziehung, die zerbrochen sei, obwohl eine göttliche Eingebung ihr das Gegenteil vorausgesagt habe. Jetzt sei sie wieder verliebt. "Ich würde sagen, du solltest euch Zeit geben und auf dein Gefühl achten..." Sandra fällt mir ins Wort: "Ich will nicht wissen, was du sagst, sondern was die oben sagen." – "Hm, es gibt eventuell eine Chance in den nächsten drei Monaten", improvisiere ich. "Eventuell ist keine Aussage, die von oben kommt", schimpft sie und legt auf.

Das Gespräch irritiert mich, und ich schreibe Sandra per Mail: Wo bleibt unsere Freiheit, wenn alles vorherbestimmt ist? Es dauert, bis sie reagiert: "Die geistige Welt lebt nicht in der linearen Zeit. Daher wissen die, wie eine Situation ausgeht. Und dann können sie es halt auch sagen!"

Nora: Menschen leben in Fantasiewelten

Nora Isis*, die als "Engel- und Kartenmedium" seit zehn Jahren von esoterischer Beratung lebt, kennt diese Anspruchshaltung. "Viele verwechseln uns mit der Arbeitsagentur oder einer Partnervermittlung", erzählt sie. Eine ihrer Kundinnen habe sich in ihren Hausarzt verliebt und insgesamt 31-mal angerufen, um zu fragen, wann sie endlich mit ihm zusammenkomme, eine reine Fantasiewelt. "Sagst du ihr das so?" – "Nicht wirklich", antwortet Nora Isis. "Wenn ich ihr nicht sage, was sie hören will, ruft sie woanders an. Und gibt mir eine schlechte Bewertung."

Der Psychologe Ray Hymans hat beschrieben, wie man Fremde zu Jüngern seiner Hellsichtigkeit macht. Die wichtigste Formel lautet, ihnen jene Antworten zu geben, die sie wünschen. Eine andere: selbstbewusstes Auftreten plus vage Aussagen. Wie erfolgreich die Mischung aus Autorität und Uneindeutigkeit ist, hatte bereits 1949 der Psychologe Bertram Forer gezeigt: Er legte seinen Studenten einen aus Zeitungshoroskopen zusammengesetzten Text als individuelle Auswertung eines Persönlichkeitstests vor. Nahezu alle Probanden sahen sich darin treffend beschrieben.

Leserkommentare
  1. Dass sich Menschen beschwingt fühlen durch inhaltleere Sätze, dass man so leicht ermutigen kann und dass einfaches, einfühlsames Zuhören ohne der Präsentation von Lösungen, helfen kann, ist doch eigentlich etwas Gutes.

    Verwerflich ist es damit Geld zu verdienen.

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    Diese Funktion sollten in der Tat eigentlich Freunde und Familie haben.
    Wie bitter ist es, dass diese Frauen lieber einen Wildfremden konsultieren, dem sie völlig ungerechtfertigt die Autorität zubilligen, über ihr Leben zu entscheiden, als dass sie sich bei der besten Freundin ausheulen und sich dort Unterstützung und Mut holen.

    aufzufallen:
    "Dass sich Menschen beschwingt fühlen durch inhaltleere Sätze, dass man so leicht ermutigen kann und dass einfaches, einfühlsames Zuhören ohne der Präsentation von Lösungen, helfen kann, ist doch eigentlich etwas Gutes.

    Verwerflich ist es damit Geld zu verdienen."

    Politiker haargenau das Gleiche tun und dabei mit hohen Summen vom Staat finanziert werden. Von den Milliarden, die sie in ihrer Tätigkeit verbrennen mal ganz zu schweigen.

    Wennn das Grundgesetz der Gleicheit gelten sollte, müssten Esoteriker dabei mit hohen Summen bezahlt werden, wie die Politiker...

  2. ...bekommt kostenlos bei der Telefonseelsorge.

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    ... die nur anrufen sollte, wer in einer wirklich ernsten Krisensituation ist. Sonst blockiert man die Leitungen dort für Menschen, die evtl. suizidal sind.

  3. Es bleibt zu hoffen, dass das neimand als Berufsberatung ansieht. Mittelalten Hausfrauen die Erfüllung aus dem morgendlichen Kaffeesatz zu lesen ist sicher eine einfachere Erwerbsquelle als den ganzen Tag im Büro vor dem Rechner zu hocken. Und Dank Facebook, Google und Co. kann man über fast Jede(n) ziemlich viel herausbekommen... meine Glaskugel sieht gerade viel leicht verdientes Geld :-)
    Die hohe Kunst wäre freilich Guru, dann muss man Ernst bleiben und so tun, als glaubte man selbst daran...

  4. ... die nur anrufen sollte, wer in einer wirklich ernsten Krisensituation ist. Sonst blockiert man die Leitungen dort für Menschen, die evtl. suizidal sind.

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  5. ...sitzen manchmal nachts vor dem Fernsehen und schauen den Astrokanal ! Die Hellseherinnen, meist in esoterische Kleider von Imagini gehüllt, sitzen vor Putten und Engelsstatuen aus dem Baumarkt ( die man dort auch für einen exorbitanten Preis erstehen kann) und "channeln" dort die Anrufer direkt zum "großen Rat" oder zu einem Cherubin !
    Auch wenn das Thema im Kern ziemlich traurig ist, ist das Ganze brüllend komisch, mehr eine Sitcom !

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  6. "... von da an steht mein Handy nicht mehr still ..."
    "...ständig erreichen mich neue Anfragen ..."
    "... irgendwann kopiere ich meine Beratungen nur noch aus vorigen zusammen"

    bei 83 Cent Tarif, von denen 53 ans Portal gehen, bleiben Ihnen 30 Cent pro Minute. Wenn Sie mit Ihrer Bemerkung vom Kontostand von weniger als 20 Euro sagen wollen, dass nicht mehr dabei rüber kam, haben Sie gerade mal 33 Minuten lang wahrgesagt.

    Wollen Sie mit diesem Artikel die Fähigkeit zum Kopfrechnen bei den Zeitlesern testen? Oder haben Sie den Porsche unterschlagen, den Sie sich noch schnell gekauft haben, bevor Sie auf Ihren Kontostand guckten? :-)

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    "bei 83 Cent Tarif, von denen 53 ans Portal gehen, bleiben Ihnen 30 Cent pro Minute. Wenn Sie mit Ihrer Bemerkung vom Kontostand von weniger als 20 Euro sagen wollen, dass nicht mehr dabei rüber kam, haben Sie gerade mal 33 Minuten lang wahrgesagt.

    Wollen Sie mit diesem Artikel die Fähigkeit zum Kopfrechnen bei den Zeitlesern testen? "

    Offenbar wäre der Test angebracht.
    20 Euro entspricht nicht 33 Minuten Wahrsagen, sondern 66, also eine gute Stunde.

    Oder war der Koffeinpegel noch nicht hoch genug?

    Weil es gerade so schön passt:
    http://www.zeit.de/2013/2...

  7. "bei 83 Cent Tarif, von denen 53 ans Portal gehen, bleiben Ihnen 30 Cent pro Minute. Wenn Sie mit Ihrer Bemerkung vom Kontostand von weniger als 20 Euro sagen wollen, dass nicht mehr dabei rüber kam, haben Sie gerade mal 33 Minuten lang wahrgesagt.

    Wollen Sie mit diesem Artikel die Fähigkeit zum Kopfrechnen bei den Zeitlesern testen? "

    Offenbar wäre der Test angebracht.
    20 Euro entspricht nicht 33 Minuten Wahrsagen, sondern 66, also eine gute Stunde.

    Oder war der Koffeinpegel noch nicht hoch genug?

    Weil es gerade so schön passt:
    http://www.zeit.de/2013/2...

    Antwort auf "Ein neues Experiment?"
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    ... es sind ja zwei Teilnehmer im Spiel :-)

    aber stimmt schon mit dem Koffeinspiegel :-)

  8. Das ist nun in relativ kurzer Zeit mind. der 3. Artikel der sich im weiten Feld "Esoterik" tummelt. Dieses Mal sind es Manuela* und Steffi* die bemitleidenswert und verloren dargestellt werden, ausgenutzt von einer skrupellosen Industrie. Immerhin sind sie hier keine "Autisten".

    Sehr schade finde ich, das die Artikel der letzten Zeit sich teils detailliert mit den Symptomen und Folgeerscheinungen esoterischer Eskapaden beschäftigen, aber von einer Zeitung wie der ZEIT würde ich doch mehr Ursachenforschung erwarten. Symptome kann ich mir bei einfacher gestrickten Medien abholen.
    Warum boomt denn dieser Markt so sehr?
    Warum wird östliche Lehre nicht nur im Yoga bei uns stetig populärer?
    Was treibt immer mehr Menschen in die ausgebuchten Seminare und die überfüllten Seminarhäuser?

    Ich finde es einfach zu beschreiben wie "verführt" oder auch "labil" oder gänzlich in der Irrung gefangen diese Menschen sind. Aber in der ZEIT möchte ich nicht "einfach" lesen, "einfach" hab ich schon.
    Bitte wendet euch doch diesem Thema mal weniger populär zu. Unsere Gesellschaft befindet sich doch scheinbar in spiritueller Auflösung und/oder Neu-Orientierung. Dabei kann es ich doch nicht nur um Opfer handeln. Bzw. wenn ja, wessen Opfer sind das?

    3 Leserempfehlungen
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    • EKGT
    • 05. Juni 2013 8:23 Uhr

    Theorie zu dem Thema sind Bei Adorno, "Thesen gegen den Okkultismus" und auf ZON "Die Metaphysik der dummen Kerle" (06.07.2000) zu finden

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