Nichts ist leichter, als sich über Esoterik lustig zu machen. Auch weil moderne Esoteriker extrovertiert sind. Sie behaupten, sie seien auf einem inneren Weg, kehren aber ihr Innerstes ständig nach außen. Ihr vorgebliches Geheimwissen über das menschliche Dasein posaunen sie laut in die Welt hinaus. Esoteriker treffen sich auf einem Markt, wo die Hoffnung zu Schleuderpreisen verkauft wird. Trotzdem zählen sie sich zum exklusiven Club der Erleuchteten. Für sie sind das Exklusive und das Populäre, das Göttliche und das Alltägliche kein Gegensatz.

Moderne Verkäufer des Esoterischen bedienen sich gern aus der Requisite des Heiligen, um die profansten Wünsche zu erfüllen: Schutzengel sollen Liebeskummer abwehren, Mondsteine böse Träume verscheuchen, und Handauflegen soll die Karriere befördern. Wer sich den boomenden Esoterikmarkt anschaut, könnte denken, die Maximen der Aufklärung seien völlig vergessen: Wage, vernünftig zu sein! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!

Ist der Verstand ausser Mode? Die Vorliebe für magischen Klimbim und das Interesse an allem Übersinnlichen verraten ein Unbehagen an unserer rational geordneten Welt. Woher aber kommt der Hang zum Irrationalen? Woher die Sehnsucht nach höheren Mächten und überirdischen Welten? Dass in Deutschland 500 Millionen Euro Jahresumsatz mit Esoterikbüchern gemacht werden, erklärt ja noch nicht, wonach die wachsende Kundschaft all der Wahrsager, Medien und Seelenmasseure sucht.

Vielleicht kommt man einer Antwort näher, wenn man sich daran erinnert, dass im abendländischen Denken Esoterik und Vernunft nicht immer verfeindet waren. "Die eigentliche Heimat der Vernunft", schrieb Platon, "ist zugleich auch die Heimat der Seele." Der griechische Philosoph war von der Beseeltheit der Gestirne überzeugt, warb aber zugleich für vernunftgemäßes Handeln. Für ihn waren Glauben und Denken kein Gegensatz. Pythagoras glaubte an Seelenwanderung und formulierte doch mathematische Lehrsätze. Ein Faible fürs Übersinnliche findet sich später sogar bei den Begründern der exakten Naturwissenschaften. Der Physiker Newton verfasste Aufsätze über die Offenbarungslehre der Hermetik, die unter anderem auf den mythischen Götterboten Hermes zurückgeht. Die Astronomen Galilei und Kepler praktizierten Astrologie, eine Fächerkombination, die an mittelalterlichen Universitäten selbstverständlich gelehrt wurde. Sie alle betrachteten die Welt sowohl rational als auch esoterisch – der subjektive Weg eines Menschen zur Wahrheit und die objektive Betrachtung der Welt schlossen einander nicht aus, sondern ergänzten sich. Esoterik bedeutete einfach nur, andere Erkenntniswege zu beschreiten.

Esoterik lebt von der Distanz zu autoritären Institutionen

Vielleicht ist dieser Weg heute so populär, weil er lange eine positive Option der abendländischen Kultur war: Es ging darum, Glauben und Wissen beisammenzuhalten. Diese Einheit wurde infolge der Aufklärung auseinandergerissen – durch eine rationalistische Theologie (die jedes Erfahrungswissen ablehnt) und eine selbstherrliche Naturwissenschaft (die alles verbannt, was nicht mit ihren Methoden zu beweisen ist). "Ich denke, also bin ich", hatte der Philosoph René Descartes, Vater der Aufklärung, postuliert. In dem Satz verband er Erkenntnisoptimismus mit dem Wissen um die Grenzen der Erkenntnis. Seine Zweifel wurden dann von anderen ignoriert. Man verlachte Erkenntnislehren wie die Gnosis, die Mystik, die kabbalistische Hermeneutik oder das Freimaurertum, die sich auf den inneren Weg berufen hatten.

Heute banalisieren allerlei Scharlatane die Rede vom "inneren Weg" – doch wer hierzulande ernsthaft "esoterisch" unterwegs sein will, kann sich auf eine lange Tradition der Innerlichkeit berufen. Sie ist nicht durch den Kauf eines Heilwassers zu haben. Zu ihren Gewährsleuten gehören Dichter wie Goethe und Novalis, die esoterisches Denken salonfähig machten fürs gebildete Bürgertum, indem sie dem menschlichen Bedürfnis nach Transzendenz neuen Ausdruck verliehen. Wer den Faust liest oder die Hymnen an die Nacht, taucht in die klassische Esoterik des Abendlandes ein.