Vielleicht ist der Fall Hoeneß ein Kipppunkt. Nicht nur in der Karriere des Ex-Stürmers und Noch-Präsidenten des FC Bayern München. Sondern auch im Umgang der Gesellschaft mit Skandalen: Wird hier, das ist die Frage, noch ein Prominenter, der sich mutmaßlich strafbar gemacht hat, von Publikum und Presse in Grund und Boden verdammt, so wie vorher Wulff und Guttenberg und die Bischöfin Käßmann und andere? Oder dreht sich da gerade etwas, in den Medien und in der Öffentlichkeit, aus Überdruss, auch aus schlechtem Gewissen? Entsteht im Moment vielleicht ein Bewusstsein dafür, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Erregungsmaschine außer Kontrolle geraten ist, dass Hysterie nicht nur Menschen und Beziehungen kaputt macht, sondern auch einer Demokratie schaden kann?

Eigentlich ist Deutschland ein ziemlich zivilisiertes Land. Die Debatten im Parlament sind korrekt bis zur Langeweile, die Kommentare in den Zeitungen, im Radio, im Fernsehen ausgewogen und zurückhaltend, die Talkshows weitgehend steril und vorhersehbar. Nirgends mehr Saalschlachten. Ein ewiger Kirchentag. Wenn mal Steine fliegen, wenn die Emotionen doch überkochen, dann geht es im Zweifelsfall um den Bau eines Bahnhofs.

Umso verstörender, dass sich unterhalb und neben dieser offiziellen Wohlanständigkeit, dieser verbreiteten Neigung zu Maß und Mitte, in den letzten paar Jahren eine neue Giftigkeit ausgebreitet hat, langsam zuerst, dann immer stärker, ein entschiedener Wille zum Skandal. "Wer auch immer seine Nase in ›die Öffentlichkeit‹ steckt, begibt sich (...) in einen Sturm aus Feindseligkeiten." Die das geschrieben hat, ist keine greise Kulturpessimistin, sondern eine junge Frau, die leidenschaftlich gern kommuniziert, auf allen Kanälen – Marina Weisband, die ehemalige Geschäftsführerin der Piratenpartei. In ihrem Buch Wir nennen es Politik hat sie geschildert, wie ihr nach einem Beitrag zur Beschneidungsdebatte online (und anonym natürlich) angeboten wurde, an ihr eine Beschneidung mit einem rostigen Messer vorzunehmen.

Und es trifft nicht nur Politiker, es trifft Prominente jeder Art, eigentlich jeden, der irgendwie öffentlich agiert. Journalisten, Sportler, Schauspieler. Auf Facebook gibt es schon lange eine Seite über den ehemaligen Nationaltorwart Tim Wiese, sie heißt "Die Witzfigur der Nation". Dort machen sich Nutzer über ihn lustig, weil er erst mit einem Wechsel zu Real Madrid kokettierte, dann aber bei einem Verein im kleinen Hoffenheim landete. Seit Sommer gibt es eine weitere mit dem Titel: "Tim Wiese spielt Champions League auf der Playstation, die ganze Nacht, von 12 bis 8". Dort wird diskutiert, wo Wiese hingehen solle: "In Rente, zu Red Bull Leipzig, zum Friseur, in die Kreisliga oder zum Arbeitsamt". Es heißt dort, Wiese sei schwul und der "ekelhafteste Sportler aller Zeiten". Tausenden Menschen gefällt das.

Ein anderer ehemaliger Nationaltorhüter, Timo Hildebrand, veröffentlichte jüngst auf seiner Website, was ein 20-Jähriger auf seiner Facebook-Pinnwand gepostet hatte: "Du dummer basdart! Erschieß dich bitte."

Ja, Pöbeleien und Ausfälle gibt es auch im echten Leben. Aber der bevorzugte Ort des Hasses ist das Internet. Nirgendwo sonst wird in solcher Deutlichkeit gemobbt, geätzt, niedergemacht. Das Netz, sagen viele, die seine Anonymität verteidigen, bilde nur ab, was ohnehin in der Welt, bislang aber nur nicht manifest geworden sei. Das mag sogar sein. Das Netz produziert keine schlechteren Menschen. Und doch ist es bestenfalls die halbe Wahrheit. Denn das Netz trägt mit seiner Struktur durchaus zur großen Vergiftung bei. Im Netz und durch das Netz sind der öffentlichen Kommunikation die Filter abhandengekommen. Die technischen Filter, die sozialen, die institutionellen. Und das hat Folgen. Für die Medien, für die Politik, für die Gesellschaft.