Fundamentalchristen : Gloria-Komplott

Aus der Schweiz wurden die Gestalter eines radikal-klerikalen Internetsenders vertrieben. Nun sammelt sich die katholische Fundamentalistentruppe in Wien

Das Haus Große Sperlgasse 33 in der Wiener Leopoldstadt wirkt unspektakulär: ein Betonklotz, eingepfercht zwischen Altbauten. Einzig das hellrote Gitter vor dem Eingang sticht ins Auge. Es ist nicht ohne Grund angebracht. Wer hier eingelassen wird, betritt eine Parallelwelt, die Welt der katholischen Fundamentalisten. Das Haus ist Sitz des Österreichablegers von Human Life International (HLI), einer weltweiten Organisation von militanten Abtreibungsgegnern – und ein Zentrum für die Verbreitung von katholischem Glaubensfuror.

Hier haben nämlich auch Gesinnungsgenossen Unterschlupf gefunden, die an der Türklingel gar nicht aufscheinen: das österreichische Team von Gloria TV, einem Internetportal, das einen extremistischen Katholizismus propagiert. Eva Doppelbauer, 30, und Julia Blaimschein, 29, zwei Theologie-Doktorandinnen an der Uni Wien, produzieren hier Gloria Global, eine tägliche Nachrichtensendung, in der konservative Kirchenleute gepriesen und Verbündete aus der Politik in den Himmel gehoben werden.

In dem Newsflash für Intensivchristen (Begrüßung: "Laudetur Jesus Christus!") wird der Salzburger Weihbischof Andreas Laun für seine harte Linie in Abtreibungsfragen beweihräuchert, oder der BZÖ-Politiker Ewald Stadler darf seine Verschwörungstheorien über Freimaurer ausbreiten. Nach dem Verschwinden von kreuz.net, einem häufig hetzerischen Internetportal, ist Gloria TV eine der ersten Adressen für fundamentalistische Katholiken. Nach eigenen Angaben verzeichnete die alternative Glaubensplattform allein im März über fünf Millionen Zugriffe.

Ursprünglich nur eine Außenstelle, ist das Studio in Wien inzwischen die einzige feste Bastion der digitalen Kreuzritter. Wohl deshalb sah man Eva Doppelbauers Bruder Markus, wie er vor einigen Wochen, mit drei Reisekoffern bepackt, nahe der Großen Sperlgasse aus einer U-Bahn-Station stieg. Der ausgebildete Informatiker und geweihte Priester reiste aus dem Schweizer Bergdorf Sedrun an, wo er die vergangenen sieben Jahre lebte. Im Pfarrhaus des Ortes in Graubünden war bis dahin die Zentrale von Gloria TV untergebracht. Der Kopf des Portals, der Schweizer Reto Nay, wirkte dort als Seelenhirte. Doppelbauer war ohne offizielles Amt in Sedrun, Nay stellte ihn stets als "Privatvikar" vor.

Eine weitere Mitstreiterin, die Moldawierin Doina Buzut, war als Haushälterin des Dorfpriesters gemeldet. Vom Pfarrhaus aus betreuten die drei die Webseite. Anfang März gingen Nay und seine Entourage zu weit: Sie diffamierten deutsche Bischöfe, welche Verhütungspillen befürworten, mit einem Hakenkreuz. Die Sedruner Kirchenbehörde entließ Reto Nay, der mit seiner Entourage abtauchte. Hin und wieder meldet er sich nun mit Videobotschaften zu Wort.

Wo sich Nay, genannt Don Reto, aufhält, ist unbekannt. Gut möglich, dass er in Österreich Unterschlupf sucht. Hier ist Gloria TV entstanden.

Hoffnungsträger der Fundamentalisten

Die Geschichte der Gruppe beginnt in den späten neunziger Jahren in Linz. Dort bildete sich die katholische Bewegung Jugend fürs Leben, die gegen die Fristenlösung und aufgeklärte Katholiken agitierte. Mit dabei waren die Doppelbauers und Julia Blaimschein.

Auch ein Dozent von Markus Doppelbauer, der nach einem Informatikstudium am Internationalen Theologischen Institut, einer päpstlichen Privatuniversität in Gaming, Theologie studierte, freundete sich mit der Bewegung an: Reto Nay. Er hatte am päpstlichen Bibelinstitut in Rom seine Doktorarbeit geschrieben und galt als Hoffnungsträger der katholischen Fundamentalisten. Bei Veranstaltungen der Jugend fürs Leben profilierte er sich als brillanter Redner in einem Milieu, das nicht gerade mit intellektuellen Überfliegern reich gesegnet ist. Die selbst ernannten Lebensschützer sahen zu Don Reto auf. Für Markus Doppelbauer wurde der Prediger zum Mentor.

Als im Herbst 2003 im Priesterseminar der Diözese St. Pölten ein Skandal um kinderpornografische Bilder und Filme aufflog, war Markus Doppelbauer Kaplan von Bischof Kurt Krenn. Der tat den Skandal als "Bubenstreich" ab und musste den Hut nehmen. Auch der damals 25-jährige Doppelbauer ging und trat ins Priesterseminar Liechtenstein ein – ein bekannter Hort erzkatholischer Kräfte.

Reto Nay wirkte derweil in Moldawien und soll dort im Jahr 2005 Gloria TV gegründet haben. Ein Jahr später kehrte er in die Schweiz zurück und übernahm in Sedrun das Amt des Dorfpfarrers. Mit dem Gehalt der katholischen Kirche konnten er und seine Haushälterin Doina Buzut sich ernähren, während die Sorge für die 1.700 Seelen des Ortes genug Zeit ließ, um den Onlinesender zu betreuen.

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Kommentare

284 Kommentare Seite 1 von 21 Kommentieren

Ihr relativieren hilft da gar nix.

Welchen Unterschied meinen denn?

Vielleicht den: Vor 100 jahren wurde im damaligen "Belgisch Kongo" auf Erlaß von König Leopold II für Arbeitsverweigerung, zu langsames Arbeiten und Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit innerhalb von rund 20 Jahren ca. 10.000.000 (Millionen) Kongolesen - die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung - umgebracht.

Die katholische Kirche war immer dabei. So taufte man z.B. vor der Hinrichtung die Ärmsten mit den Worten: Dann kommt ihr wenigstens als Christen in den Himmel. Haben Sie vielleicht eine Steugerung für diesen erbärmlichen Zynismus?

Im Übrigen läßt sich diese Liste beliebig fortführen....

Ja ja, die kleinen Unterschiede.

Gut - dann anders herum. Als "christliche Fundamentalisten" bezeichnet man Menschen, deren Glauben sich an der wortgetreuen Bibelauslegung ausrichtet. Diese "Christen" beziehen ihre Glaubenssicherheit aus der "absoluten Wahrheit" und "Irrtumslosigkeit" des Wortes Gottes (also BIbel) auf alle - also nicht nur auf Glaubensbereiche.

Das wars' und hat absolut nichts (null Beziehung) mit einer "Verkettung" eines islamischen Fundamentalismus zu tun.

Da kann ich Sie auch fragen: Was hat Ihr Beitrag mit dem Artikel zu tun?

Fundamentalismus wird wohl wieder modern.

"Christlicher Fundamentalismus" ist definitiv der Glaube an das geschriebene Wort in der Bibel. Nichts hat in derem Glauben daneben Bestand - nur das (eben Gottes) Wort.

Wie man nach unseren heutigen Maßstäben und vor allem Erkenntnissen eine Schrift, die zig Mal umgeschrieben, verändert und in Teilen verfälscht wurde, zum Maß aller Dinge nehmen kann, wird sich mir nie erschließen. Ein fester Glaube, selbst wenn noch so skuril ist wie bei den Kreationisten, Zeugen Jehovas oder den Anhängern eines John Smith in den USA muß bei den Gläubigen etwas ungemein faszinierendes an sich haben.

Sicher, Luther hat auch die die Abkehr von der Wortgläubigkeit gepredigt, aber er konnte nicht verhindern, daß sich z.B. in seinem Namen und Gefolge der Calvinismus mit seiner kalten Wirtschaftsethik breit machen konnte. Halb Skandinavien leidet heute noch darunter - von Teilen der Schweiz und Schwabens mal ganz zu schweigen.

Aber diese ev. Kirche würde niemals - wie Ratzinger zuletzt - Holocaust-Leugner, Kichenspalter und Erzkonservative wie Marcel Lefebvre in den Schoß der Kirche zurückholen. Aber Ratzinger war schon immer der Meinung: Da verliere ich lieber in Europa drei Millionen Gläubige - habe dafür aber den Rest der Welt um so fester im Griff.

Das ist eine Rückkehr zum mittelalterlichen Fundamentalismus, den ich in einer "modernen" Kirche nach der Aufklärung nicht mehr für möglich gehalten habe. Wobei ich,was ich betonen muß, unter modern nichts dem Zeitgeist angepaßtes sehen möchte.