Kulturhauptstadt 2013 : Marseille, wo ist dein Lärm?

Kein Auto hupt, kein Hund bellt. Europas Kulturhauptstadt ist überraschend still. Christian Schüle sucht den Sound der Metropole am Meer
Das "Quartier du Panier" gilt als ältestes Viertel Marseilles © Bryce Edwards/Flickr

Marseille ist eine merkwürdige Stadt. Kein Sog, der einen sofort erfasst. Kein Menschenstrom, der einen mitzieht. Keine Energie, die in Spannung versetzt. Die Sonne scheint auf provenzalische Art gleißend, als ich am Bahnhof Saint-Charles ankomme und von dort den leicht abschüssigen Weg in Richtung Hafen nehme. Bereits nach den ersten Metern auf dem einstigen Renommierboulevard Canebière fällt etwas ganz und gar Verblüffendes auf: Es ist still. Zu still. Kann das sein?

Allerorten hätte ich den Lärm des Seins erwartet, den Beat des Mediterranen, aufgedrehte Hi-Fi-Anlagen, aufdrehende Motoren, das irre Lachen der Möwen, das Hupen, Heulen und die gewisse Hysterie der Metropolen. Womöglich liegt es an der Jahreszeit, aber ich war der Überzeugung, dass ein April mehr vom wahren Wesen Marseilles offenbaren würde als ein klischeebefrachteter August – wenn die Annahme eines lärmenden Marseille nicht an sich ein dämliches Klischee ist. Immerhin trägt man hier große Geschichte mit sich herum, die zu einem gewissen Stolz berechtigt, und wahrer Stolz äußert sich gern still, oder nicht?

Marseille, die zweitgrößte und älteste Siedlung Frankreichs, war unter Napoleon III. die bedeutendste Hafenstadt des französischen Kaiserreichs. In diesem Jahr ist sie Kulturhauptstadt Europas, was in Anbetracht ihres denkbar schlechten Images als Schauplatz von Drogenkriegen, Gewaltausbrüchen und Bandenkämpfen besondere Spannung hervorrufen könnte. Es ist ja ohnehin einiges los in Marseille: Seit 1995 setzt die von Staat, Stadt und Region gegründete Euroméditerranée Urban Development Agency hier das größte Stadtentwicklungsprojekt Europas um. Bis zum Jahr 2020 wollen die Urbanisten den öffentlichen Raum für die Bevölkerung zurückerobern und auf dem wiedergewonnenen Terrain die Schlüsselbereiche einer zeitgemäßen Metropole zusammenführen: Technologie, Transport, Tourismus, Handel und Freizeit. Es geht um nichts Geringeres als die Metamorphose Marseilles.

Auf der Canebière ist das Elend offen sichtbar – hier deklamiert ein Verwirrter Monologe, dort liegen Obdachlose ohne Schuhe, drüben humpeln junge Männer an Krücken. Armut gibt es überall, und sie ist immer deprimierend. Aber dass Marseille seine Schattenseiten im Jahr der Kultur so unmaskiert zeigt, ist ungewöhnlich. Ich frage mich, wie einer Stadt, die gerade ihre Zukunft plant, ihr Äußeres dermaßen egal sein kann. Oder steckt dahinter Programm?

Die Canebière mit ihren strengen und wuchtigen Großbürgertumshäusern führt direkt auf den Alten Hafen zu. Dort ist der vorherrschende Farbton Ocker, und je mehr Sonne vorhanden ist, desto gedeckter und tiefgründiger und keineswegs pastellig-charmant wirkt dieses Ocker. Unverkennbar wurde und wird renoviert und gereinigt, doch viele der Fassaden haben noch den Ruß des Verlebten an sich, und manche wirken abweisend, vielleicht auch deswegen, weil die Rollläden meist geschlossen und die Fenster schmal sind.

Wo andere Großstädte Europas prächtige Plätze für Kundgebungen, Aufmärsche und Festivals eingerichtet haben, präsentiert Marseille ein großes Becken mit sediertem Wasser, auf dem überraschend kleine Jachten schunkeln, deren Masten wie feine Nadeln in den Himmel stechen; eine große Menge dieser Boote hat neben der Trikolore das Angebot "Zu verkaufen" geflaggt. Um das Hafenbecken herum fügen sich zahllose Brasserien, Cafés und Restaurants aneinander; ich entscheide mich für die Terrasse des Grand Comptoir de Paris am Quai du Port, lasse mich in der vordersten Reihe nieder, und während die merkwürdige Variation eines salade niçoise serviert wird, als halte man sich in Marseille an keinerlei Rezept, erklingen plötzlich königlich-kaiserliche Kaffeehauslieder. Ein apathischer Akkordeonspieler in schwarz glänzender adidas-Hose taucht vor uns auf und geht beim Kassieren seines Honorars weitgehend leer aus. Diese Erfahrung macht er auch nebenan, zieht davon, dann ist es wieder ruhig. Lautlos schwänzelt vor dem benachbarten Rathaus die Europaflagge in den Mittagsböen, der Wind lässt hier ja niemals nach, Küstenstadt, Hafenstadt, Stadt am Meer, Stadt im Wind.

Der Hafen ruht, und genau genommen geschieht an diesem Donnerstag gar nichts. Über Stunden fährt keine Jacht hinaus, kommt keine herein, die vertäuten Boote schunkeln vor sich hin, nur ein Ruderer macht sich auf den Weg und wirkt so verloren, wie er tatsächlich ist. Frühmorgens und in der Abenddämmerung tuckern – in romantisch umflorter Gestrigkeit, als wäre der Vieux-Port eine verwinkelte Bucht und keine rechteckig arrangierte Konstruktion – ein paar Fischerboote in Richtung Meer, das man, da die Hafenöffnung um die Ecke liegt, von hier aus gar nicht sehen kann. Es riecht nicht nach Tang, nicht nach Fisch und nicht nach Abgasen. Kein Auto hupt. Es kann gar keines hupen, weil der Hafen seit Neuestem verkehrsberuhigte Zone ist. Teller klappern nicht, niemand schreit oder ruft. Nicht einmal ein Hund bellt, und dann fällt mir auf, dass es im Hafen von Marseille keine Katzen gibt. Es scheint, als sprächen sogar die Menschen leise. Was ich dagegen immer lauter vernehme, ist meine innere Stimme, die schreit: "Marseille, wo ist dein Lärm?"

Auf der Suche nach ihm bin ich bereit, bereits gehobene Lautstärke als Ausdruck gelebter Kultur zu akzeptieren – fraglos eine andere Definition des Kulturellen als jene, die der ehrenwerten Idee einer Kulturhauptstadt zugrundeliegt. Deren Kuratoren bieten ein so ambitioniertes wie umfangreiches Programm für Marseille auf, und zwar nicht, "um einem Prinzen eine Krone aufzusetzen", wie der stellvertretende Intendant sagt, sondern "um einen Frosch wach zu küssen". Vieles kommt erst langsam in Gang, die großen, neuen Museen neben der Hafeneinfahrt am Fort Saint-Jean werden gerade eingeräumt, öffnen innerhalb der nächsten Wochen und sollen den Stolz der Stadt als Angelpunkt der Mittelmeer-Zivilisation wecken, auch wenn oder obwohl oder gerade weil geschätzt 20 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Mix der Kulturen

Marseille ist wirklich eine eigene Welt und eigentlich kein echtes Frankreich mehr. Les Marseillais dites: "nous sommes unique" .Viele Stadtteile errinern hier an Nordafrika, wobei es auch noch "franzoesische Gebiete" gibt. Ebenfalls traegt der muslemische Bevoelkerungsanteil von ca. 35 % zu einem ganz anderen Frankreich bei.
Wer Urlaub in Frankreich machen will, sollte nicht nach Marseille fahren.
Wer eine eigene ungeschoente, verrueckte Welt kennen lernen will, ist hier genau richtig!

In Marseille hat eine große Metamorphose stattgefunden

Bei Marseille denken viele an eine dreckige und laute Stadt, bei deren Besuch das Portemonnai sicher in den Händen festgehalten werden sollte.

Vor etwa 5 Jahren wurde diese älteste Stadt von Frankreich für 2013 zur Kulturhauptstadt von Europa auserwählt. Und seit diesem Zeitpunkt hat eine große Metamorphose stattgefunden.

Marseille verwandelte sich in den letzten Jahren von der hässlichen, ungeliebten Stadt in eine begehrenswerte Metropole, die Charme und Esprit versprüht.

Direkt am Alten Hafen Quai du Port bietet sich ein wunderbarer Blick auf dortigen Aktivitäten und Geschehnisse.

Immer größer werden die Menschenströme, die die Kais bevölkern. Unzählige Straßenkünstler ziehen die Leute magisch an und ein Heer von Stadtpolizisten achtet penibel auf die öffentliche Sicherheit.

Marseille versucht wohl mit diesem Aufgebot an Ordnungshütern den schlechten Ruf als Stadt der Diebe und Kleinkriminellen loszuwerden. Und meiner Meinung nach, gelingt ihr dies auch.

Am einem Samstagnachmittag schlendere ich durch die alten Stadtteilen. Die Gassen und Straßen sind zwar bevölkert von Immigranten, die ihren Geschäften nachgehen oder einfach nur die Zeit vertreiben. Doch wurde ich weder belästigt, bedrängt noch ausgeraubt.

Marseille hat bei der Umwandlung in eine moderne Stadt gewaltige Aufgaben erfolgreich gemeistert und wird noch viele Besucher begeistern.

Au revoir Marseille et à bientôt