Der Kapitän verlässt als Erster das Schiff. Eigentlich hatte er mit uns an diesem Freitagnachmittag von Sylt aus in Richtung Hamburg in See stechen wollen, aber dann kam die plötzliche Einladung auf ein Podium des Kirchentags. Die öffentlich selten gestellte Frage nach den Bedingungen der christlichen Seefahrt ("Weite Wege – wenig Geld") hat natürlich Vorrang vor dem Linienbetrieb. So begrüßt er uns noch kurz auf seiner Undine, sagt tschüss und macht sich auf den Landweg nach Hamburg. Am nächsten Vormittag wird er in der Fischauktionshalle auf Sankt Pauli zu den Gläubigen sprechen. Womöglich haben wir dann bereits unter den Blicken staunender Passanten drei Kilometer elbabwärts in Oevelgönne angelegt und könnten zu Fuß kurz rübergehen – aber ob wir rechtzeitig da sind?

Denn es wird gesegelt. Die Tour von Hörnum nach Hamburg dauert zwischen 15 und 20 Stunden, je nachdem, wie der Wind steht. Der kesse Bootsmann Marvin, 22 Jahre alt, stimmt uns darauf ein, auf alles gefasst zu sein. Er kenne nur drei Arten von Wind, "von vorn, zu viel, zu wenig".

Das Kommando führt jetzt Kena. Käpt’n Kena. Sie ist drahtig, herb, schön, keine 30, hat ein Patent und wirkt sehr patent in ihrer Zimmermannshose. In die Liste für den Zoll, die Mannschaft wie Passagiere ausfüllen müssen, schreibt sie ihren vollen Namen samt Funktion: Anakena-Elisa Barz, Master. An Bord sind wir alle per Du.

Kena hat noch zwei jüngere Brüder mitgebracht, beide Nautiker, und Marvin seine Mutter. Sie soll uns bei der Überfahrt vor dem Verhungern bewahren. Alle fünf Besatzungsmitglieder sind mehr oder weniger beim Flensburger Windjammer Shipping beschäftigt. Unter diesem Namen versucht Torben Hass als Käpt’n und Reeder die vor Jahrzehnten untergegangene Tradition der Segelfrachtschifffahrt wieder aufzunehmen. Hass, der als Offizier auf der Gorch Fock fuhr und Tanker mit Chemikalien und Fruchtsäften über die Meere steuerte, hat die Undine gekauft und betreibt sie nun als einzigen kommerziellen Lastensegler in deutschen Gewässern. Die Geschichte des stählernen Gaffelschoners – Jahrgang 1931 – ist bewegt: Irgendwann hatte man ihm die beiden Masten abgenommen und ihn als schnödes Küstenmotorschiff genutzt. Später diente er der Resozialisierung. Junge Delinquenten konnten wählen: Knast oder Mast. Seit Anfang April pendelt die Undine auf der Hamburg-Sylt-Linie als windgetriebener, maritimer Transporter.

Der Laderaum bietet 55 Paletten Platz. Das ist nicht viel, aber kann drei Zwanzigtonner ersetzen, die sonst für teures Geld von der Deutschen Bahn über den Hindenburgdamm zwischen Insel und Festland verladen werden müssen. Das ist die Rechnung des Reederkäpt’ns: Der Wind kostet nichts, den Zug kann er sparen – eine charmante Alternative zum Lkw. Und dann sind ja auch noch wir da: bis zu acht Mitreisende, die diese neue, alte Art von Güterverkehr für 99 Euro miterleben wollen.

Das Ablegen des Zweimasters in Hörnum erregt gehöriges Aufsehen. Es ist schon eine Operation, das fast 40 Meter lange Schiff ohne Bugstrahlruder von der Kaimauer zu lösen und zu drehen. Man behilft sich mit dem Ziehen an Leinen – geht ja auch und macht was her. Einige Minuten lang ignorieren die Schaulustigen sogar Willi, die hungrige Kegelrobbe; Willi bettelt aus dem Hafenbecken heraus um Heringe, die man ihr oben an der Fischbude kaufen soll.

Leinen los, aber kein Lüftchen rührt sich. Kena fährt den Schiffsdiesel hoch, den die Undine 1937 nachträglich eingebaut bekam, ein wahrhaft archaisches Aggregat. Marvin und die Nautiker rennen von nun an alle Stunde in den Maschinenraum, um die frei und ohrenbetäubend vor sich hin stampfende Mechanik zu schmieren. Nicht dass wir auf See noch einen Kolbenfresser haben.

Beim Setzen der Segel dürfen wir Passagiere mit anpacken. Zögernd kommt man sich näher. Die Besatzung schnackt munter drauflos, die zumeist aus Hamburg stammenden Gäste müssen erst einmal ihr großstädtisches Distanzverhalten hinter sich lassen.

Marvin zeigt uns das WC, das sich an Deck in einer eisernen Kabine befindet. Leider gehe die Spülung nicht. Aber: Kein Problem! Da liegt ein schwarzes Eimerchen gut vertäut an der Bordwand. Einfach runterlassen, Kielwasser schöpfen und dann ab dafür mit einem kräftigen Schwung in die Schüssel. Es macht Spaß, den Eimer zu füllen, wie wir bald feststellen. Im Herzen sind wir ja alle Pfadfinder. Weniger Spaß macht das Feuchtgebiet auf dem Boden der engen Kabine, wenn die Hose zu tief hängt.

Unter Deck gibt es eine Dusche. "Die hat noch nie jemand benutzt!", verkündet Marvin, und wer wollte ihn widerlegen. Er soll auch mit seiner Windeinschätzung recht behalten. Schönste Maiensonne, die Nordsee liegt spiegelglatt da. Der Lastensegler tuckert mit schlaffen Segeln an Amrum vorbei wie ein Traktor. "Da, schaut mal!" Dieser sandhelle Buckel im Wasser: eine Seehundsbank. Vierzig Tiere verdösen den Nachmittag, und wie gerne würden wir uns probehalber dazulegen. "Südsee", stellt jemand fest. Als sich die ersten Gesichter bedenklich röten, spendiert Marvins Mutter eine Runde Sonnencreme.

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Der Kälte wegen stecken wir Gäste in Windjacken und Mützen, Kena gönnt sich immerhin Ohrenschützer, Marvin trägt nur T-Shirt und Jacke. Das Fahren auf der Undine stählt, denn das Ruder befindet sich an Deck. Ob’s stürmt oder schneit, gesteuert wird im Freien. Auch die Passagiere haben es nicht sonderlich bequem: Wer sitzen will, kann sich auf eine Luke hocken. Aber Vorsicht mit den Klamotten, Marvin hat an der Ladekante steuerbords gerade Leinöl aufgetragen.

In der Kombüse wird das Teewasser auf dem Holzofen zum Kochen gebracht; man trifft sich am rustikalen Tisch, erzählt sich was oder blättert im Ringbuch mit den Abbildungen zukünftiger, viermastiger Lastensegler, die erst noch gebaut werden müssen. Je länger wir fahren, desto mehr fällt die Hektik von uns ab. "Gut zum Runterkommen", sagt Bianca, 31, die gerade ihren Segelschein gemacht hat und mit ihrem Freund Christian gekommen ist, Ingenieur bei Airbus.