Wenn das alles bloß ein Albtraum wäre, flüstert Fahlbusch manchmal. Ein Albtraum ist nur eine nächtliche Täuschung. Ein Albtraum hat ein Ende. Aber das hier, das ist wahr und wird nie aufhören. Fahlbusch wird sein Leben, so wie er es kannte, nicht zurückbekommen. Er hat es auf dem Meer verloren, auf 54° 5' Nord und 10° 53' Ost.

Es ist ein blaustichiger Sommersonntag, der 7. August 2011, als Fahlbusch seiner Frau zu Hause in Eutin einen beiläufigen Kuss gibt, in sein Auto steigt und die zwanzig Kilometer hinunter an die Ostsee fährt. Der Wind in den Birken hat ihn gelockt. Reinhard Fahlbusch, 61 Jahre alt, surft seit mehr als drei Jahrzehnten. In Pelzerhaken, einem kleinen Badeort in der Lübecker Bucht, stellt er seinen Wagen ab, hebt das Surfbrett vom Dach, grüßt ein paar bekannte Gesichter. Auf dem Meer sieht er die Segel, bunt wie Schmetterlinge. Es herrscht gute Sicht.

Um 14 Uhr zeichnet die kleine Wetterstation am Ufer eine Windgeschwindigkeit von zwölf Knoten auf. Das entspricht Stärke 4 und ist weder "schwach" noch "stark", sondern "mäßig". Fahlbusch zieht seinen schwarzen Neoprenanzug an und trägt sein Surfbrett über den Strand, ein taubenblaues Fanatic Bee, 274 Zentimeter kurz, 57 Zentimeter schmal, 7,5 Kilogramm leicht. Er ahnt nicht, dass diese Zahlen, Werte, Daten noch von Bedeutung sein werden. Er steckt seine beiden Füße in die Schlaufen des Brettes, dann hebt der Wind ihn aus dem Wasser. Heute sagt Fahlbusch, er sei aufs Meer gesurft in dem Glücksgefühl, "einen der letzten Sommertage" zu nutzen.

Zur selben Zeit, noch hinter dem Horizont, zerschneiden acht Motorjachten die Ostsee. Sie lassen weißes Schraubenwasser zurück, schäumende Leistungsnachweise. Die Jachten sind schnelle, schnittige Boote der englischen Sunseeker-Werft, die eine Niederlassung im Hafen von Neustadt hat, direkt neben Pelzerhaken. Sunseeker veranstaltet an diesem Wochenende eine "Baltic Cruise", eine Ausfahrt für vermögende Kunden und Kaufinteressenten. Das Programm: Freitag "Barbecue" in Neustadt. Samstag Konvoifahrt zur Insel Poel, weiter über Wismar nach Kühlungsborn, Abendessen. Sonntag per "VIP-Shuttle" zum Frühstück im Grand Hotel Heiligendamm.

Es gibt ein Foto von diesem Werbewochenende: 18 Männer und Frauen auf einem Steg. Sie tragen himmelblaue Poloshirts der Werft. Sie sehen aus wie auf einer Klassenfahrt.

Am Sonntagmittag ist die Flotte auf dem Weg zurück. Das größte Schiff fährt vorneweg, eine Sunseeker Predator 74. 22 Meter lang, 5,40 Meter breit, Verdrängung 47 Tonnen, Motorleistung 3.600 PS, Basispreis 2.300.000 Euro. Predator bedeutet Feind, Räuber, Raubfisch. Am Steuer sitzt ein 71 Jahre alter Mann. Ein Unternehmer, zu Hause im Raum Lübeck. Wer seinen Namen googelt, findet Mosaiksteine eines Lebens voller Zukäufe und Verkäufe, die meisten in Millionendimensionen. Wie jedem Bürger garantiert das deutsche Medienrecht ihm weitestgehend Anonymität, wenn er das wünscht. Und das tut er. Der Mann am Steuerstand soll hier Karl Dröhmer heißen.

Vor Pelzerhaken lässt der Wind nach. Um 16 Uhr misst die Wetterstation am Ufer nur noch zehn Knoten, Windstärke 3, nicht mehr "mäßig", sondern "schwach". Fahlbusch fällt ins Wasser, einen Kilometer vom Strand entfernt. Er hat das falsche Brett gewählt, es ist zu klein für schwachen Wind, es trägt ihn kaum noch. Fahlbusch dümpelt jetzt auf 54° 5' Nord und 10° 53' Ost. Heute sagt er, er sei wieder auf sein Board geklettert, wieder ins Wasser gesunken und wieder aufgestiegen, bis der Wind endlich zaghaft in sein Segel griff. Er wollte jetzt zurück an Land. Von diesem Augenblick an ist Fahlbuschs Erinnerung verschattet.

Um 16 Uhr ist Dröhmers Jacht noch etwa zwei Kilometer von Fahlbusch und seinem Brett entfernt. Alle dreißig Sekunden funkt das Schiff automatisch seine Positionsdaten an die Revierzentrale in Travemünde, in deren Tower der dichte Fährverkehr nach Skandinavien überwacht wird. Für 16.01 Uhr zeichnen die Computer eine Geschwindigkeit von 26 Knoten auf, um 16.02 Uhr beschleunigt Dröhmer auf 38 Knoten. Das sind 70 Stundenkilometer, beinahe die Höchstgeschwindigkeit der Jacht. Dröhmer ist in diesem Moment alleine am Steuerstand. Seine erwachsene Tochter hat den Ausguck neben ihm verlassen. Der Polizei wird sie später sagen, sie sei zum Heck gelaufen, um zu sehen, ob die anderen Schiffe mithalten können.

Dann ist da dieser Knall.

Zwei Jahre später steckt Reinhard Fahlbusch in einem Körper fest, der nicht mehr seiner ist, und in einem Leben, das er hasst. Er hat jetzt einen linken Fuß aus Plastik, ein Schienbein und ein Knie aus Aluminium und einen halben Oberschenkel aus Glasfaserkunststoff – dem gleichen Material, aus dem sein Surfbrett war. Das Wort "aufstehen" hat er sich abgewöhnt, weil "stehen" darin vorkommt. Er robbt morgens vom Bett in einen Toiletten-Rollstuhl. Gestützt auf Stöcke, humpelt Fahlbusch durch die Tage. Er kommt nur schwer an seine Schuhe, um sich die Schnürsenkel zu binden. Seine Frau wäscht nur noch rechte Socken, weil sein linker Prothesenfuß nicht schwitzt.

Im Spiegel sieht er sich an wie einen Irrtum.

"Meine Seele ist jeden Tag verletzt durch alles, was ich nicht mehr bin, was ich nicht mehr kann und was ich an mir selber sehen muss", sagt er. "Das lässt sich alles nicht mehr wenden."