DIE ZEIT: Herr Jahn, hat es Sie überrascht, dass Pharmakonzerne aus dem Westen von Menschenversuchen in der DDR profitierten?

Roland Jahn: Ich weiß nicht, ob man den Begriff so verwenden kann. Aber dass in der DDR Medikamententests an Patienten durchgeführt wurden, die nicht den Regeln eines demokratischen Landes entsprachen, überrascht mich nicht. Der Diktatur traue ich viel zu.

ZEIT: Die Pharmafirmen haben alles finanziert und die Erkenntnisse benutzt! Auf beiden Seiten der Mauer profitierte man von Tests an Unwissenden.

Jahn: Das stimmt. Das Erbe der SED-Diktatur ist nicht auf den Osten beschränkt. Es sieht so aus, als habe die Medizin dabei bleibende Schäden angerichtet und sogar einzelne Menschen getötet. Das müssen wir dringend aufklären.

ZEIT: Seit Sie Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen sind, also Chefaufklärer für die jüngste deutsche Vergangenheit, haben Sie immer wieder betont, dass Sie sich als Anwalt der Opfer verstehen. Haben sich Opfer solcher Versuche an Sie gewandt?

Jahn: Nein, noch nicht.

ZEIT: Wurde je gegen die Pharmaindustrie oder innerhalb des Gesundheitswesens der DDR ermittelt?

Jahn: Mir ist nicht bekannt, dass zu Zeiten der DDR auch nur geprüft wurde, ob die Tests den Regeln entsprachen. Die Staatssicherheit war damit beauftragt, das System dieser Pharmatests zu verschleiern. Sie sollte die devisenträchtigen Deals absichern und Störungen verhindern, dafür entwickelte sie ein Spitzelsystem. Das wissen wir aus den Akten. Inoffizielle Mitarbeiter waren in diesem Geschäft als Ärzte aktiv, und hauptamtliche Stasi-Leute waren an der Einfädelung der Deals beteiligt. Der oberste Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski war zugleich Stasi-Offizier. Über seine Behörde machte die Stasi bei allen Devisengeschäften mit.

ZEIT: Um wie viel Geld ging es?

Jahn: Viele Millionen Westmark. Um wie viele genau, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sagen.

ZEIT: Es gab also nicht nur zwei Tätergruppen: Ärzte und Mitarbeiter von Pharmakonzernen, sondern auch Schalcks Mitarbeiter?

Jahn: Ja. Wir haben Spitzelberichte über die Vereinbarungen, die mit den Pharmakonzernen getroffen wurden. Wir haben aber bislang keine Stasi-Akten zu Details von Versuchen. Die Akten des damaligen Gesundheitsministeriums lagern heute im Bundesarchiv.

ZEIT: Sind sie dort zugänglich?

Jahn: Ja. Ich kann nur sagen: Alle Archive sind jetzt gefragt, Akten zur Verfügung zu stellen. Darum geht es. Was das Nachrichtenmagazin Der Spiegel recherchiert hat, muss der Ausgangspunkt für wissenschaftliche Studien sein, die ein umfassendes Bild des Skandals zeichnen und sämtliche Beteiligten benennen.

ZEIT: Was sollten die DDR-Devisenbeschaffer tun?

Jahn: Sie sollten die Macht der SED erhalten – und in diesem Fall auch das marode Gesundheitswesen in Schwung bringen. Ärzte sollten selber Devisen beschaffen, nicht nur verbrauchen, und dafür waren einige bereit, weit über die Grenzen des Erlaubten hinauszugehen. Es war ein übler deutsch-deutscher Deal.

ZEIT: Wir wissen längst, dass in Zuchthäusern der DDR billig für westdeutsche Konzerne produziert wurde. Häftlinge haben berichtet, wie sie Bettwäsche, die sie in Hoheneck nähen mussten, nach ihrer Freilassung in westdeutschen Kaufhäusern wiederfanden.

Jahn: Der Westen mit seinen strengen Umwelt- und Gesundheitsgesetzen nutzte die niedrigen Standards im Osten aus. Es gab Häftlingsarbeit unter schlimmen gesundheitlichen Belastungen, es gab den Müllexport auf die mecklenburgische Deponie Schönberg und die Verklappung des Westberliner Hausmülls rund um Ost-Berlin. Die DDR kassierte Devisen auf Kosten der eigenen Bevölkerung, die zum Beispiel verseuchtes Trinkwasser trinken musste.