ÖkonomieWas ist Ihnen das Leben dieser Maus wert?

Ein Experiment, das provoziert: Wirtschaftswissenschaftler zeigen im Labor, wie der Markt die Moral zerstört. von 

Labormäuse in einer medizinischen Schule in China (Bildausschnitt, Archiv)

Labormäuse in einer medizinischen Schule in China (Bildausschnitt, Archiv)  |  © China Photos/Getty Images (M)

In der neuesten Ausgabe der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Science ist ein Sprengkörper versteckt. Ein führender deutscher Ökonom behauptet dort nämlich, dass der Markt die Moral zerstört. Er heißt Armin Falk, ist 45 Jahre alt und entspricht nicht gerade dem gängigen Bild vom Wirtschaftsprofessor. An seinem Bonner Institut erkennt man oft gar nicht, wer von den vielen Jeansträgern eigentlich der Chef ist. Schon als rheinischer Schuljunge war er Sozialdemokrat, und bis heute ist er ein Linksliberaler. Vor allem aber entwirft der Bonner Ökonom keine mathematischen Modelle darüber, wie die Welt funktionieren sollte. Sein großes Talent ist es, Experimente zu entwickeln, die zeigen, wie die Menschen wirklich handeln. Damit hat er schon alle großen Forschungspreise in Deutschland gewonnen, und selbst die Kollegen in Harvard loben ihn dafür.

Falk stört es, dass Ökonomen kaum noch über Moral reden und die Debatte ganz Philosophen wie dem Amerikaner Michael Sandel überlassen, der findet, dass der Marktgedanke den Gemeinsinn aus unseren Leben verdrängt. "Adam Smith, der Urvater der Ökonomen, war selbst Moralphilosoph", sagt Armin Falk. "Wir müssen unsere Sprachfähigkeit in Moralfragen wieder herstellen."

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Also tat er das, was er am besten kann: experimentieren. Gemeinsam mit der Bamberger Wirtschaftsprofessorin Nora Szech hat er eine Studie organisiert, die für Aufsehen und Streit sorgen wird. Die beiden wollten herausfinden, warum Menschen ihre eigenen moralischen Werte manchmal mit Füßen treten. Die Vermutung: Der Markt verführt uns zu unmoralischem Handeln, weil er einen Abstand schafft zwischen uns und den Folgen unserer Entscheidungen. Wer sieht schon die überfluteten Felder in Fernost, wenn er Möbel aus Edelholz kauft, und wer kennt diejenigen, die unter unwürdigen Bedingungen das neue, strahlend weiße Billig-T-Shirt zusammennähen? "Denken Sie an die Textilfabrik in Vietnam, die abbrannte", sagt Falk. "Die T-Shirts kaufen wir nur, weil sie 5.000 Kilometer weit weg gefertigt werden."

Klingt plausibel. Bloß, wie testet man, ob die Moral am Markt besonders gefährdet ist?

Die Antwort der Forscher: Teilnehmer eines Experiments sollten entscheiden, ob sie in einer Welt von Angebot und Nachfrage für Geld eine Sünde begehen würden. Aber welche? Da half der Zufall. Von einem Medizinforscher erfuhr Falk, dass es Labors gibt, die massenweise genetisch veränderte Mäuse für Experimente züchten – und diejenigen vergasen, bei denen die Manipulation versagt. Für ihr Experiment arbeiteten Falk und seine Mitstreiter mit einem solchen Labor zusammen. Die Sünde, das würde nun das Töten von Mäusen sein.

Im Versuch sollten sich die Teilnehmer entweder für Geld oder für das Überleben einer Maus entscheiden. Nähmen sie das Geld, würde die Maus vergast. Verzichteten sie aber aufs Geld, würden Falk und Co. dem Labor den Unterhalt für eine Maus zahlen, die eigentlich hätte sterben sollen, und ihr damit einen Platz zum Leben sichern.

Im Frühjahr 2012 veranstalteten Falk und Szech ihr Experiment. Für zweieinhalb Tage mieteten sie sechs Säle in der Beethovenhalle, dem Bonner Konzerthaus direkt am Rhein. Annähernd 200 Notebook-Computer wurden installiert, um aus dem Verhalten von fast tausend studentischen Teilnehmern auf das Verhältnis von Markt und Moral zu schließen.

Geld oder Leben, so weit war die Sache klar. Aber wie sollte man überprüfen, ob Menschen auf Märkten besonders unmoralisch handeln? Falk und Szech konfrontierten die Teilnehmer ihres Experiments mit unterschiedlichen Situationen. Einige sollten sich einfach ganz allein zwischen Moral und Mammon entscheiden, andere auf einem Markt, auf dem viele Anbieter und Nachfrager zusammenkommen.

Fall eins war einfach: Die einzelnen Teilnehmer wurden vor einen Bildschirm gesetzt und vor die Wahl gestellt, zehn Euro zu gewinnen und dafür eine Maus zum Sterben zu verurteilen – oder auf das Geld zu verzichten, damit die Maus überlebte. Die Teilnehmer waren auch darüber informiert, dass es sich um eine junge, gesunde Maus mit einer Lebenserwartung von rund zwei Jahren handelte.

In der anderen Situation erhielten Teilnehmer entweder die Rolle als "Verkäufer" oder als "Käufer". Jedem Verkäufer wurde eine Maus anvertraut, jeder Käufer hatte 20 Euro zur Verfügung. Sie durften miteinander verhandeln. Wenn sie sich auf einen Deal einigten, erhielt der Verkäufer den ausgehandelten Preis, der Käufer behielt den anderen Teil der 20 Euro. Allen Teilnehmern wurde vorab gesagt, dass sie zwar handeln konnten, aber keineswegs mussten. Sie konnten also auch einfach sagen: Eine Maus töten? Mit mir nicht!

Damit die Situation wie ein normaler Markt wirkte, nahmen viele Verkäufer und Käufer teil. Alle konnten von ihrem Computer aus anonym einen Preis vorschlagen. Machte also zum Beispiel ein Käufer einen Vorschlag, konnte ein Verkäufer ihn akzeptieren. Dann wurden 20 Euro zwischen ihnen aufgeteilt, und eine Maus mehr war tot. Wenn keine Angebote mehr kamen, war die Runde vorbei. Insgesamt wurden zehn Runden veranstaltet.

Leserkommentare
  1. ....Wirtschafts-Experimente habe ich als Teilnehmer schon miterlebt. Da ging es zwar nicht um Leben und Tod, allerdings um Verrat und Bestrafung. Bei anonymer Teilnahme waren fast alle (mit denen ich nachher gesprochen habe) bereit andere für Geld zu verraten und zu bestrafen. Bestand die Gefahr, dass dem Opfer ein Foto vom Verräter gezeigt wurde, sah die Sache schon ganz anders aus. Auch wenn das Foto nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit gezeigt wurde.

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  2. ...frisst seine Kinder!

    4 Leserempfehlungen
  3. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man, ich schließe mich da ein, einige Moralvorstellungen über den Haufen wirft. Ich glaube aber das Leben einer Maus wäre mir doch zu viel. Gerade wenn man es so klar vor sich hat, dass man mit der Bestätigung so und so viele Mäuse töten wird.

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    <<< Ich glaube aber das Leben einer Maus wäre mir doch zu viel. Gerade wenn man es so klar vor sich hat, dass man mit der Bestätigung so und so viele Mäuse töten wird. <<<

    Sind Sie Vegetarier/Veganer?

    Gut und Böse: Dieser Gegensatz bewegt sich ausschließlich auf moralischem, also auf einem der Menschengeschichte angehörigen Gebiet ... Von Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter haben die Vorstellungen über Gut und Böse so sehr gewechselt, dass sie einander oft geradezu widersprachen. ... Wie steht es aber heute? Welche Moral wird uns heute gepredigt? Da ist zuerst die christlich-feudale, ..., die sich wesentlich wieder in eine katholische und protestantische teilt, wobei wieder Unterab-teilungen von der jesuitisch-katholischen und orthodox-protes-tantischen bis zur lax-aufgeklärten Moral nicht fehlen. Daneben besteht die modern-bürgerliche und neben dieser wieder die proletarische Zukunftsmoral, so dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft allein in den fortgeschrittensten Ländern Europas drei große Gruppen gleichzeitig und nebeneinander geltender Moraltheorien liefern. Welche ist nun die wahre? Keine einzige, im Sinn absoluter Endgültigkeit ...

    Wenn wir nun aber sehen, dass die drei Klassen der modernen Gesellschaft, die Feudalaristokratie, die Bourgeoisie und das Proletariat jede ihre besondere Moral haben, so können wir daraus nur den Schluss ziehen, dass die Menschen, bewusst oder unbewusst, ihre sittlichen Anschauungen in letzter Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage begründet ist – aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie produzieren und austauschen ...“ F. Engels, Anti-Dühring

  4. Wo ist denn da jetzt der Erkenntnisgewinn?
    Das erst das Fressen und dann die Moral kommt, ist ja leider schon lange bekannt.

    Was ist denn damit das man mehr oder weniger gezwungen wird unmoralisch zu handeln?
    Etwa wenn man wenig Geld besitzt und sich einfach keine Jeans für 80-90€ kaufen kann.
    Da steht dann eigentlich nur zur Wahl: Nackt rumlaufen oder unmoralisch sein.

    Seltsamer Artikel.....

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    "Wo ist denn da jetzt der Erkenntnisgewinn?
    Das erst das Fressen und dann die Moral kommt, ist ja leider schon lange bekannt."

    Mag sein, aber Ottonormalverbraucher hat bis dato immer schön angenommen, dass er der Gute ist und die großen Manager alleine die Bösen sind. Nun wurde gezeigt, dass auch die kleinen Leute, wenn es um Marktgeschehen gehen so gut wie keine Moral haben. Niemand, ich wiederhole: niemand, kann sich für den Guten halten. Offensichtlich nicht einmal Vegetarier.

    Und ansonsten:

    Klar, es gibt nur die Alternative zwischen billiger Jeans aus Kinderarbeit und 80 Euro Jeans.

    Oder sind sich diejenigen, die es sich anscheinend nicht leisten können, doch zu fein dafür?

  5. Wie kann man aus der Entscheidung, eine Maus sterben zu lassen, Rueckschluesse auf die ganze Beziehung zwischen „Moral“ (wie auch immer definiert) und Maerkten ziehen? Dieses Experiment sagt, wenn ueberhaupt, allenfalls etwas ueber Einstellungen und Persoenlichkeit der Probanden aus. Maerkte an sich haben keine „Moral“.
    Dieses Experiment ist ein guter Beleg dafuer, dass “Science” immer mehr zu einer Art Boulevardzeitschrift der Wissenschaften verkommt und das Experimente im sozialwissenschaftlichen Bereich keine besonders gute externe Validitaet haben.

    3 Leserempfehlungen
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    Märkte können sich doch moralisch verhalten! Wieso denn nicht?

    Sie kritisieren zwar rueppelhaft Science, aber haben offensichtlich das Experiment nicht einmal im Ansatz verstanden. Es ging darum zu zeigen, dass gleiche Probleme unter anderen Gegebenheiten unterschiedlich hinsichtlich von moralischem Verhalten geloest werden.

  6. .
    ... notfalls auch über Berge von Leichen gehen, solange es sich nur entsprechend "rechnet", war auch vorher schon kein Geheimwissen.

    Interessant wird in der hoffentlich folgenden Diskussion aber vor allem sein, welche argumentative Akrobatik die Marktradikalen sich werden einfallen lassen, um die eigentlich simple Erkenntnis kleinzureden, in Zweifel zu ziehen oder gar zu negieren.

    Eine Leserempfehlung
  7. Sowas können sich auch nur wissenschaftler Ausdenken die keine Ahnung haben wie es ist wenig zu besitzen.
    Klar mit nem Monatsgehalt von über 2500,-€ lass ich auch alle Mäuse frei...

    Ich denke mal für viele Menschen in D ist es einfach ein ganz normaler Zustand wieder besseren Wissens unmoralisch handeln zu müssen.

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    "Sowas können sich auch nur wissenschaftler Ausdenken die keine Ahnung haben wie es ist wenig zu besitzen.
    Klar mit nem Monatsgehalt von über 2500,-€ lass ich auch alle Mäuse frei..."

    Sie haben eine witzige Vorstellung, wie es ist in der Wissenschaft zu arbeiten. Bis man 40 ist, kommt man als Nachwuchswissenschaftler gerade mal so um die Runden. 2500 € sind geradezu eine utopische Summe für die Mehrzahl der Wissenschaftler. Sie sehen den Professor, der mit Mitte 50 deutlich mehr verdient, aber was Sie nicht sehen, ist der gesamte akademische Unterbau der oft genug an der Existenzgrenze kratzt.

  8. 8. ......

    Märkte können sich doch moralisch verhalten! Wieso denn nicht?

    Antwort auf "Moral und Markt"

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