Gespräche über Glaube und Religion stehen meistens am Ende einer längeren Begegnung, Allan Hobson kommt gleich am Anfang auf diese Fragen. Nachdem wir ein paar Höflichkeiten ausgetauscht haben, erklärt er mir unvermittelt seine Abneigung gegenüber Mysterien und dem Katholizismus. Umso erstaunlicher finde ich die Einrichtung der Wohnung, in der mich der amerikanische Wissenschaftler Hobson im italienischen Messina empfängt. Vom Esszimmer aus blickt man durch eine Flügeltür auf einen schweren Ebenholzschreibtisch, auf dem ein Madonnenbild steht und ein Rosenkranz liegt. In Messina lebt er mit seiner zweiten Frau, einer gläubigen Ärztin, die aus Sizilien stammt.

Widersprüche und Provokationen hat Hobson noch nie gescheut. Als Professor für Psychiatrie an der Universität Harvard war es seine Pioniertat, den Schlaf als Tätigkeit des Gehirns zu verstehen – er stellte damit die traditionelle Traumdeutung auf den Kopf. Nebenbei organisierte er Traumausstellungen in Kunstmuseen und beschrieb in wissenschaftlichen Veröffentlichungen ausgiebig seine eigenen Träume, die er bis heute sammelt. Mit 79 Jahren schreibt er immer noch viel beachtete Aufsätze. Eine Hälfte des Jahres verbringt Hobson in Boston, in der Nähe seines alten Instituts, und auf seiner Farm in Vermont, wo er in einem ehemaligen Kuhstall eine Traumausstellung aufgebaut hat. Die übrige Zeit lebt er auf Sizilien.

Stefan Klein: Herr Hobson, warum träume ich schon seit Jahren immer wieder denselben Traum? Ich bin mit alten Freunden oder meinen Eltern im Hochgebirge. Mit Skiern und Steigfellen unter den Füßen versuchen wir, einen Gipfel zu erreichen, doch wir kommen nie an. Manchmal sehe ich mich auch bei der Abfahrt über einen gefährlichen Gletscherhang.

Allan Hobson: Welche Gefühle haben Sie dabei?

Klein: Die Gefühle wechseln – von Angst bis zur Euphorie.

Hobson: Dann ist es kein klassischer Wiederholungstraum. Sie sehen sich nur oft in derselben Szenerie. Wir träumen sehr oft von Situationen, die emotional aufgeladen, etwas gefährlich, dabei sozial anregend sind. Und Bewegung spielt im Traum eine sehr wichtige Rolle. Das alles enthält Ihr Hochgebirgstraum.

Klein: Ich wüsste genug andere Themen, die denselben Nervenkitzel bieten. Warum ausgerechnet und immer wieder die Berge?

Hobson: Ich habe zwar, anders als Sie, nie Alpinismus betrieben. Dafür träume ich erstaunlich häufig von rasanten Pistenabfahrten. Dabei stand ich seit zwanzig Jahren nicht mehr auf Skiern! Offenbar möchte ein Teil meines Hirns immer noch Ski laufen.

Klein: Sie haben jahrelang Psychologen gegen sich aufgebracht, indem Sie Träume zur Folge zufälliger Hirnerregungen erklärten. Sie hätten gar keine Bedeutung, meinten Sie.

Hobson: Nun, ich habe gesagt, Träume haben keine versteckte Bedeutung. Ein Psychoanalytiker würde im Traum von der Besteigung eines Berges vielleicht einen uneingestandenen Wunsch nach Inzest mit Ihrer Mutter sehen. So ein Unsinn! Im Übrigen habe ich in den letzten Jahren meine Meinung geändert. Heute glaube ich, Träume sind wichtig. Sie handeln von den grundlegenden Dingen des Lebens – Gefühlen, Bewegungen, Wahrnehmungen. Träumend trainiert das Gehirn den Umgang damit: Es übt für den Tag. Aber das ist vielen Menschen zu wenig. Sie wollen den Traum als Glückskeks sehen...

Klein: ...aus dem sie die Zukunft herauslesen können. Sehnen Sie sich etwa nicht nach einer tieferen Bedeutung Ihrer Träume? Sie haben Ihre Karriere als Psychoanalytiker begonnen.

Hobson: Menschliches Verhalten und Psychiatrie faszinierten mich schon immer. Da lag eine Ausbildung in Psychoanalyse nahe. Und ich versuchte, daran zu glauben. Aber es widerte mich zunehmend an, als ich sah, wie die Analytiker dachten und wie sie Menschen behandelten. Lange meinte ich, der Fehler läge bei mir. Ich wollte ja ein Analytiker sein.

Klein: Was ärgerte Sie so?

Hobson: Ich war Assistenzarzt in einem öffentlichen psychiatrischen Krankenhaus in der Innenstadt von Boston. Da kamen die Analytiker im Mercedes aus den reichen Vororten angefahren und erklärten etwa der Mutter eines schizophrenen jungen Mannes, dass sie an der Krankheit ihres Sohnes schuld sei. Das war nicht nur offensichtlich falsch, sondern zerstörerisch. Wenn ich bei den Kollegen nachfragte, erwiderten sie: Warum die Frage? Ob ich vielleicht meinen Vater nicht ausstehen könne? Da sah ich rot und kündigte.

Klein: Was taten Sie danach?

Hobson: Vor allem war es mein Interesse, das Bewusstsein zu studieren, aber das wurde mir erst viel später klar. Jedenfalls ging ich in die Hirnforschung und experimentierte über die neuronalen Grundlagen des Schlafes. Gleichzeitig arbeitete ich halbtags weiter als Psychiater, nur verließ ich mich statt auf die Analyse jetzt auf den gesunden Menschenverstand.

Klein: Wie gelang Ihnen dieser Spagat?

Hobson: Indem ich mich gegenüber den Patienten so verhielt, wie das Labor mich lehrte: zu beobachten und nicht vorschnell zu deuten. Dass meine Erfahrungen mit den Patienten und meine Experimente auch auf einer viel tieferen Ebene zusammenhingen, habe ich ein Jahrzehnt später begriffen: Allein das Gehirn bestimmt, was wir geistig erleben.

Klein: Das hat Sie überrascht? Dass Körper und Geist einander entsprechen müssen, erscheint mir ganz selbstverständlich.

Hobson: Mich überraschte, wie unmittelbar der Zusammenhang ist. Sie sind wach, ein zentrales Neuron in Ihrem Kopf feuert zweimal pro Sekunde: tack, tack. Der Botenstoff Noradrenalin wird dadurch verteilt. Schalten Sie das Signal ab, geraten Ihr Körper und Ihr Bewusstsein sofort in einen anderen Zustand – Sie schlafen. Ist das etwa keine aufregende Sache?

Klein: Doch. Sie hatten es also mit einem Schalter für den Schlaf zu tun.

Hobson: Ja, und mehr noch: Wir entdeckten Riesenneuronen im Hirnstamm, die den REM-Schlaf auslösen...

Klein: ...eine Schlafphase, in der Menschen besonders intensiv träumen.

Hobson: Das war 1975. Niemand hielt es für möglich, dass man aus diesen Zellen überhaupt Signale ableiten kann. Aber es ging. Und dann stellte sich heraus, diese Riesenneuronen sind im REM-Schlaf ungewöhnlich aktiv. Sie hängen wiederum mit anderen Mechanismen zusammen, die unsere Traumerlebnisse steuern: Die Sehrinde wird erregt, Bilder ziehen vorüber. Die motorischen Systeme springen an, wir meinen, Tango zu tanzen oder zu fliegen. Gleichzeitig wird der Körper gelähmt. Indem sich der vordere Teil des Großhirns abschaltet, verlieren wir die Kontrolle über die Aufmerksamkeit. Alles wird möglich. Und die Pupillen unter den geschlossenen Lidern beginnen zu wandern, als würden die Augen ein bewegtes Geschehen verfolgen.