Es sind nicht nur Nationalisten oder frustrierte Konservative, die jetzt den Euro infrage stellen. Sondern auch enttäuschte Sozis. Joachim Jahnke war lange in der SPD, dann trat er wegen Schröders Agenda-Reformen aus der Partei aus. 2005 begann Jahnke zu bloggen: gegen Niedriglöhne und Steuerdumping, später auch gegen die Sparpolitik der Kanzlerin. Jahnke brauchte kein Parteibuch, um im Kosmos der Sozialdemokratie gehört zu werden.

Und nun hadert dieser Linke auf einmal mit dem Euro.

Dabei ist Joachim Jahnke kein linker Spinner, auch kein D-Mark-Nostalgiker: Er hat im Bundeswirtschaftsministerium gearbeitet, in den Achtzigern, als es darum ging, Osteuropa auf die Beine zu helfen. Er war Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, in den Neunzigern. Er war immer für Europa, auch für eine gemeinsame Währung. Doch jetzt sagt er Sätze wie: "Aus heutiger Sicht war der Euro ein Fehler. Denn wir haben damit nur Merkels falsche Politik nach Europa exportiert."

Mehrmals pro Woche verschickt Jahnke seine Analysen per Mail, auch an Bundestagsabgeordnete und Gewerkschafter. Viele von ihnen leiten seine Mails weiter oder verwenden seine Schaubilder. So vergrößert sich der Kreis der Empfänger um ein Vielfaches. Und Jahnkes Kritik dringt immer tiefer in die Sozialdemokratie ein.

Vier Monate vor der Bundestagswahl brodelt es in der SPD – im Umfeld der Partei, aber auch in ihrem Kern, der Bundestagsfraktion. Niemand will sich mit Namen zitieren lassen, weil Kritik am Euro als extrem heikel gilt. Doch viele Abgeordnete fragen sich, ob sie mit ihrer Zustimmung zu den Rettungspaketen im Bundestag wirklich die Währung gestärkt haben – oder in Wahrheit nicht bloß die Kanzlerin.

Der interne Frust über die von der Fraktionsspitze verordnete Abstimmungslinie – Merkels Euro-Kurs kritisieren, aber im Parlament immer dafür stimmen – wird von außen genährt. Zum Beispiel durch neue Umfragen. Laut infratest dimap nennen 70 Prozent der Deutschen als Hauptursache des SPD-Tiefs nicht etwa die Schwächen des Kandidaten oder dessen Ankündigung, nach der Wahl die Steuern zu erhöhen – sondern die mangelnde Unterscheidbarkeit in der Krisenpolitik. Im Umfeld der SPD hat das Absetzen vom Euro bereits begonnen. Durch bloggende Ökonomen wie Joachim Jahnke; vor allem aber durch intellektuelle Vordenker der Partei wie Fritz Scharpf oder Wolfgang Streeck. Die beiden Wissenschaftler vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung sind in der SPD hoch angesehen. Inzwischen fordern sie ganz offen die Abkehr vom Euro. Auch das zeigt Wirkung.

Eine Anti-Euro-Bewegung, die am rechten Rand nach Stimmen fischt und bei der Bundestagswahl antreten wird: Daran musste man sich in Deutschland gerade erst gewöhnen. Doch nun zweifeln auch immer mehr Linke an der gemeinsamen Währung. Und das setzt im Wahlkampf vor allem die SPD unter Druck.

Die Forderung, dass alle Optionen auf den Tisch müssen, wird lauter

Dabei waren es gerade die Genossen, die mit der Einführung des Euro große Hoffnungen verbanden. Oskar Lafontaine nannte die gemeinsame Währung eine "Grundlage für Wachstum und Beschäftigung" in Europa, Rudolf Scharping schwärmte von "stabilen und fairen" Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft. Es war die Zeit, in der die nationalen Währungen in Europa regelmäßig Ziel spekulativer Attacken wurden, denen die Politik wenig entgegenzusetzen hatte. Damals, Ende der neunziger Jahre, schwärmte der Philosoph Jürgen Habermas von der "Wiedergewinnung politischer Steuerungskapazitäten auf supranationaler Ebene", die angesichts globaler Märkte und offener Grenzen verloren gegangen seien.

Für viele Linke war der Euro ein Mittel zum Zweck: Er sollte den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat in ganz Europa verbreiten. Er sollte den Einfluss der Bundesbank begrenzen. Und er sollte dabei helfen, die Nationalstaaten zu überwinden.

Nichts davon ist eingetreten. Im Gegenteil: Die Schuldenkrise zwingt die Staaten des Südens zu einer beispiellosen Kürzung von Löhnen und Sozialleistungen. Die Europäische Zentralbank stellt sich in die Tradition der Bundesbank. Und in Europa gibt die Bundeskanzlerin den Ton an.

Deutschland sollte europäischer werden – stattdessen wird Europa deutscher.

"Wir haben uns von falschen ökonomischen Theorien und unserer Europa-Begeisterung täuschen lassen", schrieb Fritz Scharpf kürzlich in einem Beitrag für das SPD-nahe Debattenmagazin Berliner Republik. Die Währungsunion erzeuge "zwischen den europäischen Völkern Misstrauen, Verachtung und Feindschaft". Wem Europa am Herzen liege, der müsse "den Abschied vom Euro befürworten".

Wie dieser Abschied aussehen könnte, beschreibt Wolfgang Streeck in seinem neuen Buch Gekaufte Zeit, einer Pflichtlektüre vieler Sozialdemokraten: Darin schlägt er "die Rückkehr zu einem geordneten System flexibler Wechselkurse in Europa" vor.