Balkan : Die stillen Opfer der Euro-Krise

In den Jahren des Aufschwungs zog die EU den Westbalkan mit, jetzt verschärft sie seine Misere.

Denkt man an die Krise in Europa, kommen einem Griechenland oder Spanien in den Sinn. Von Serbien, Bosnien, Montenegro oder dem Kosovo spricht niemand, wenn es um Regierungsgipfel und Rettungsmilliarden geht. Dabei hinterlässt die Euro-Krise auch hier tiefe Spuren.

Nach den Jugoslawienkriegen in den neunziger Jahren war die EU ein Versprechen, heute erzeugt sie Verdruss. Damals lag die Wirtschaft in Südosteuropa am Boden, Milliarden aus Europa flossen in die Region, und es ging langsam aufwärts. Doch mit der Krise versiegten die Geldströme aus dem Ausland, und die Nachfrage nach Produkten aus der Region brach ein. Kleine und mittlere Unternehmen bekamen keine Kredite mehr, viele Fabriken mussten schließen. In ganz Südosteuropa schrumpfte die Wirtschaft, mit Ausnahme Albaniens.

Das Resultat ist Massenarbeitslosigkeit. In Bosnien und im Kosovo liegt sie bei mehr als 40 Prozent. Etwa jeder zweite unter 25-Jährige ist ohne Job. Die Armut grassiert. Ein EU-Bürger trägt im Schnitt knapp 25.000 Euro zur Wirtschaftsleistung seines Landes bei, ein Bosnier nur gut 7.000 Euro.

Dabei schien der Westbalkan auf einem gutem Weg. Seit der Jahrtausendwende wuchsen die Volkswirtschaften in Südosteuropa mit beachtlichen Raten, die Arbeitslosigkeit nahm langsam ab, und einige Industrieunternehmen wie Siemens und Henkel oder Modefirmen wie Benneton verlagerten – angelockt von niedrigen Steuern und Lohnkosten – Teile ihrer Produktion nach Serbien. Europäische Banken versorgten die Region mit Krediten. Die EU wurde zum größten Abnehmer von Maschinenbauteilen aus Serbien und Wein aus Mazedonien. "Die Krise kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt", sagt Vedran Dzihic, Politikwissenschaftler des Österreichischen Instituts für internationale Politik.

Die Euro-Krise zeigt die Schwächen der Region

Die Euro-Krise entblößte die Schwächen der Volkswirtschaften in der Region: Die Balkanstaaten importieren weit mehr Waren, als sie exportieren. "Wie mit einem Vergrößerungsglas hat die Finanzkrise die strukturellen Probleme in den Westbalkanstaaten offenbart", sagt Dzihic. Eigentumsverhältnisse blieben ungeklärt, der Arbeitsmarkt blieb unflexibel, die Politik intransparent und korrupt. In einem Index der Weltbank, der die Rahmenbedingungen für Unternehmen bewertet, teilen sich die Staaten des Westbalkans mittlere bis hintere Plätze der Rangliste. Bosnien und Herzegowina als Schlusslicht landet noch hinter Kenia oder Uganda.

Obwohl Arme und Arbeitslose kaum von einem sozialen Netz aufgefangen werden, kommt es anders als in Griechenland oder Spanien bislang nicht zu Massendemonstrationen. "Die Bevölkerung scheint sich mit der hohen Arbeitslosigkeit abgefunden zu haben", sagt Mario Holzner vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Die Menschen hätten resigniert.

Doch das ist alles andere als beruhigend für die EU-Länder. Mit ihrer massiven Hilfe hatten die südosteuropäischen Staaten erst vor wenigen Jahren den Übergang vom Krieg zum Frieden, von gelenkter Staatswirtschaft zu freier Marktwirtschaft, von autokratischen zu demokratischen Gesellschaften vollzogen. Die Begeisterung für Europa und die Aussicht auf einen EU-Beitritt waren eine treibende Kraft bei der Demokratisierung. Politiker konnten mit dem Versprechen einer EU-Mitgliedschaft Wahlen gewinnen und umstrittene Reformen durchsetzen.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Armes Serbien.,....

Aber selbstverständlich , am besten wäre es noch wenn sich alle Balkanstaaten die von Serbien in den 90iger jahren überfallen wurden noch bei Milosevic und Co. entschuldigen, dafür das sie sich nicht einfach wehrlos haben umbringen lassen. Sarajevo hat die längste Belagerung von 3 Jahren ! erlebt von serbischer Seite und sie wimmern hier rum wegen was? 3 Monaten Beschuss, sehr süss wirklich. Für meinen Geschmack war es zu wenig, Belgrad hätte noch viel mehr von Natobomber verdient! Der Angriff der Nato kam viel zu spät und BEGRÜNDET! Aber das vergessen Serben nur allzu schnell vor allem seit den Relativierungsversuchen in den letzten Jahren von serbischer Seite, die armen bösen Serben sind alles Opfer gewesen, ja ne is klar. Es gab ja überall eine böse Seite, NATÜRLICH wie kann es auch anders gewesen sein tztztz

Missachtung des Kausalitätsprinzips

Hier wird einerseits am Artikel vorbei kommentiert. Andererseits verkennt der Verfasser des Kommentars das Prinzip Ursache und Wirkung. Gebetsmühlenartig zu wiederholen,
a) dass Serbien der Aggressor gegen Slowenien, Kroatien, Bosnien und Kosovo war;
b) dass der Luftangriff als ultima ratio nach etlichen (!!) Verhandlungsversuchen (und nicht eingehaltenen Übereinkünften von Seiten Serbiens!) nötig war, um den anhaltenden Exodus und die Tötung der albanischen Bevölkerung des Kosovo zu unterbinden.

Ich rate an, einen objektiven Blick auf den Balkankonflikt zu werfen, damit ein gutes Informationsportal wie dieses hier nicht weiterhin mit unqualifizierten Beiträgen im Niveau gesenkt wird.

@ 16. Missachtung des Kausalitätsprinzips

Richtig, historischer Grund liefert immer erneut die Grundalge der gegenwärtigen Politik.

Ein Bürgerkrieg um das Territorium nach dem voraussehebaren, schon längst , wie die spätere Zeugen bezeugen werden eingeordneten Zerfall der ehemaligen Föderation. Die Abspaltung Slowenien haben nach eigenen Aussagen die Präsidenten Sloweniens Kucan und Serbien Milosevic am 21. Januar 1991 vereinbart. Deswegen dauerten die Angriffe an jugoslawische Armee die übrigens von der föderalen Regierung befohlen wurde die Zollkontrollen auf den Grenzen zu übernehmen weniger von einer Woche.

In Kroatien und Bosnien und Herzegowina wollten sich die Kriegsparteien auf gar nicht anderes als auf den Krieg verständigen. Bekanntlich lebten vor der Vertreibung aus Kroatien ca. 17% Serben die eine Abspaltung ablehnten. In Bosnien war die Lage noch verwirrter weil dort Kroaten, bosnische Moslems und Serben gegeneinander kämpften. Soweit in inneren jugoslawischen Konflikten der Kampf um das Erbe und Territorium mit allen rechten im Mittelpunkt stand, von Außen waren die Ziele nicht eindeutig. Neben anderem ist der Bürgerkrieg die Gelegenheit ein ideologisches Regime zu stürzen, oder durch Unterstützung gewissen Kriegparteien geopolitische Ziele durchzusetzen.

Darüber gab neulich die erste Sprecherin des ICTY(Haager Tribunal) Florence Hartmann:

Großmächte wollen Alibi über ICTY für sich (kroatisch)

http://dalje.com/hr-svije...

Populismus

Mit Populismus bezeichnet man eine wirtschaftlich und gesellschaftlich unvernünftige Entscheidung, die aber im Volk populär ist.

Populismus bezeichnet eben NICHT eine dem Volk genehme Meinung, sondern die Unvernunft muss hinzu kommen, um von Populismus sprechen zu können.

Wenn sie sich jetzt hinstellen und sagen: "Blabla ich verstehe aber unter Populismus etwas anderes und jeder, der Populismus schreibt ist ein Feind der Demokratie", dann werden sie halt nur Anhänger finden, die der Deutschen Sprache nicht mächtig sind.