Ein Abend im Mai: Birgitta Wolff (CDU) huscht in karierter Bluse und Sportjacke als letzte Zuschauerin in eine Lesung. Der Autor unterbricht seine Rede, die "Frau Ministerin" sei da. Wolff lächelt verlegen: Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin Sachsen-Anhalts ist sie seit dem 19. April nicht mehr. An jenem Tag hatte Regierungschef Reiner Haseloff sie gefeuert – im Streit ums Geld für die Unis. Ein Gespräch nach der Lesung, in einem Magdeburger Elblokal

DIE ZEIT: Frau Wolff, Sie waren drei Jahre lang Ministerin. Verstehen Sie inzwischen die Politik?

Birgitta Wolff: Ich habe die Logik schon verstanden, ich muss ihr jedoch nicht immer folgen. Zum Beispiel, wenn Wahlkämpfer oder Politiker allgemein fürchten, dass sie ihre Entscheidungen dem Wähler nicht verkaufen können, weil er sie nicht versteht. Das hieße ja, der Wähler sei dümmer als der durchschnittliche Politiker. Das nenne ich Arroganz der Macht. Nicht zu sagen, was ich denke, fällt mir jedenfalls schwer.

ZEIT: Waren Sie etwas naiv?

Wolff: Manche meiner Freunde bescheinigen mir ein unverbesserlich positives Menschenbild. Aber warum sollte ich anderen per se Schlechtes unterstellen? Da verschwendet man doch Energie darauf, sich gegenseitig "in die Pfanne zu hauen". Etwas Destruktiveres gibt es nicht. Die Extremform dieser Logik ist Krieg.

ZEIT: Das ist Machtpolitik.

Wolff: Wenn es denn so ist, ist es schade. Kann man sich unter intelligenten, aufgeklärten und gebildeten Menschen nicht einfach an einen Tisch setzen und die Dinge konstruktiv lösen? So, finde ich, sollte auch Kabinettsarbeit ablaufen.

ZEIT: Im April katapultierten Sie sich geradezu selbst aus dem Amt: In einem Interview prangerten Sie die Sparpolitik der eigenen Regierung an. Wieso?

Wolff: Mit meiner Kritik war ich ja weder die Erste noch die Einzige im Kabinett. Und es ist nach den üblichen Spielregeln durchaus Aufgabe von Fachministern, nicht den Eindruck zu erwecken, Einsparvorgaben blind zu folgen, sondern für die jeweiligen Ressorts zu kämpfen. Ich glaube auch nach wie vor nicht, dass ich Unsinniges vorgeschlagen habe. Ich habe versucht, das Land und den Ministerpräsidenten vor eventuellen Fehlentscheidungen zu bewahren. Ich finde, das war mein Job.

ZEIT: Wie reagierte Herr Haseloff auf die Kritik?

Wolff: Nach dem Erscheinen des Interviews, zwei Tage vor Bekanntgabe meiner Entlassung, hat er mich einbestellt. Er war sehr heftig – auf seine Art. Er ist ja keiner, der rumbrüllt. Danach habe ich normal meine Arbeit gemacht, war am Freitag bei einem Termin am Geiseltalsee. Dort ging es um Altbergbausanierung und touristische Perspektiven. Vertreter der Landtagsfraktionen waren auch dabei. Während der Veranstaltung bat mich mein Referent, sofort den Ministerpräsidenten zurückzurufen. Da habe ich mich schon gewundert.

ZEIT: Ahnten Sie schon, was passieren würde?

Wolff: Es musste etwas Dringendes sein, ja.

ZEIT: Was kam dann?

Wolff: Herr Haseloff teilte mir mit, dass er in etwa einer Stunde bei einer Pressekonferenz eine Personalentscheidung bekanntgeben würde – und zwar die über meine Entlassung. Er sagte, es fehle einfach die Vertrauensbasis. Das stimme, antwortete ich. Auf meine Nachfrage hin verriet er mir noch, dass Hartmut Möllring mein Nachfolger würde. Ich bot Reiner Haseloff an, bei der Pressekonferenz dabei zu sein. Aber das war nicht gewünscht. Und so schnell hätte ich es auch vom Geiseltal gar nicht wieder nach Magdeburg geschafft. Sachsen-Anhalt ist ja größer, als manch einer denkt. Nachher erfuhr ich, dass bei der Pressekonferenz mein Nachfolger schon dabei war. Mein Angebot teilzunehmen hätte ich aber auch mit diesem Wissen aufrechterhalten.