DIE ZEIT: Die Börsen sind auf Rekordjagd: Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat die Marke von 8.250 Punkten genommen, und in New York erreichte der Dow-Jones, der amerikanische Großfirmen umfasst, ein neues Allzeithoch von mehr als 15.000 Punkten. Was bedeutet das?

Robert Shiller: Nichts. Diese sogenannten Börsenrekorde sind Schlagzeilen für die Medien, die daraus Riesengeschichten machen. Medien lieben Rekorde, Jahrestage und so weiter.

ZEIT: Wir Journalisten haben die Kursanstiege doch nicht erfunden?

Shiller: Aber bei diesem Rekordgejubel wird die Inflation vergessen, um die der Anstieg der Kurse bereinigt werden muss. Ich schaue mir nicht die üblichen Börsenindizes an, ich habe eine eigene Messlatte, den total return index. Er basiert auf der Annahme, dass ich in einen Aktienkorb investiere und alle ausgeschütteten Dividenden wiederum in diesen Aktien anlege; die Gewinne sind zudem inflationsbereinigt. Nach dieser Kalkulation steht der S&P 500 (der die Aktien der 500 größten börsennotierten US-Firmen abbildet, Anm. der Red. ) kurz vor einem Allzeithoch. Der letzte Rekord war im Jahr 2000. Das heißt im Klartext: Wer Anfang 2000 in den S&P 500 angelegt und alle Dividenden reinvestiert hat, hat bis heute keinen Gewinn gemacht!

ZEIT: Dann ist die Rallye an den Börsen einfach Stimmungsmache?

Shiller: Emotionen sind ein wichtiger Faktor, all diese Berichte in den Zeitungen, im Fernsehen, im Internet, das bewirkt etwas. Nach einer Umfrage halten nur noch 52 Prozent aller Amerikaner Aktien – das sind 10 Prozent weniger als noch 2007, auf dem Höhepunkt vor der Krise. All diese Leute, die nicht mehr investiert sind, haben jetzt das Gefühl, etwas zu verpassen. Und solche Gefühle sind ein mächtiger Treiber.

ZEIT: Inwiefern?

Shiller: Die Leute fragen sich: Ist es schon zu spät, um einzusteigen? Habe ich die goldene Gelegenheit verpasst? Oder ist es eine Blase? Das war übrigens schon immer so: Ich habe das Zitat eines Holländers gefunden, der sich angesichts der steigenden Tulpenzwiebelpreise genau diese Fragen stellt. Das war im 17. Jahrhundert.

ZEIT: In den USA könnte man den Optimismus der Anleger durch die – wenn auch zaghaften – Wachstumssignale ja noch erklären, aber in Europa insgesamt sieht es düster aus. Wie kann der Dax da so abheben?

Shiller: Das ist wie mit der Homo-Ehe.

ZEIT: Wie bitte?

Shiller: Die Akzeptanz der Homo-Ehe ist in Amerika, in Europa und anderen Regionen der Welt gestiegen. Das ist ein dramatischer kultureller Wandel, der fast zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten stattfindet. Wir leben in einer Weltkultur heute. Das gilt eben auch für die Bewegungen am Aktienmarkt. Auch Notenbanker sind nicht immun gegenüber solchen Strömungen.

ZEIT: Was ist denn mit den Notenbanken, die in historischem Ausmaß Geld in den Finanzmarkt pumpen? Sind die derzeitigen Börsenkurse nicht vor allem ihnen zu verdanken?

Shiller: Die Zentralbanken haben die langfristigen Zinsen auf ein extrem niedriges Niveau gedrückt. Wenn ein Anleger heute in Anleihen investiert, muss er davon ausgehen, dass die Zinsen irgendwann steigen. Dann erleidet er einen Verlust, weil seine Anleihen weniger wert sind. Das macht Anleihen unattraktiv. So fließt natürlich viel Kapital in Aktien.

ZEIT: Eine riskante Wette der Notenbanker...

Shiller: Die Geschichte wiederholt sich. In den Jahren 2003 bis 2005 hat die amerikanische Notenbank (Fed) die Zinsen gesenkt, weil sie sich wegen einer Deflation Sorgen machte. Das hat dann mit zur Immobilienblase geführt. Daraufhin erhöhte sie die Zinsen, und die Blase platzte. Es ist ein grundsätzliches Dilemma, in dem die Zentralbanker stecken.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Shiller: Als Alan Greenspan, der damalige US-Notenbankchef, Ende 1996 vor "irrationalem Überschwang" warnte, brachen die Märkte ein. Er hat nie wieder eine solche Warnung ausgesprochen – und seine Nachfolger taten es auch nicht. Alles, was Notenbankchefs sagen, kann enorme Auswirkungen auf die Märkte haben. Also gewöhnen sie sich daran, immer beruhigend zu wirken. Alles läuft gut, keine Sorge und so weiter. Ich fürchte, das beeinflusst irgendwann auch ihr Denken und Handeln.