Allan Hobson"Eines Tages werden wir Träume ganz verstehen"
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"In einem Zustand zwischen Träumen und Wachen"

(am nächsten Morgen: Hobson wirkt etwas unausgeschlafen)

Hobson: Herr Klein, ich habe von Ihnen geträumt.

Klein: Erzählen Sie!

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Hobson: Im Schlaf sprach ich mit Ihnen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mich gestern deutlich genug ausgedrückt hatte. Darum wollte ich Ihnen meine Gedanken ganz genau erklären. Ich redete tatsächlich, meine Frau hat es gehört. Bemerkenswert war, dass ich im Traum ebenfalls meiner eigenen Stimme zuhörte.

Klein: Sie waren wohl in einem Zustand zwischen Träumen und Wachen.

Hobson: Genau. Anders als beim sonst eher verwaschenen Reden im Schlaf waren meine Worte ganz klar.

Klein: Merkwürdig, auch ich erlebte heute Nacht solch einen Zwischenzustand. Ich war in den USA, wollte einen Flug nehmen und fürchtete, ihn zu versäumen, weil das Taxi nicht kam.

Hobson: Zu spät am Flughafen – ein sehr häufiger Traum.

Klein: Aber warten Sie! Ich rief also die Taxizentrale an und beschwerte mich. Es antwortete jemand auf Deutsch. Interessanterweise wusste ich, dass hier etwas nicht stimmt: Ich war doch in Amerika. Offenbar ist es nicht wahr, dass im Traum alles kritische Bewusstsein verschwindet.

Hobson: Erkannten Sie in dem Moment, dass Sie träumten?

Klein: Diesmal nicht. Allerdings wird mir anhand solcher Widersprüche manchmal klar, in welchem Zustand ich bin. Erleben Sie solche Klarträume häufig?

Hobson: Früher hatte ich die. Es war wunderbar. Denn ich wusste nicht nur, dass ich träume, ich konnte auch über die Handlung bestimmen: rennen, fliegen, die tollsten Bewegungen machen – alles überhaupt kein Problem. Ich war Superman!

Klein: Warum sagen Sie "war"?

Hobson: Weil ich jetzt im Alter leider keine Klarträume mehr habe. Wissen Sie, wann sie mir am häufigsten kamen? Wenn ich mich nach einem Nachtdienst im Krankenhaus am Vormittag hinlegte. Der Krach der Straße drang herein, die Sirenen der Feuerwehrautos heulten, mein Schlaf war sehr leicht. Und plötzlich spürte ich, dass ich träumte.

Klein: Als ob nur eine Hälfte von Ihnen träumte. Und die andere, schon wach, sah zu. So verstehe ich auch die Erfahrungen, die Sie und ich heute Nacht hatten: Teils träumten wir, teils waren wir bei klarem Bewusstsein.

Hobson: Ich denke, genau so ist es. Klarträume sind deswegen so interessant, weil in ihnen zwei völlig verschiedene Bewusstseinszustände koexistieren. Viel spricht dafür, dass dabei auch das Gehirn gleichsam in zwei voneinander getrennte Hälften zerfällt: als könne sich der vordere Teil des Hirns abkoppeln von dem, was der Hinterkopf tut.

Klein: Eine Bewusstseinsspaltung.

Hobson: Ja. Da es so leicht dazu kommen kann, ist es doch erstaunlich, dass wir uns normalerweise als eine einzige Person erleben.

Klein: Vielleicht bilden wir uns auch nur ein, einer und nicht viele zu sein.

Hobson: Mir scheint, ich besitze mindestens sechs Ichs. Schon wenn ich französisch spreche, bin ich doch ein anderer. Und das Träumen zeigt eben noch mehr Facetten. Träumend erforschen wir unser Bewusstsein. Die meisten Menschen glauben immer noch, dass Träume nur ein Nachhall der Wacherlebnisse sind. Dass ich nach den Nächten im Krankenhaus viele Klarträume hatte, lag übrigens nicht nur an meinem leichten Schlaf, sondern auch an der Uhrzeit. Wie spät es ist jetzt?

Klein: 9.30 Uhr. Warum fragen Sie?

Hobson: Weil wir uns gerade dem Zeitpunkt nähern, zu dem Sie am leichtesten in den REM-Zustand geraten. Der ist nicht in der tiefen Nacht, sondern um elf Uhr vormittags.

Klein: Eigenartig: Eigentlich bin ich hellwach. Aber wenn ich jetzt schlafen würde, wären meine Träume besonders intensiv. Als würden Traum und Wachen nicht gegeneinander, sondern miteinander laufen.

Hobson: So ist es. Und es könnte gut sein, dass Sie jetzt in einen Klartraum geraten...

Klein: ...weil sich das kritische Wachbewusstsein in den Traum einschaltet. Ich frage mich, ob es auch umgekehrt geht: Können Träume in den Wachzustand hineinschwappen?

Hobson: Sicher. Fragen Sie meinen unheimlichen Besucher im Schlaflabor!

Klein: Sie waren übernächtigt. Aber vielleicht träumt das Gehirn auch, wenn wir keinen Schlafmangel haben. Träume begleiten uns durch den ganzen Tag. Ich vermute, sie arbeiten im Untergrund weiter, auch wenn wir gewöhnlich nicht auf sie achten.

Hobson: So ist es: Das REM-System ist nie ganz abgeschaltet, nur unterdrückt. Es kann sich in den Wachzustand einkoppeln.

Klein: Und was geschieht dann? Viele Schriftsteller setzen sich nach dem Aufstehen sofort an den Schreibtisch. Ich vermute, sie tun es, um das Träumen in den Tag herüberzuretten. Die amerikanische Autorin Roxana Robinson hat es schön ausgedrückt: Sie gerate dann in einen Geisteszustand "noch tief im Traumland, wo ich zuhören kann".

Hobson: Nun, sie versucht die unbewussten Unterströmungen des Traumprozesses zu erreichen, die am Vormittag noch ziemlich stark sind. Tests haben gezeigt, dass der REM-Schlaf weiträumige Assoziationen fördert – er erleichtert es, Verbindungen zwischen Gedanken zu knüpfen, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Und Träume erzählen von möglichen Welten. Für Schriftsteller und Künstler ist das natürlich besonders interessant. Sie haben seit eh und je Einfälle aus Träumen geerntet. Wir sollten genauer erforschen, wie sie es tun.

Klein: Warum sind wir nicht weiter?

Hobson: Weil die meisten Forscher einäugig sind: Sie nehmen entweder nur die Daten der Hirnforschung ernst oder nur subjektive Erfahrungen. Heute aber können wir die Vorgänge im Gehirn zusammenbringen mit dem, was wir erleben. Nur so werden wir eines Tages nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt der Träume verstehen.

Klein:Wollen wir das wirklich?

Hobson: Warum nicht?

Klein: Weil Träume dann wohl aufhören werden, ein Geheimnis des Träumers zu sein. Einer Gruppe von Neurowissenschaftlern in Kyoto soll es kürzlich gelungen sein, in den Gehirnen Schlafender zu lesen. Messungen der Hirnaktivität verrieten ihnen den Inhalt der Träume. Würden Sie sich so in den Kopf schauen lassen?

Hobson: Ja. Erst Freud hat doch die Menschen dazu gebracht, sich ihrer Träume zu schämen. Wir haben dazu keinen Grund. Ich habe aus meinen Träumen, auch wenn sie von Sex und Gewalt handelten, nie ein Geheimnis gemacht.

Klein: Hat die Gewohnheit, Ihre Träume zu notieren, Ihr Leben verändert?

Hobson: Weniger, als Sie vielleicht denken. Aber schließlich wollte ich keine Traumdeutung betreiben, sondern das Bewusstsein verstehen. Ich habe aus meinen Träumen selten etwas gelernt, was ich vorher nicht schon wusste. Manchmal haben sie mir gezeigt, wie sehr mich Angelegenheiten noch immer beschäftigten, die ich längst für erledigt hielt: alte Rivalitäten zum Beispiel. Neulich begegnete mir im Traum ein Kollege, mit dem ich vor mehr als zwanzig Jahren einen wissenschaftlichen Streit hatte. Ich habe mich daraufhin endlich mit ihm versöhnt.

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Leserkommentare
  1. wir alles selbst ..

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