Einen Parteitag wie den der Grünen 1985 in Bad Godesberg hat es seitdem nie mehr gegeben, bei keiner Partei. Schreiende Frauen rissen der Tagungsleitung die Mikrofone aus den Händen. Vermummte Jugendliche, die mit der "Indianerkommune" angereist waren, warfen mit Senfbomben und schossen aus Wasserpistolen. Kinder mit Ku-Klux-Klan-Masken traktierten die Redner mit Händen und Füßen, woraufhin einer von "faschistischem Gesindel" sprach. Hinter der Bühne kam es zu Handgreiflichkeiten. Jemand rief "Mutterliebe ist Kindesmissbrauch". Was war geschehen?

Zwei Wochen vorher hatte die Partei in Lüdenscheid die Straflosigkeit des "gewaltlosen Sexualverkehrs mit Kindern" gefordert. Die zwanzigköpfige Arbeitsgemeinschaft "Sexualität und Herrschaft", genannt SchwuP (Schwule und Pädophile), hatte sich dafür starkgemacht. Im Windschatten der Schwulenbewegung hatten Pädophile nach dreistündiger Diskussion durchgesetzt, dass im Wahlprogramm der NRW-Grünen gefordert wurde, "das gesamte Sexualstrafrecht zu streichen".

Daraufhin standen die Grünen, wie die taz damals höhnisch schrieb, nicht nur in der gesamten Presse als "Kinderficker" da. Der damalige Justizminister Hans Engelhard erklärte, wenn es nach den NRW-Grünen ginge, wären demnächst schon "sechsjährige Jungen und Mädchen auf dem Schulweg nicht mehr sicher, durch sexuelle Angriffe von Erwachsenen nachhaltig geschädigt zu werden".

Es war aber nicht nur die Kritik von außen, die bei den Grünen für Umkehr sorgte. Es war die Basis der Partei, die damals die Stimme der Vernunft repräsentierte: Sämtliche Kreisverbände und die Feministinnen des NRW-Landesverbands setzten eine außerordentliche Konferenz in Bad Godesberg durch, bei welcher der zwei Wochen alte Beschluss zurückgezogen wurde. Vorsichtig, aber deutlich sagte der Sprecher des Landesverbandes, Michael Happe, die Pädophilen praktizierten in ihren sexuellen Beziehungen zu Kindern eine Form von Sexualität, die "in die Nähe eines Ausbeutungsverhältnisses" kommen müsse.

Es half nichts. Der Beschluss von Lüdenscheid kostete die Grünen 1985 den Einzug in den Landtag, so vermutet es heute auch der Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Jürgen Trittin. Die Partei will jetzt die Vorgänge von Sachverständigen aufklären lassen.

Heute regieren die Grünen in NRW gemeinsam mit der SPD. Reiner Priggen, Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, trat der Partei 1984 bei. Die Grünen seien eben von Anfang an eine Partei gewesen, die sich stark für Minderheiten engagiert habe. Damals war Homosexualität noch strafbar – und das zu ändern sei das Hauptanliegen der Partei gewesen. "Ich bin seit 30 Jahren bei den Grünen", sagt Priggen. "Einen solchen Beschluss wie in Lüdenscheid hat es seither nie wieder gegeben."

Niemals, so ergänzt der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, hätten die Grünen im Bundestag die Legalisierung von Sex mit Kindern gefordert.