Zu den vielen Schutzbehauptungen nach dem Zweiten Weltkrieg gehört diejenige, man sei ohne eigenes Wissen, angeblich kollektiv, in die NSDAP aufgenommen worden. Bis heute ist es in Deutschland üblich, den eigenen Lebenslauf umzudichten, wenn es um die NS-Zeit geht. Die Vergangenheit des Derrick - Darstellers Horst Tappert als Soldat der Waffen-SS liefert nur das jüngste Beispiel dafür.

Bundesdeutsche Politiker und Intellektuelle, die von ihrem Beitritt als Jugendliche in Hitlers Elitepartei nichts gewusst haben wollen, gibt es viele, darunter Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Walter Jens oder Walter Scheel. Der Publizist Malte Herwig bezeichnet die Behauptung der Unwissenheit als Mythos. Die NSDAP habe sich als Auslese der Besten verstanden, weshalb ihr auch nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung angehörten. Ohne eigenhändig unterschriebenen Antrag und ohne Aufnahmeverfahren sei das nicht gegangen. Herwig, der in Mainz, Harvard und Oxford Literatur, Geschichte und Politik studiert hat, widerspricht somit namhaften Historikern und Feuilletonisten. Denn über diesen Punkt wird in der Forschung weiter kontrovers und hitzig debattiert. An Mut mangelt es Herwig nicht.

Über fünf Jahre hinweg hat er die NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv Berlin sowie die Akten des ehemaligen amerikanischen Berlin Document Center (BDC) in Washington gesichtet. Dabei ist er nicht nur auf weitere Namen der deutschen Nachkriegselite gestoßen, sondern auch auf eine geheime "Spezialliste": "Seit den frühen 1960er Jahren und bis 1991 sortierten die Amerikaner immer wieder die Namen prominenter deutscher Politiker aus der Hauptkartei aus und verschlossen sie im Safe des BDC-Direktors." Herwig meint, die Amerikaner wollten ihre deutschen Bündnispartner aus diplomatischen Gründen nicht düpieren und eine politische Krise vermeiden, was eine fast zu freundliche Einschätzung sein mag.

Brisant ist, dass die bundesdeutschen Regierungen die Amerikaner jahrzehntelang daran hinderten, die NS-Unterlagen an die BRD zu übergeben. Federführend dabei war Hans-Dietrich Genscher – auch seine Karteikarte, das ist schon lange bekannt, befand sich unter den Nazi-Akten. Die Rückgabe war durch wachsenden politischen Druck seitens der Opposition nicht mehr aufzuhalten. Zwei Jahre nach dem Rücktritt des Außenministers wurden die Akten 1994 endlich ins Bundesarchiv überführt.

Dem Autor, Jahrgang 1972, geht es, wie er sagt, nicht um den Skandal. Seit Jahren ist er dem Thema durch seine Artikel, die immer wieder umstritten waren, auf der Spur. Herwig versucht zu begreifen und begreiflich zu machen, warum gerade jene über ihre Rolle in der NS-Zeit geschwiegen haben, die nach dem Krieg in Deutschland erfolgreich für Demokratie sorgten. Er zeigt Verständnis für die Generation der ehemaligen Flakhelfer, die als Teenager unschuldig in einen Schuldzusammenhang gerieten und später aus Scham schwiegen, stellt ihre Widersprüche, ihre Zerrissenheit und "Angst vor moralischer Inhaftnahme" dar. "Die Bedeutung der aufklärerischen Selbstemanzipation einer verführten Generation erkennt man (aber) erst, wenn man ihren prekären Ausgangspunkt nicht mehr leugnet", so Malte Herwig.

Seine im Buch reflektierten Gespräche, vor allem diejenigen mit Erich Loest, Günter Grass und Martin Walser, sind besonders aufschlussreich und zeugen von Empathie für jene, die für ihn gewiss auch Vorbilder sind. Er untersucht das Werk dieser tonangebenden Schriftsteller der Nachkriegszeit literarisch und entdeckt darin bereits frühe Versuche, das Gewissen zu entlasten: "Der Bekenntnisdrang vieler Angehöriger der Flakhelfer-Generation (hat) seinen Ausdruck auf künstlerischem Wege gefunden als eine Art Mittelweg zwischen Verdrängen und offenem Geständnis." Es sei möglicherweise gerade "der Stachel des Verdrängten" gewesen, der diese Frühbelasteten, die mit den Tätern identifiziert werden, zu immer neuen kreativen Arbeiten drängte. Herwig bezeichnet das als "nachgeholten Widerstand".

Er fordert die Wahrheit, ohne anzuklagen – das macht die Qualität seines Buches aus. Als Vertreter der Enkelgeneration liefert er einen wichtigen Beitrag zur weiterhin notwendigen biografischen Bearbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen. Denn dass es an einem offenen Diskurs mangelt und aus der internalisierten Scham immer wieder neue politische Fehler erwachsen, hat nicht zuletzt Günter Grass’ verunglücktes Israel-Gedicht gezeigt.