Shoukhrat Mitalipov gibt keine Interviews. Der Doktor sei untröstlich, sagt sein Pressesprecher Jim Newman, "die Anfragen der Reporter haben uns völlig überrollt". Aber am Abend gebe es eine große Telefonkonferenz. "Wenn Ihnen das reicht?"

Mit einer spektakulären Ankündigung hat der Zellbiologe von der Oregon Health & Science University die Medien in Aufruhr versetzt: Die Entwicklung eines Menschenlebens, vom befruchteten Ei zum Embryo, vom Neugeborenen zum Erwachsenen mit all seinen spezialisierten Körperzellen, ist nicht länger ein Trip auf der Einbahnstraße. Mitalipov und seine Kollegen haben die Uhr des Lebens zurückgedreht.

Der russischstämmige Forscher hat in Beaverton, im US-Bundesstaat Oregon, menschliches Leben geklont. Aus Hautzellen von Föten und kranken Kindern ließen er und sein Team wieder lebensfähige Embryonen entstehen. In Kulturschalen voller Nährflüssigkeit wuchsen die Laborwesen heran, dann verwandelte man sie in Zellkulturen. Damit steht seit Mittwochabend dieser Woche, knapp 16 Jahre nach dem Klonschaf Dolly, offiziell fest: Der Mensch ist ein Tier, auch in Sachen Klonen. Die Klonprozedur funktioniert in Mitalipovs Labors im Oregon National Primate Research Center sogar besser als bei Tieren. Unter optimalen Ausgangsbedingungen sei ihnen bei jedem zweiten Versuch ein Kopiererfolg gelungen, berichten die Forscher im Fachblatt Cell. Wird nun der Mensch zu einem Serienprodukt der Fortpflanzungstechnik?

Dabei ging es den Forschern gar nicht um geklonte Menschenkinder. Sie hatten es auf embryonale Stammzellen (ES) abgesehen, die in der regenerativen Medizin als große Hoffnungsträger gelten. Dazu ließen sie die Klonembryonen in ihren Kulturschalen sieben Tage wachsen, bis diese aus jeweils etwa 150 Zellen bestanden. Dann züchtete man aus ihnen ES-Kulturen, die nun in den Brutschränken der US-Forscher wachsen.

Das deutsche Embryonenschutzgesetz muss dringend überarbeitet werden

Die Kollegen hätten da gute Arbeit geleistet, urteilt der Stammzellexperte Hans Schöler vom Münsteraner Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, der Mitalipov sehr gut kennt: "Wenn einer das schaffen konnte, dann er." Gleichwohl ist die Veröffentlichung aus Oregon heikel. Denn die Rezeptur könnte auch verwendet werden, um tatsächlich Klonbabys auf die Welt zu bringen. Denn nichts lässt derzeit vermuten, dass die Klonembryonen sich nicht noch viel weiter hätten entwickeln können und – in die Gebärmutter einer Frau übertragen – zu lebensfähigen Föten herangewachsen wären. "Man kann das überhaupt nicht ausschließen", sagt Schöler, "die große Hürde ist überwunden." Das Klonen sei damit prinzipiell machbar.

Sein Kollege, der deutschstämmige Stammzellforscher Rudolf Jaenisch vom Whitehead Institute in Boston, ist da skeptischer. Auch wenn sich diese Embryonen in die Gebärmutter einnisten könnten, bleibe noch immer die große Frage: "Sind sie auch gesund?"

So spricht zwar wenig dafür, dass die Klonanleitung aus Oregon tatsächlich demnächst für die Reproduktion eines Menschen benutzt wird. Dennoch löst die zumindest theoretische Machbarkeit auch hierzulande Besorgnis aus. So kritisiert etwa der sozialdemokratische Ethikexperte und Bundestagsabgeordnete René Röspel die Klonexperimente als "technisches Gefummel". Patienten würden davon "niemals profitieren", ist sich Röspel sicher. Es sei daher falsch, für diese Technik ethische Standards aufzugeben. Christiane Woopen, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, sieht dennoch Handlungsbedarf. Das deutsche Recht, insbesondere das Embryonenschutzgesetz, müsse nun dringend überarbeitet und präzisiert werden. So sei zum Beispiel nicht geregelt, ob einem geklonten Embryo dieselben Wertungen und Schutzpflichten zukämen wie einem normalen. Da müsse Klarheit geschaffen werden, fordert Woopen.