SozialdemokratieGestatten, wir sind die SPD!

Die größte und älteste Partei Deutschlands ist mehr als Ideologie, Organisation und Programm. Die Sozialdemokratie versteht nur, wer ihre Idealtypen kennt. Eine Annäherung an den Sozi in sechs Schritten von 

Wenn VW das Auto ist, dann ist die SPD die Partei. Keine ist so parteihaft wie die deutsche Sozialdemokratie. Am 23. Mai feiert sie 150. Geburtstag – und bleibt ein Rätsel. Deutschland war noch nie so sozialdemokratisch. Mindestlohn, Frauenquote und Steuererhöhungen werden bis weit ins bürgerliche Lager hinein begrüßt, doch die SPD profitiert nicht davon. Vielleicht liegt es ja am Personal. Schauen wir uns den Sozi etwas genauer an. Der Sozialdemokrat, eine Typologie.

Der Durchschnitts-Sozi, das statistische Mittel aller 477.037 Parteimitglieder, ist ein 59 Jahre alter weißer evangelischer Mann mit Hochschulabschluss, der seit genau 20 Jahren der SPD angehört und im öffentlichen Dienst arbeitet. Schaut man genauer hin, so erkennt man aber, dass im D. so viel Frau wie noch nie steckt, immerhin 31 Prozent. Im Vergleich zum Durchschnittsdeutschen ist der D. männlicher, älter, besser gebildet, protestantischer, gewerkschaftsnäher. Ein Arbeiter ist der D. nur noch zu 16 Prozent. Und er ist eher konfessionslos (26 Prozent) als katholisch (23 Prozent). Ob der D. wenigstens an den Wahlsieg am 22. September glaubt, wurde statistisch nicht erfasst.

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Aus Sichtungen des D. weiß man, dass er gern auf Kreppsohlen und im Rollkragenpullover die Welt verbessert, die D.-Frau schuhtechnisch flachergelegt daherkommt als ihre Pendants bei Union und FDP. Der D-Mann wiederum hält die Frage, ob man sein Jacket ablegen dürfe, für bürgerlich-liberales Geschwätz, fast so wie die Forderung nach Steuersenkungen. Dem Trend zum Nichtrauchen hat er sich ebenso erfolgreich verweigert wie der Mode, weniger Bier und mehr Wein zu trinken. Schließlich heißt der D. ja nicht Steinbrück.

Als Sozialdemokrat, der aus der Arbeiterschaft kommt, verkörpert der Milieu-Sozi das historische Selbst- wie Fremdbild der SPD. Glaubwürdig erscheint der M., wenn er, wie Peer Steinbrücks Kompetenzteam-Gewerkschafter Klaus Wiesehügel, selbst in zweiter Generation als Betonbauer schuften durfte. Von unschätzbarem Vorteil ist es, wenn der M. zuerst als Kind Fensterkitt fressen musste, um satt zu werden, und dann als Bundeskanzler erzählen kann, wie Fensterkitt so schmeckt. Dann darf er Brioni-Anzüge tragen, Cohibas rauchen, mit den Traditionslinien der Partei brechen und nach Dientschluss für einen Russen arbeiten, der Frauen wegsperren lässt, die in Kirchen singen.

In Einzelfällen macht der M., wie Gerhard Schröder, auch mal Karriere, indem er von der Partei abrückt. Dann hassen ihn die anderen M.s so lange, bis sie sich an den Fensterkitt erinnern. Doch in seiner Mehrheit sucht der M. das Aufgehen in einer Idee, die größer ist als er selbst. Der M. fühlt sich eingebettet in eine Solidargemeinschaft, deren historisches Verdienst – sozialen Aufstieg unabhängig von der Herkunft zu ermöglichen – er selbst erfahren hat. Das macht ihn gesinnungsfest und programmsicher. Der M. verlässt sich auf das Kollektiv und die Organisationsstruktur der Partei. In einer Zeit, in der es populär ist, mal liberal, mal konservativ, mal irgendwas zu sein, bleibt der M. ein Bekenner. Der M. entstammt einem Milieu, das sich einst stolz Proletariat nannte, längst nicht mal mehr Prekariat heißen will und heute unter dem Rubrum "sozial schwierige Verhältnisse" so umstürzlerisch daherkommt wie ein bärtiger Gewerkschaftler in einem Kompetenzteam.

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