Bruce SpringsteenDer Präsident des Rock'n'Roll

Bruce Springsteen tourt durch Europa. Wer keine Tickets dafür hat, kann immerhin die Biografie von Peter Aimes Carlin lesen. von 

Bruce Springsteen während eines Konzerts in Oslo im April 2013

Bruce Springsteen während eines Konzerts in Oslo im April 2013  |  © REUTERS/Stian Lysberg Solum/NTB Scanpix

Zu den Perlen der DDR-Geschichte gehört Egon Krenz’ Staatsbesuch bei Bruce Springsteen. Am 19. Juli 1988 geschah ein Wunder. Springsteen spielte in Ost-Berlin, open air, engagiert von der FDJ, im Namen der antiimperialistischen Solidarität. Über der riesigen Bühne prangte der Slogan "Nicaragua im Herzen". Springsteens Management war entgeistert und erzwang sofortige Überdeckung mit dem Tournee-Titel Tunnel of Love. Hiervon erfuhr Krenz nichts.

Während des Konzerts rollte ein schwarzer Tschaika ins Backstage-Areal. Ihm entstieg der SED-Politbürocker Krenz. Gewohnt heiter, Nicaragua im Herzen, winkte er solidarisch zur Bühne empor und schnurrte wieder von dannen. Springsteen sang gerade Born to Run. Die restlichen 160.000 Fans beglückte er dreieinhalb ekstatische Stunden lang. Ich hoffe, rief er auf Deutsch, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden! Jubel total. Neun Zugaben. Auch so begann die friedliche Revolution.

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Nicht Krenz, doch die Nicaragua-Posse findet sich in Bruce, der "ersten autorisierten Springsteen-Biografie". Autorisiert? Das könnte auch heißen: Idol-Prosa, gebügelt und zensiert. Der 600-Seiten-Schmöker ist zum Glück keine Hagiografie, freilich seinem Titelhelden enorm zugetan. "Bruce Springsteen", schreibt der Autor Peter Aimes Carlin, "hatte von Anfang an klargestellt, daß das Einzige, was ich ihm schulde, eine ehrliche Darstellung seines Lebens sei. Er gewährte mir bereitwillig Einblick in seine Welt und hat (...) sehr ausgiebige Gespräche mit mir geführt." Wie Springsteens Familie – vor allem die musikalische: The E Street Band.

Chronologisch zeichnet Carlin das geglückte Leben des Erwählten, seinen Aufstieg vom proletarischen Kleinstadt-Rocker in New Jersey zur allamerikanischen Ikone. Denn das ist der 1949 geborene Springsteen – anders als Elvis Presley und Michael Jackson, denen es hierzu an der geistig-ästhetischen Reife gebrach. Der Art-Genosse Bob Dylan wiederum verweigerte zeitlebens, was Springsteen lustvoll betreibt: Wortführerschaft. Dylan akquiriert Intellektualität, er entzieht sich ins Geheimnis. Der Arbeiterklassen-Held Springsteen zelebriert das Normale. Er spiegelt, was jedermann erfährt. Lebenskampf, growing in life, davon handelt Springsteens unverrätselte Kunst – sinnlich, sozialfühlig, tauglich zum Alltags-Soundtrack jener kleinen Leute, von denen so viele seiner Texte handeln. 

Springsteen zündete im Garten ein Freudenfeuer

Bob Dylan ist Einzelgänger, Bruce Springsteen erschafft Kollektive. 2009 trat er in Tampa, Florida, beim Superbowl-Finale auf. Vorher predigte er seiner E Street Band, heute erfülle sich ihr Traum: "'Wir werden für alle spielen.' (...) Anschließend brachte ein Privatflugzeug Bruce zurück nach New Jersey. Er zündete in seinem Garten ein Freudenfeuer an und betrachtete, emotional aufgewühlt, bis in die frühen Morgenstunden den Sternenhimmel. Das Gänsehautgefühl, den Pulsschlag von Hunderten Millionen Zuschauern angetrieben zu haben, hatte sich noch nicht gelegt."

Bis dahin war es weit. Springsteens Anfänge glichen denen von Abertausenden lokaler Teenage-Rocker. Er besaß Startvorteile, jenseits seiner Sanges- und Gitarrenkünste. Er soff nicht, er nahm keine Drogen, er ritt auf seinem Ehrgeiz fort aus der ärmlichen Herkunftswelt, für die er aber Empathie bewahrte und die ihm Lebensthema blieb. In Mike Appel fand er einen rabiaten Promoter, der Clive Davis, dem Boss von Columbia Records, die Bude einrannte. Und dann publizierte sein späterer Manager Jon Landau den Donnersatz: "Ich sah die Rock-’n’-Roll-Zukunft, und ihr Name ist Bruce Springsteen."

Leserkommentare
  1. Verfolgt man seine Karriere und Song´s, so wird schnell klar,dass es hier ums Erwachsenwerden ging. Nun, das hat er schon lange geschafft. Ohne Drogen und Skandale. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb ist es ihm gelungen, über immerhin 40 Jahre leidenschaftlich zu sein und dabei echt zu bleiben. Aus meiner Sicht ist er deutlich an Elvis oder Dylan vorbeigezogen, der Arbeitersohn aus New Jersey.
    Für ihn wichtig, wäre eigentlich nur noch der "richtige Abgang". Ich bin sicher, Bruce wird ihn finden.

  2. Aber sein Alter macht seine Stimme leider zu rauh. Früher war besser.

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