Deutschlands älteste Privatuniversität wird geleitet von einem Arzt und dem ehemaligen Vorstand eines Düngemittelkonzerns. Der eine, Martin Butzlaff, weiß, wie man Menschen reanimiert. Der andere, Jan Nonnenkamp, wie man Pflanzen widerstandsfähiger macht. Keine schlechte Kombination, um die Uni Witten/Herdecke wieder zum Blühen zu bringen. Vor einiger Zeit wurden als Werbung 4000 Päckchen mit Saatgut verteilt. Aufschrift: "Reales Wachstum. UWH".

Das klingt ambitioniert. Bis vor Kurzem sah es in Witten eher nach realem Schrumpfen aus. Die einstige Reformuniversität, gegründet unter anderem von dem Arzt Konrad Schily als private Alternative zu den damals behäbigen Staatshochschulen, hat zahlreiche Innovationen im Bildungsbereich angestoßen und einige Krisen durchgestanden. Ihre Entwicklung sagt viel darüber aus, welchen Beitrag private Hochschulen zum Bildungssystem leisten können – und wo sie an Grenzen stoßen.

In diesen Tagen feiert die Uni Witten ihr 30-jähriges Bestehen. "Sie zählt zur Speerspitze der privaten Hochschulen in Deutschland", sagt Thomas May, Generalsekretär des Wissenschaftsrats. Das Expertengremium hat die Uni 2011 erneut akkreditiert. "Sie hat viele wichtige Weiterentwicklungen in der Lehre geleistet." Das Studium fundamentale etwa, in dem sich alle Studenten einmal in der Woche mit Kunst oder Philosophie beschäftigen müssen, sei eine "Erfolgsstory".

Es gibt andere private Einrichtungen, die zwischenzeitlich gescheitert sind. Und auch die Uni Witten stand schon mehrmals, zuletzt Ende 2008, am Abgrund. Der damalige nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) weigerte sich, der Hochschule einen bereits zugesagten Landeszuschuss in Höhe von 4,5 Millionen Euro zu überweisen, weil sie ihre Geschäfte nicht ordnungsgemäß geführt habe. Schließlich sprang die Stiftung der Software AG mit mehreren Millionen Euro ein. Die Alumni der Uni sammelten untereinander weiteres Geld ein, um ihre Alma Mater zu unterstützen. Studenten boten sich als Unternehmensberater an, die Einnahmen flossen an die Uni.

Julika Franke, 26, war damals bei den Rettungsaktionen dabei. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften und engagiert sich in der Studierendengesellschaft, die sich um die Studienfinanzierung kümmert. "Ich wollte nie ein BWL-Schnösel werden", sagt sie und lacht, "ich wollte ein Studium, in dem Dinge hinterfragt und auch Werte vermittelt werden – und nicht nur gelehrt wird, wie man Profite macht." Der Zusammenhalt und das Engagement der Studierenden in Witten sei sehr besonders, so Franke. Sie sind sogar Mitgesellschafter der Universität und an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. Auch an den unangenehmen, wenn es etwa um die Erhöhung der Studienbeiträge geht.

Denn die Hochschule ist zwar gerettet, aber noch nicht saniert. Bis heute hat sie sich eine Rosskur verordnet. Um die Existenz und vor allem das angestrebte Wachstum nachhaltig zu finanzieren, muss die Uni mehr Geld einnehmen oder von Förderern einwerben. Dazu werden neue Studiengänge eingeführt und die bestehenden ausgebaut. Derzeit sind 1552 Studenten eingeschrieben, in zwei Jahren sollen es 2000 sein. Der Geschäftsführer Jan Nonnenkamp, selbst Alumni, überlegt, eine Anleihe herauszugeben, damit Anleger der Uni Geld leihen.