Ashin Wirathu zählt zu den Anführern der buddhistischen Mönche, die in Myanmar Moscheen zerstören und Muslime ermorden. © Soe Than WIN/AFP/Getty Images

Schon warnt der Dalai Lama, dass auch Buddhisten töten können. "Eigentlich ist das Töten von Menschen im Namen unserer Religion undenkbar. Aber jetzt lassen sich sogar Buddhisten dazu verleiten", gestand das exilierte Oberhaupt der Tibeter vergangene Woche bei der Vergabe eines Friedenspreises in Maryland ein. Bis in den US-amerikanischen Bundesstaat hatten den berühmtesten Buddhisten der Welt die Nachrichten von seinen mordenden Glaubensgenossen in Myanmar verfolgt. Sie tragen dieselben Mönchskutten wie er. Aber ihre Mission sind Verfolgung und Mord an Muslimen. 70.000 Vertriebene lagerten dieser Tage schutzlos am Indischen Ozean, während ein tropischer Wirbelsturm aufzog. Die Vereinten Nationen prophezeiten eine "humanitäre Katastrophe".

Niemand aber dürfte überrascht sein. Denn hier eskaliert ein schwelender Konflikt. Schon seit einem Jahr hatten Angehörige der buddhistischen Mehrheit in Myanmar die muslimische Minderheit gezielt attackiert: Bei Überfällen, Plünderungen und Massakern gab es Hunderte von Toten, über hunderttausend Vertriebene. Nun herrscht Angst in allen muslimischen Vierteln des Landes, von den Dörfern bis in die großen Städte. Erst vor wenigen Tagen verletzte ein muslimisches Mädchen in Oakkan, unweit der Metropole Rangoon, mit ihrem Fahrrad einen Mönch. Der kleine Unfall verursachte sofort Ausschreitungen. Die Folge: ein Toter, neun Verletzte, beschädigte Moscheen, 70 verbrannte Häuser.

Besonders hart sind die an der Grenze zu Bangladesch lebenden Rohingya betroffen, eine muslimische Bevölkerungsgruppe mit 800.000 Angehörigen, die seit Generationen in Myanmar lebt, der aber aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe und ihres abweichenden Glaubens bis heute nicht die Staatsbürgerschaft gewährt wird. Die Rohingya waren schon in den siebziger und neunziger Jahren Opfer von ethnischen Säuberungen durch das Militär. Die Vereinten Nationen bezeichneten sie deshalb als eine der "meistverfolgten Minderheiten der Welt". Tatsächlich blasen seit dem vergangenen Juni buddhistische Gruppen unter dem Schutz tatenloser Sicherheitskräfte zur Jagd auf die Rohingya. "Behördenmitarbeiter, Gemeindeführer und Mönche haben die lokale Bevölkerung angestachelt, muslimische Viertel gezielt anzugreifen, die Muslime zu terrorisieren und zur Umsiedlung zu zwingen", berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Die Verbrechen geschehen in einem Land, das erst 2011 die Militärherrschaft überwand. Seither wähnt die westlich-aufgeklärte Welt es auf der Seite des Guten: Myanmar, die buddhistische Nation schlechthin. Heimat der mutigen Mönche, Vorkämpfer der Safran-Revolution. Land der bewunderten Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die im April die Wahl des US-Magazins Time zur einflussreichsten Person der Welt gewann. Doch schon die Tatsache, dass Aung San Suu Kyi sich bei der Wahl vor Lady Gaga platzierte, lässt erahnen, dass die Friedensnobelpreisträgerin im Westen zur Projektionsfläche falscher Vorstellungen geworden ist. Das gilt auch für den Dalai Lama. Beide stehen für einen guten, friedfertigen Buddhismus. Beide lassen die Idee eines bösen, fremdenfeindlichen, mörderischen Buddhismus kaum zu. Doch jetzt muss die Welt ihm ins Auge sehen.

Tatsächlich stehen heute die myanmarischen Mönche, die man in ihren orangefarbenen Roben bisher nur als Gegner des Militärregimes kennengelernt hatte, oft an der Spitze antimuslimischer Aktionen. Ihr Anführer, der 45-jährige Mönch Ashin Wirathu aus dem Kloster Maseyein in der zentralburmesischen Stadt Mandalay, saß aufgrund seiner Aktionen gegen Muslime neun Jahre im Militärgefängnis. Doch letztes Jahr kam er im Zuge einer Amnestie für politische Gefangene frei. Seine Extremistengruppe nennt sich ganz religionstreu "969" – nach den neun Tugenden Buddhas, den sechs Tugenden seiner Rechts- und Sittenlehre und den neun Eigenschaften der Sangha, der Mönchsgemeinschaft. Gewalt zählt nicht zu diesen Tugenden. Doch Ashin Wirathu predigt Hass. Er macht die Muslime für Drogenhandel, Kriminalität und Vergewaltigungen verantwortlich. Er unterstellt ihnen, "Rasse und Religion" in Myanmar zu zerstören. Er ruft dazu auf, kein muslimisches Geschäft mehr zu betreten. Manche nennen ihn deshalb den "Hitler Myanmars". Andere winken ab und sehen in ihm nur eine Marionette des alten Militärregimes, das immer noch Chaos säen will. Doch Ashin Wirathus Botschaft kommt an. Überall in Rangoon schmücken sich Taxis, Busse und Geschäfte heute mit dem bunten 969-Emblem.

Aung San Suu Kyi schweigt

Es liegt nahe, den Erfolg der Muslimenhasser dem Regime von gestern anzulasten. "Viele befürchten, dass die tödlichen Ausbrüche kein Zufall, sondern das Ergebnis der Aktionen von Hardlinern im Militär sind, die sowohl die Reformen als auch Myanmars Öffnung zur Welt rückgängig machen wollen", schreibt der ehemalige Regimegegner Aung Zaw in der New York Times. Doch das ist eine wohlwollende Interpretation. Es könnte auch sein, dass der Muslimenhass als Mehrheitsauffassung unter gläubigen Buddhisten präsent ist. Dafür spricht die rasche geografische Verbreitung der Bewegung 969 von der Grenze zu Bangladesch bis ins Landesinnere und nach Rangoon, aber auch die spontane Gewalt wie zuletzt in Oakkan (wo die Behörden immerhin reagierten und die Muslime schützten). Der Muslimenhass wird nun zum Ventil in einer politisch angespannten Lage zwischen dem kaum überwundenen Militärregime und der erhofften Demokratie.

"Buddhismus gilt als Glaube der Heilung und Gnade, aber wie alle Religionen kann er auch Triumphalismus und Intoleranz befördern", sagt der kanadische Religionswissenschaftler Bruce Matthews zu den Ereignissen. Gerade die Intoleranz gegen Muslime hat im nationalistisch geprägten Buddhismus Myanmars, aber auch in Sri Lanka eine Vorgeschichte. Schon vor der Unabhängigkeit Myanmars gab es buddhistische Ausbrüche gegen die als ausbeuterisch empfundenen Muslime. Einige Tausend von ihnen hatte das britische Kolonialreich aufgrund ihrer Handels- und Wirtschaftskompetenz nach Myanmar umgesiedelt. In Sri Lanka, wo Buddhisten heute Moscheen angreifen, fanden die ersten bekannten Pogrome gegen Muslime schon im Jahr 1915 statt. Sie beruhten auf dem Glauben an die rassische Überlegenheit der buddhistischen Singhalesen in Sri Lanka. So hat die Rückkehr des Muslimenhasses in Myanmar und Sri Lanka heute nichts zu tun mit jener islamistischen Bedrohung, wie sie im Westen empfunden wird. Stattdessen erschrecken neue anti-muslimische DVDs in Myanmar ihre Käufer mit Schauervisionen einer muslimischen Weltherrschaft.

Gegen solche Propaganda, gegen Vertreibung und Mord aufzubegehren – wäre das nun nicht die neue Aufgabe von Aung San Suu Kyi? Doch die Friedensnobelpreisträgerin schweigt dazu. Sie will im Jahr 2015 die Präsidentschaftswahlen in Myanmar gewinnen. "Um respektiert zu werden wie Gandhi und Mandela, muss sie das Blutvergießen ausdrücklich verurteilen", mahnt ihr Wegbegleiter Aung Zaw. Zum Vergleich zieht er bewusst nicht den Dalai Lama heran. Denn auch der hat seine friedlosen Mönche. Sie zelebrieren heute im tibetischen China die Selbstverbrennung als Akt des zivilen Widerstands. Mit buddhistischer Gewaltlosigkeit hat das wenig zu tun. So geht der Kampf der Mönche weiter, an vielen Fronten, ob gerecht oder ungerecht.