DIE ZEIT: "Mein ständiger Flirt mit den Kindern nahm erotische Züge an. Es ist mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln." Mit diesen Worten hat Daniel Cohn-Bendit im Jahr 1975 Impressionen aus seiner Zeit als Erzieher in einem Kinderladen beschrieben. Frau Beck, lesen Sie diese Sätze als provokative Fantasie oder als Erfahrungsbericht?

Marieluise Beck: Dany ist jemand, mit dem öfter mal die Pferde durchgehen, auch in seiner Wortwahl. Das gehört zu ihm. Dafür lieben ihn ja auch die Medien. Wenn er jetzt noch einmal erklärt hat, es habe sich bei diesen Sätzen um Provokationen, nicht um reale Erlebnisse gehandelt, habe ich keinen Anlass, an seiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln.

ZEIT: Die Sätze sind seit Jahren bekannt. Warum haben sie erst jetzt einen Skandal ausgelöst?

Beck: Ausgelöst wurde er durch die Weigerung von Andreas Voßkuhle, anlässlich der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Dany die Laudatio zu halten. Wir leben in einer Zeit, in der sexuelle Übergriffe gegenüber Kindern sowohl in Institutionen der katholischen Kirche als auch im reformpädagogischen Umfeld ans Tageslicht gekommen sind. Damit sind die bereits bekannten Äußerungen in ein anderes Licht gerückt.

ZEIT:Es kursiert im grünen Umfeld auch die Vermutung, es handele sich hier um eine Kampagne gegen Cohn-Bendit als Symbolfigur der Partei. Haben Sie auch den Verdacht?

Beck: Es wäre ein Wunder, wenn diese Debatte nicht auch parteipolitisch ausgenutzt würde. Es gibt jetzt Häme, dass es nun auch die Grünen erwischt haben soll. Ja, es gab bei den Grünen auch die "Stadtindianer" und verantwortungslose Forderungen von Minderheiten nach Freigabe von Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern. Richtig ist aber auch, dass diese Forderung nie Beschlusslage wurde, dass diesem Spuk früh ein Ende gesetzt wurde und dass die Grünen die ersten waren, die sexuellen Missbrauch von Kindern im parlamentarischen Raum auf die Tagesordnung gesetzt haben.

ZEIT: Die Äußerungen Cohn-Bendits stammen aus den siebziger Jahren, wie wurde damals in der Linken über Sexualität diskutiert?

Beck: Das ist eine Zeit gewesen, in der gegen die lähmende und spießige Sexualfeindlichkeit der Nachkriegszeit gekämpft wurde, von der man sich heute keine Vorstellung mehr macht. Die antiautoritäre Erziehung wollte den Kindern nicht die Hypothek der Verbotssexualität aufbürden, sondern ihnen das Leben mit einer glücklichen und befreiten Sexualität ermöglichen.

ZEIT: Gehörte zu einer befreiten Sexualität auch der sexuelle Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen?

Beck: Nein, das sicherlich nicht. Es ging um andere Grenzfragen, die heute gar nicht mehr nachvollziehbar sind. Ich komme aus einer Generation, in der es undenkbar gewesen wäre, dass sich Eltern gegenüber ihren Kindern nackt gezeigt hätten. Die 68er Bewegung hatte den Anspruch, freier zu sein, im Hinblick auch auf sexuelle Glücksmöglichkeiten. Selbst für solche heute einfach wirkenden Fragen, bis zu welchem Alter ein Vater mit seiner Tochter zusammen baden darf, gab es keine Maßstäbe.