SPD"Warum trinkt Steinbrück Eierlikör?"

Die SPD versagt als Partei der Einwanderer. Eine sozialdemokratische Stilkritik von Daniela Kaya

Im 150. Jubiläumsjahr kommt meine Partei schwerfällig und träge daher. Uninspiriert, ohne Vision für unsere Einwanderungsgesellschaft. Die erste Riege verkörpert Lebensentwürfe fernab dieser deutschen Migrationsrealität. Mit ihrer altmodischen Denke und dem Gros "altdeutscher" Funktionäre vermittelt sie nicht gerade ein modernes Lebensgefühl.

Daher verliert die SPD zunehmend migrantische Wähler. Die SPD als natürlicher Partner an der Seite der Einwanderer: Das war einmal. Die Zustimmung zum Asylkompromiss, die Agenda-Reformen und der Umgang mit Sarrazin sind Zäsuren im kollektiven Bewusstsein von Einwandererfamilien.

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Wie konnte es so weit kommen?

In diesen Krisenzeiten, in denen viele in der Mitte der Gesellschaft Angst vor einem Abstieg haben, bedienen Thilo Sarrazin und der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, Sündenbockfantasien. Während nach Sarrazin Genetik und Kultur der Einwanderer Intelligenz und die Fähigkeit zur Vernunft verhindern, kündigt sich bei Buschkowsky der Untergang des Abendlandes in der sinkenden Currywurst-Dichte in seinem Wohnumfeld an.

Doch sind diese beiden die Gesichter der SPD in der Integrationspolitik.

Der Zickzackkurs zu Sarrazin und das Hofieren von Buschkowsky sind ein historisches Versagen der SPD-Führung. Sarrazins geistige Brandstiftung unter dem Deckmantel des Tabubruchs wurde von der SPD-Spitze nicht vehement genug widersprochen. Bei Sätzen wie "Demographisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar", bin ich erstaunt, dass es der SPD-Führung nicht gelang, diesen Rassismus zu erkennen, als er im Genossen-Anzug statt in Springerstiefeln daherkam. Man glaubt wohl, gleichzeitig bei vorurteilsbeladenen Wählern und bei Wählern mit Migrationsbiografie auf Stimmenfang gehen zu können. Dass es die Sarrazin-Debatte war, die eine interne integrationspolitische Offensive der SPD-Spitze auslöste, ist ein bitterer Nebeneffekt: Erst verkündete Sigmar Gabriel eine Migrantenquote, dann schuf er einen weiteren Platz im Parteivorstand, und schließlich setzte die Partei endlich eine Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt ein. Richtige Schritte, mit denen Gabriel aber zu jenem Zeitpunkt Sarrazin als Impulsgeber legitimierte.

Daniela Kaya

Daniela Kaya, SPD-Mitglied und im Landesvorstand der Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt. Zuletzt erschien von ihr Deutschland neu erfinden.

Noch immer hat die Politik insgesamt die heterogenen Lebensrealitäten in Deutschland nicht begriffen. Die Parteien verharren im Imperativ der Anpassung, der Integration und der Bringschuld von Einwanderern. Die SPD macht da mit und verkennt, dass es um ihr originäres Kerngeschäft geht: soziale Gerechtigkeit zu organisieren.

Die schätzungsweise sechs Millionen Wähler mit Migrationsbiografie machen ihr Kreuz nicht mehr automatisch bei der SPD. Die Grünen sind ein ernsthafter politischer Konkurrent für uns geworden. Sie machen uns die neuen Aufstiegskinder abspenstig, sprechen ihr Lebensgefühl an und verkörpern ein unbeschwertes und modernes Image. Die CDU hat ebenfalls Akzente gesetzt: Sie initiierte Integrationsgipfel und Islamkonferenz und wartet in diesem Jahr erstmals mit einer muslimischen Bundestagskandidatin auf. Es ist vielleicht nur Symbolpolitik einer im Kern konservativen Partei, aber eine, die der SPD zunehmend die Abgrenzung erschwert.

Für die erste Einwanderergeneration ist die SPD zwar immer noch die traditionell zu wählende Arbeiterpartei. Als selbst Eingewanderte stört sie der Paternalismus kaum. Ihre Kinder und Enkel aber gehen mit einem anderen, neuen Selbstverständnis als Deutsche an die Wahlurne. "Warum trinkt Steinbrück eigentlich Eierlikör und keinen Cay?", wurde ich nach dem ersten Wohnzimmergespräch des Kanzlerkandidaten gefragt.

Leserkommentare
    • boxo
    • 25. Mai 2013 16:03 Uhr

    selbst nicht wissen das die "SPD" mal die Partei der "Arbeiter" war.

    Bei der CDU oder der FDP würde man hier von Lobby Politik reden.

    Die SPD wird nicht mehr gebraucht, für das was die Autorin oben geschrieben hat war die SPD auch nie gedacht und es wäre ein Verrat an der Partei.

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    die FDP wird als Klientelpartei verspottet, während die SPD und die GrünInnen den öffDienst vertretten und den starken Staat beschwören..das ist Klientepolitik!!
    aber nein, die Medien thematsiesren es nicht..insofern könnte sich die SPD ja auch der Migranten annehmen..
    Problem ist nur..seien wir ehrlich..viele Deutsche ist die Einwanderungspolitik schon heute nicht genehm..ob das politisch korrekt ist , sei mal dahingestellt.
    Die PArtei wird sich als Migrantenvertretterin sicher keinen Gefallen tun

    Hätte die alte Tante SPD nicht ihre Klientele aufdgegeben, würde sie auf ihre Ortsvereine hören und mit den Gewerkschaften kooperieren, hätte sie keine Probleme mit ihrer Wählerschaft. Sich bei muslimischen Migranten anzubiedern, war gar keine gute Idee.

    Und Buschkowsky als Rassisten hinzustellen - das ist der Gipfel der Dreistigkeit.

  1. Wer eine Migrantenquote will, respektiert den demokratischen Gedanken nicht. Wenn Menschen in diesem Land oder in der SPD sich mehrheitlich nicht durch Migranten vertreten lassen wollen, dann ist das zwar bedauernswert, es ist aber hinzunehmen.

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    es ist nicht alles "hinzunehmen", was aktuell demokratisch legitimiert ist (oder scheint). Demokratie heißt auch, politische Entscheidungen immer wieder kritisieren zu dürfen, auch wenns einen Teil der Wählerschaft nervt. Wer was anderes behauptet, respektiert den demokratischen Gedanken nicht nur nicht, sondern hat ihn auch nie verstanden...

  2. Einwanderung in Sozialsysteme hat nichts mit den europäischen
    Gastarbeitern der 60er und 70er Jahre zu tun.

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    Solch primitive Agitation ist oft von Anhängern der rechtsextremistisch-"christlichen" Ecke der berüchtigten Internet-SA um den Dunstkreis von (von Stefan Herre gegründeten) "PI-News" zu hören - allein: Was hat diese unqualifizierte Aussage nun mit der SPD oder gar dem Thema dieses Artikels zu tun?

  3. 4. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/mo.

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  4. Was passiert durch zu hohe Überfremdung und Integrations Unwilligkeit sehen wir in ganz Europa. Holland, Schweden Frankreich usw. Warum sollten nicht auch in der SPD intelligente Leute sitzen, die die Zeichen der Zeit erkennen.

    via ZEIT ONLINE plus App

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    • gooder
    • 25. Mai 2013 16:52 Uhr

    Buschkowsky dürfte z.B. zu den intelligenten Leuten gehören.
    Wer sich über Missstände empört und sogar konkrete Lösungen anbietet, kann kein Dummer sein, allerdings ein unbequemer.

    Danke für Ihre Selbst-Entblößung.
    Fehlt eigentlich nur noch die Eingrenzung, welche Migranten aus welchem Kulturkreis und welcher Religion Sie genau meinen - aber selbstverständlich gehen Sie davon aus, dass alle Ihre Sektensprache kennen. So wie "88" unter Insidern ...

  5. Trinkt Steinbrück Bier meckern die Weintrinker, umgekehrt maulen die Biertrinker, bei Eierlikör meckert die Zeit.
    Liebe Zeit Redaktion, veröffentlicht doch endlich einen Aufruf Frau Merkel zu wählen, dann habt ihr eure endlose Anmache von Herrn Steinbrück endlich beendet.

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    Genau das gleiche habe ich mir auch gedacht.

    Der Sinn des Artikels ist mir etwas schleierhaft. Die SPD macht anscheinend schlechte Integrationspolitik. Die anderen auch. Naja, hauptsache mal auf die SPD geschimpft.

    • dacapo
    • 25. Mai 2013 20:44 Uhr

    ....wäre ja eigentlich die Frage fällig, warum man denn nicht mal ein bisschen mehr Integration als bisher? Warum jammert man immer über die Mehrheitsgesellschaft, warum nimmt man sich als Einwanderer nicht mal in in die Selbstkritik. Wenn man allerdings von den Mankos Einwanderern spricht, tut man denen weh, die es tun, was ja eigentlich normal ist. Dabei kann jeder trinken, was er möchte.

    Auf den Punkt gebracht....

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  6. Wieso sollte es ein Zeichen von Fortschritt sein, Cay statt Eierlikör zu trinken? Warum glauben Migranten und ihre Nachkommen, Integration bestünde darin, die Eigenarten von Migranten zu übernehmen?

    Ich versteh´s nicht: Die Migranten können sich doch deutsch fühlen, wenn sie wollen. Wieso hindert die Existenz der "Biodeutschen" sie daran? Es ist doch nicht die Aufgabe der Autochthonen, sich den Migranten anzupassen. Es hindert die Migranten doch niemand daran, so zu leben, wie sie wollen. Aber sie können doch nicht erwarten, dass das alle gut finden! Wir sind eine pluralistische, kritische Gesellschaft - es darf keinen Zwang geben, alles gutzuheißen, was durch Zugewanderte hierhergekommen ist.

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    Einerseits finden Sie, dass Migranten sich wenn dann den Deutschen anpassen sollen und nicht umgekehrt, dass aber andererseits Migranten natürlich so leben dürfen, wie sie wollen. Wenn sie sich also nicht komplett den Deutschen anpassen wollen, dürfen sie das, aber Sie fänden das nicht gut, und da muss Kritik dann geäußert werden dürfen, verstehe ich das richtig?

    Nun finden Sie auch, dass es keinen Zwang geben darf, alles gutheißen zu müssen, was durch Zugewanderte hergekommen ist. Welcher Zwang besteht denn da? Es kann passieren, dass man kritisiert wird, wenn man zu viel von dem schlecht findet, was Migranten mitgebracht haben, oder zu pauschal, vor allem, wenn man dafür keine Argumente hat. Es kann passieren, dass sich Migranten zu Wort melden und gern aus der Politik ein Signal hätten, dass nicht alles an ihrer mitgebrachten Kultur schlecht ist. Signale dafür, dass viel davon schlecht ist, gibt es ja durchaus. Letztlich also kann das schlechte Presse erzeugen (in der Zeitung oder beim Nachbarn). Mehr passiert da üblicherweise nicht.

    Kritik an Deutschen, die Ausländerkultur nicht mögen, ist also Zwang, Kritik an Zugewanderten, die deutsche Kultur nicht mögen, ist aber kein Zwang (denn die dürfen ja so leben wie sie wollen, sagen Sie.) Wie das zusammen passt, muss mir bei Gelegenheit nochmal jemand erklären, ich finde, Sie widersprechen sich selbst.

    • xy1
    • 25. Mai 2013 18:28 Uhr

    Steinbrück trinkt Eierlikör, weil er es so gewohnt ist. Und Ali trinkt aus dem gleichen Grund Cay.

    Man könnte auch fragen, warum Ali nicht Eierlikör trinkt.

    Übrigens "Cay" ist besser bekannt unter dem Namen Tee.

    ... im 19. Jahrhundert auch von den US-Präsidentschaftskandidaten verlangt, demonstrativ Eierlikör bzw. Bier zu trinken, oder gar die deutsche Sprache zu lernen?

    http://en.wikipedia.org/w...

    ---

  7. Am Anfang dachte ich ja, es handelt sich hierbei um eine Satire. Die SPD, die die Rechte der Bevölkerung vergisst, aber dafür die Rechte der Migranten in den Himmel hebt, das ist zwar etwas übertrieben, aber leider Realität.

    Doch dann las ich den Satz zu Sarrazin. Nein, es war keine Satire. Hier schreibt tatsächlich jemand, der Sarrazin nicht verstanden hat und Anti-Sarrazin-Stammtischparolen wiedergibt. Die politische Gehirnwäsche war wieder mal aktiv. Und natürlich: Die ZEIT macht mit.

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    ... muss ich auch noch realisieren, dass diese Schreiberin für den Bundestag arbeitet. Ohje. Arme SPD, von welchen verqueren Menschen wird dein politischer Wille geseuert.

    Deutschland hat Fachkräftemangel - vor allem in der Politik.

    • Ghede
    • 25. Mai 2013 16:52 Uhr

    "Am Anfang dachte ich ja, es handelt sich hierbei um eine Satire."

    Das dachte ich auch, allerdings nur, als ich die Überschrift sah. Erwartet hatte ich eine Kritik am Umgang der Medien mit dem glücklosen Kandidaten, der eben auch dafür kritisiert wird, dass er Eierlikör trinkt. So kann man sich täuschen. Aber es ist erfrischend zu sehen, dass die SPD mittlerweile so pluralistisch ist, dass es nicht einmal mehr den politischen Gegner braucht, um den Kandidaten im Wahlkampf zu kritisieren. ;-)

    Die Antwort auf diese ganz zentrale Frage ist übrigens vermutlich ganz banal: Weil ihm die Organisatoren der Wahlkampfveranstaltung einen Eierlikör in die Hand gedrückt haben. Und das haben sie wiederum, so darf man mutmaßen, weil das in Barsinghausen mit seinen um die 34.000 Einwohnern eher Usus ist, als türkischer Tee. Schrecklich. Steinbrück sollte sich was schämen.

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