Aktivisten der spanischen "Plattform der Hypotheken-Opfer" (PAH) protestieren gegen die geplante Zwangsräumung eines Rentners in der Nähe von Valencia. © Heino Kalis/Reuters

Rafael Ferro sieht nicht so aus, als könnte ihn leicht etwas aus der Bahn werfen: 47 Jahre ist er alt, drei Kinder hat er, einen mächtigen Schnauzbart und einen dicken Bauch. Früher hatte Ferro eine Stelle als Koch. Jetzt ist er arbeitslos und steht etwas unsicher auf der Straße, in den Händen ein grünes Plakat. "Stop desahucios" steht darauf: "Schluss mit den Zwangsräumungen". Ferros Finger umklammern es fest, als verlöre er den Halt, wenn er losließe.

Es ist früh am Morgen in Dos Hermanas, einem Vorort von Sevilla. Zwischen zwei gesichtslosen Wohnblöcken liegt die Calle Ruiz Gijón. Außer Ferro sind noch etwa zwei Dutzend Menschen zum Haus mit der Nummer 8 gekommen: Rentner, Studentinnen, ein arbeitsloser Lehrer. Sie protestieren dagegen, dass Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben werden sollen.

Seit nunmehr fünf Jahren hält die Wirtschaftskrise ganz Spanien so fest umklammert wie Ferro sein Plakat. Landesweit sollen seitdem rund 400.000 Verfahren zur Zwangsräumung eingeleitet worden sein, berichtet der spanische Gerichtsrat. Zuletzt waren es mehr als 500 pro Tag. Die Hypotheken-Vereinigung und das Wirtschaftsministerium zweifeln die Zahlen zwar an, aber nach einer Reihe von Selbstmorden sah sich die konservative Regierung Ende letzten Jahres gezwungen zu handeln: Für zwei Jahre setzte sie die Räumungen aus – allerdings nur für eng definierte Fälle, die strenge Kriterien erfüllen.

Die spanische Zentralbank schätzt unterdessen, dass die Zwangsräumungen 2013 noch einmal um 30 Prozent zunehmen könnten. Vor einigen Tagen gab es wieder einen Selbstmord: Ein 36-jähriger Familienvater stürzte sich vom Balkon, nachdem die Bank ihm seine Wohnung genommen hatte.

In der Calle Ruiz Gijón tastet sich die Morgensonne an dem schäbigen Wohnblock langsam nach unten. Es ist 9 Uhr früh, noch eine halbe Stunde, bis der Gerichtsvollzieher kommt. Er soll in Polizeibegleitung die Wohnung einer Mutter von vier Kindern räumen, danach wird ein Schlüsseldienst die Schlösser austauschen. Immer vorausgesetzt, sie kommen vorbei an Ferro und den anderen, die jetzt in einer Reihe vor dem Eingang stehen. "Diese Zwangsräumung werden wir stoppen!", skandieren sie und strecken die Plakate aus wie Schutzschilde. Eine Mauer aus Papier und Empörung.

Dass sich diese Empörung öffentlich zeigt, ist neu: Lange schwiegen die Opfer, aus Scham und aus Schuldgefühlen. Niemand bekam mit, wann und wo Zwangsräumungen stattfanden. Doch seit einigen Monaten melden sich immer mehr Opfer bei Organisationen wie der Plataforma de Afectados por la Hipoteca (PAH) oder dem Verein 15M, die es in ganz Spanien gibt. Über das Internet verbreiten sie täglich Uhrzeiten und Adressen von Räumungen. Es sollen möglichst viele Demonstranten kommen, im besten Fall wird der Gerichtsvollzieher von der Masse abgeschreckt. Dass ein Räumungsbescheid damit nicht aufgehoben, sondern lediglich aufgeschoben wird, ist den Demonstranten egal: Es geht ihnen um mehr.

"Diese Regierung hilft den Banken und den Reichen", sagt Ferro, "aber nicht den Armen und den Arbeitern." Zustimmendes Gemurmel. Es ist mittlerweile kurz nach 10 Uhr, zweimal ist ein Polizeiauto an der Hausnummer 8 vorbeigefahren, der Gerichtsvollzieher aber wird nicht mehr auftauchen. Die Mauer aus Empörten hat sich in kleinere Gruppen aufgelöst. Zusammen mit zwei graugesichtigen Männern schimpft Ferro auf Politik und Banken.

Fast alle, die heute nach Dos Hermanas gekommen sind, kennen sich – meist aus einem der Puntos de Información de Vivienda y Encuentro, kurz Pive. So heißen die Stadtteilbüros des 15M, es gibt sie überall in Sevilla. Andere Organisationen unterhalten ähnliche Anlaufstellen auch in anderen spanischen Städten. Betroffene bekommen hier Rat – und das Gefühl, nicht allein zu sein. Die Pives, die Protestaktionen und die Plakate geben Menschen wie Ferro den Halt, den sie verloren haben. Sie sind zu einer landesweiten Gruppentherapie geworden, bei der man sich über sein Schicksal austauschen kann. Schließlich hat hier jeder eine ganz ähnliche Geschichte zu erzählen, und fast immer beginnt sie so: "Damals gab es ja genug Arbeit."

Also umklammert auch Ferro sein Plakat noch ein bisschen fester und sagt: "Damals gab es ja genug Arbeit." Und dann: "Niemand dachte, dass eine Krise kommt." 1.800 Euro verdienten er und seine Frau, als sie 2008 den Kredit für ihre Wohnung aufnahmen. 80.000 Euro bekamen sie, ausgelegt auf eine Laufzeit von 30 Jahren. Weder die Bank noch sie selbst mussten lang überlegen. "Die Arbeit", sagt Ferro, "es gab ja genug davon, verstehst du?"