Im 150. Jubiläumsjahr kommt meine Partei schwerfällig und träge daher. Uninspiriert, ohne Vision für unsere Einwanderungsgesellschaft. Die erste Riege verkörpert Lebensentwürfe fernab dieser deutschen Migrationsrealität. Mit ihrer altmodischen Denke und dem Gros "altdeutscher" Funktionäre vermittelt sie nicht gerade ein modernes Lebensgefühl.

Daher verliert die SPD zunehmend migrantische Wähler. Die SPD als natürlicher Partner an der Seite der Einwanderer: Das war einmal. Die Zustimmung zum Asylkompromiss, die Agenda-Reformen und der Umgang mit Sarrazin sind Zäsuren im kollektiven Bewusstsein von Einwandererfamilien.

Wie konnte es so weit kommen?

In diesen Krisenzeiten, in denen viele in der Mitte der Gesellschaft Angst vor einem Abstieg haben, bedienen Thilo Sarrazin und der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, Sündenbockfantasien. Während nach Sarrazin Genetik und Kultur der Einwanderer Intelligenz und die Fähigkeit zur Vernunft verhindern, kündigt sich bei Buschkowsky der Untergang des Abendlandes in der sinkenden Currywurst-Dichte in seinem Wohnumfeld an.

Doch sind diese beiden die Gesichter der SPD in der Integrationspolitik.

Der Zickzackkurs zu Sarrazin und das Hofieren von Buschkowsky sind ein historisches Versagen der SPD-Führung. Sarrazins geistige Brandstiftung unter dem Deckmantel des Tabubruchs wurde von der SPD-Spitze nicht vehement genug widersprochen. Bei Sätzen wie "Demographisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar", bin ich erstaunt, dass es der SPD-Führung nicht gelang, diesen Rassismus zu erkennen, als er im Genossen-Anzug statt in Springerstiefeln daherkam. Man glaubt wohl, gleichzeitig bei vorurteilsbeladenen Wählern und bei Wählern mit Migrationsbiografie auf Stimmenfang gehen zu können. Dass es die Sarrazin-Debatte war, die eine interne integrationspolitische Offensive der SPD-Spitze auslöste, ist ein bitterer Nebeneffekt: Erst verkündete Sigmar Gabriel eine Migrantenquote, dann schuf er einen weiteren Platz im Parteivorstand, und schließlich setzte die Partei endlich eine Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt ein. Richtige Schritte, mit denen Gabriel aber zu jenem Zeitpunkt Sarrazin als Impulsgeber legitimierte.

Noch immer hat die Politik insgesamt die heterogenen Lebensrealitäten in Deutschland nicht begriffen. Die Parteien verharren im Imperativ der Anpassung, der Integration und der Bringschuld von Einwanderern. Die SPD macht da mit und verkennt, dass es um ihr originäres Kerngeschäft geht: soziale Gerechtigkeit zu organisieren.

Die schätzungsweise sechs Millionen Wähler mit Migrationsbiografie machen ihr Kreuz nicht mehr automatisch bei der SPD. Die Grünen sind ein ernsthafter politischer Konkurrent für uns geworden. Sie machen uns die neuen Aufstiegskinder abspenstig, sprechen ihr Lebensgefühl an und verkörpern ein unbeschwertes und modernes Image. Die CDU hat ebenfalls Akzente gesetzt: Sie initiierte Integrationsgipfel und Islamkonferenz und wartet in diesem Jahr erstmals mit einer muslimischen Bundestagskandidatin auf. Es ist vielleicht nur Symbolpolitik einer im Kern konservativen Partei, aber eine, die der SPD zunehmend die Abgrenzung erschwert.

Für die erste Einwanderergeneration ist die SPD zwar immer noch die traditionell zu wählende Arbeiterpartei. Als selbst Eingewanderte stört sie der Paternalismus kaum. Ihre Kinder und Enkel aber gehen mit einem anderen, neuen Selbstverständnis als Deutsche an die Wahlurne. "Warum trinkt Steinbrück eigentlich Eierlikör und keinen Cay?", wurde ich nach dem ersten Wohnzimmergespräch des Kanzlerkandidaten gefragt.