Verlegerin Inge FeltrinelliHerrin der Karawanserei

Früher fotografierte sie Hemingway, die Garbo, Picasso. Heute führt Inge Feltrinelli einen der letzten unabhängigen Verlage Italiens. von 

Das berühmteste Foto der berühmten Fotoreporterin ist eines, auf dem sie selbst drauf ist. Es ist ein Schnappschuss mit Selbstauslöser. Darauf posiert die junge Frau mit einem weißbärtigen Mann vor einem gigantischen Schwertfisch. Es ist das Jahr 1953, Kuba wird von dem Putschisten Batista regiert, und der Bärtige auf dem Foto steht kurz davor, den Nobelpreis zu bekommen. Es ist Ernest Hemingway. Das Foto geht um die Welt, doch ohne Gregorio Fuentes, den Mann rechts im Bild. Die Zeitungen haben das Foto am Rand beschnitten. Der Fischer ist das Vorbild für Der alte Mann und das Meer, Hemingways bekanntestes Werk.

60 Jahre nachdem das Bild entstand, blättert Inge Feltrinelli, geborene Schönthal, durch einen Fotoband mit ihren Aufnahmen. "Ich war nie eine gute Fotografin. Ich war eine ganz gute Knipserin", sagt sie. Sie habe kein Talent für Technik, aber ein Gespür für den entscheidenden Moment, the decisive moment, den der Fotograf Henri Cartier-Bresson einst beschrieb. Dieses Gespür bleibt, als aus der Fotoreporterin eine Verlegerin wird und die Frau eines Terroristen, der ihr ein schweres Vermächtnis hinterlässt: die Führung des Mailänder Feltrinelli-Verlags. Heute, als dessen 82-jährige Präsidentin, blickt sie auf ein Leben zurück, wie es sich Hemingway nicht abenteuerlicher hätte ausdenken können.

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"Ich war ein flottes, freches Mädchen. Und natürlich habe ich sehr geflirtet"

Wer Inge Feltrinelli in Mailand besucht, den nimmt sie mit auf eine Weltreise der Gedanken. Wir verlassen das biedere Nachkriegsdeutschland, flüchten ins verheißungsvolle New York, nach Kuba und Paris, treffen Kennedy, Castro, Chagall, de Beauvoir, Picasso, bis wir nach vielen Stunden in ihre Wohnung an der Via Andegari zurückkehren und Inge Feltrinelli noch einen Espresso serviert.

Italienisches Vermächtnis: Die Familie

Inge Feltrinelli ist die dritte Ehefrau von Giangiacomo Feltrinelli, der einer italienischen Wirtschaftsdynastie entstammte und unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Die Familie wurde im Holzhandel reich. Später umfasste das Imperium auch Banken und Industriebetriebe.

Der Verlag

1955 gründete Giangiacomo Feltrinelli in Mailand den gleichnamigen Verlag. Mit Pasternaks »Doktor Schiwago« gelang ihm gleich ein Weltbestseller. Der Verlag, der einst sehr links war und heute als liberal gilt, ist eines der letzten un-abhängigen Verlagshäuser Italiens. Das wirtschaftliche Rückgrat bilden 110 Buchhandlungen. Dort werden neben Büchern auch CDs, DVDs und Spiele vertrieben. Verlag und Buchhandel setzten im vergangenen Jahr zusammen 400 Millionen Euro um und beschäftigen 1.700 Menschen.

Inge Schönthal wächst als Tochter eines deutschen Juden in Göttingen auf. Der Vater emigriert aus Nazideutschland, die nicht jüdische Mutter bleibt und heiratet – aus Liebe – einen Offizier, der sie vor der Deportation bewahrt. "Ich habe kein Trauma aus dieser Zeit", sagt Feltrinelli heute. Später hilft ihr die Herkunft sogar – gegen den Deutschenhass, der ihr an vielen Orten der Welt entgegenschlägt.

Mit 20 geht sie nach Hamburg, kommt im Keller einer Fotografin unter und knipst Schiffe im Hafen. Als sie eines Tages auf dem Fahrrad durch Pöseldorf fährt, stoppt neben ihr ein weißes Borgward Cabriolet. Der Mann am Steuer ist Hans Huffzky, der Gründer der Frauenzeitschrift Constanze. Er deutet auf ihre Kamera und fragt, ob sie Fotografin sei. Als er ihre Fotos sieht, sagt er: "Grauenhaft, was Sie da machen, Schiffe im Hafen! Sie müssen Menschen fotografieren!" Feltrinelli hält sich daran.

Huffzky führt die junge Frau in die Hamburger Szene ein: Sie lernt die Verlegerlegenden Rudolf Augstein, Axel Springer, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt kennen, wird Schriftstellern, Künstlern, Journalisten vorgestellt. "Ich wurde weitergereicht. Es war eine wunderbar einfache Zeit damals", erinnert sie sich.

Jetzt will Inge Feltrinelli die Welt sehen und die genialen Menschen treffen. "Am liebsten Nobelpreisträger!" Als ihr ein Freund ein Ticket für eine Überseefahrt nach Amerika schenkt, hat sie nur ein Ziel: New York, das intellektuelle Zentrum der Fünfziger. Sie kommt irgendwo unter und hat auch sonst Glück. Es gelingt ihr, ein Phantom zu fotografieren: Die Schauspielerin Greta Garbo, die an der Madison Avenue an einer Ampel steht und sich die Nase putzt. Das Magazin Life zahlt ihr 50 Dollar für das Bild.

Feltrinelli taucht ein in die New Yorker Bildungselite. Man interessiert sich für das deutsche Mädchen, das so gar nicht dem Bild vom Nachkriegsdeutschland entspricht: lebensfroh, aufgeschlossen, übermütig. Sie lernt die Physiker Lise Meitner und Léo Szilárd kennen – und hätte Albert Einstein nichts gegen Fotografen gehabt ("Ich mag keine Lichtaffen!"), hätte sie auch mit ihm geplaudert.

Ihre Rolleiflex hat sie immer dabei, notfalls versteckt sie die vier Kilo Fotoausrüstung im Tüll ihres Abendkleids. So wie auf jenem Ball, auf dem sie einen jungen Senator fotografiert, wie er mit der Kosmetikerbin Elizabeth Arden flirtet, um Wahlkampfgelder aufzutreiben. Feltrinelli findet den Mann "sehr sexy", erst später erfährt sie, wer er ist: John F. Kennedy.

Leserkommentare
    • ateos
    • 29. Mai 2013 14:52 Uhr

    Vor allem der sich schließende Kreis vom Foto, der Geschichte dahinter, dem erfüllten Leben, mit Begegnungen so vieler interessanter Menschen, zurück zum Foto und seinem "unsichtbaren Protagonisten".
    Es regt zum Träumen an und läßt ein wenig Neid zu. Neid über das aufregende Leben und Neid über die klare, gefühlvolle Erzählweise mit genau der richtigen Dosis Emotion und Theatralik - ohne pathetische Überziehung.
    Ich wünschte mir so schreiben zu können und da ich gerade daran arbeite, habe ich mir den Artikel gesichert, um gelegentlich nachzulesen ;-)

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