Wirtschaftsunterricht"Mehr Kontakt zwischen Schülern und Wirtschaft"

...fordert der SPD-Landesvorsitzende aus Baden-Württemberg im Gespräch von 

DIE ZEIT: Herr Schmid, Sie wollen in Ihrem Bundesland das Pflichtfach "Wirtschaft und Berufsorientierung" einführen. Warum?

Nils Schmid: Unser Schulsystem hat sich dahin entwickelt, Schulabgänger zum Studium zu bewegen. Jetzt merken wir, dass sich kaum mehr jemand zu einer Ausbildung entschließt. Es gibt bei uns bereits mehr Lehrstellen als Bewerber. Damit mehr Schüler eine Ausbildung machen, wollen wir sie in Kontakt mit der Wirtschaft bringen.

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ZEIT: Wie soll das aussehen? Stehen dann Unternehmer statt Lehrer vor der Klasse?

Nils Schmid

(SPD) ist Wirtschaftsminister in Baden-Württemberg.

Schmid: Den Unterricht machen die Lehrer. Wir holen aber Unternehmer oder Handwerker hinzu – Menschen, die erzählen können, wie es ist, eine Lehre zu machen. Unternehmer können das besser als Lehrer. Sie kommen aus der Praxis.

ZEIT: Sollen sie Schülern auch das Wirtschaftssystem erklären?

Schmid: Den Lehrplan definiert der Staat. Das heißt aber nicht, dass im Wirtschaftsunterricht nicht auch Unternehmer vor der Klasse stehen sollen.

ZEIT: Ein Unternehmer ist nicht neutral. Er wird anders über Wirtschaft reden als ein Gewerkschafter oder Umweltschützer.

Schmid: Deshalb sollten wir abwägen und nicht nur Geschäftsleute, sondern auch mal Gewerkschafter an die Schulen holen. Und natürlich sollten wir darauf achten, dass nicht ein Onlinebroker den Kindern das Finanzsystem erklärt.

ZEIT: Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert, dass der Einfluss privater Unternehmen auf die Schulbildung wächst. Schulen würden zu "Dienern der Wirtschaft". Teilen Sie diese Befürchtung?

Schmid: Ich kann sie verstehen. Die Schule soll junge Menschen auf das Leben und auf das Staatsbürgerdasein vorbereiten. Aber eben auch auf den Beruf. Ich glaube nicht, dass das neue Fach dazu führen würde, dass unsere Schulen von Manchester-Kapitalisten überrannt werden.

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Leserkommentare
  1. "Ein Unternehmer ist nicht neutral. Er wird anders über Wirtschaft reden als ein Gewerkschafter oder Umweltschützer."

    Guter Einwand des Interviewers. Deswegen sollten Unternehmer auch gar nicht erst in Schulklassen gehen duerfen. Solche abschreckenden Beispiele braucht es nicht. Lieber sollten Schulen absolut neutrale Gewerkschafter, Sozialpaedagogen und Umweltschuetzer einladen, damit Schueler sich an wirklichen lohnenden Berufsbildern orientieren koennen und auch etwas ueber richtige Wirtschaft lernen!

    /Ironie aus.

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    neutral würde es erst werden, wenn auch Unternhemer und Handwerker vor Klassen stehen würden.

    Denn: Die anderen Gruppen haben es schon in der einen oder anderen Form in den Unterricht geschafft.

    Und so ganz verstehe ich den Einwand nicht. Denn es geht ja nicht darum, dass Unternehmer den Unterricht machen. Dazu haben Unternehmer nämlich keine Zeit. Da werden Experten eingeladen, die dann aus ihrem Bereich über das vorher Gelehrte sprechen. Mit denen man vielleicht auch kritische diskutieren kann. Oder ist das die Schlacht des "Zeitgeistes" um die Überlegenheit über den Schulhöfen?^^

    Es ist verdammt wichtig, dass mehr Beruf in die Schulen kommt. Wie sonst soll sich der Absolvent orientieren?

  2. neutral würde es erst werden, wenn auch Unternhemer und Handwerker vor Klassen stehen würden.

    Denn: Die anderen Gruppen haben es schon in der einen oder anderen Form in den Unterricht geschafft.

    Und so ganz verstehe ich den Einwand nicht. Denn es geht ja nicht darum, dass Unternehmer den Unterricht machen. Dazu haben Unternehmer nämlich keine Zeit. Da werden Experten eingeladen, die dann aus ihrem Bereich über das vorher Gelehrte sprechen. Mit denen man vielleicht auch kritische diskutieren kann. Oder ist das die Schlacht des "Zeitgeistes" um die Überlegenheit über den Schulhöfen?^^

    Es ist verdammt wichtig, dass mehr Beruf in die Schulen kommt. Wie sonst soll sich der Absolvent orientieren?

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    Antwort auf "Gute Initiative"
  3. Schön, dass sich Baden-Württemberg als Musterländle der Wirtschaft endlich auch entscheidet, ein entsprechendes Schulfach einzurichten. Haben wir übrigens in Niedersachsen seit Jahrzehnten, zumindest an Hauptschulen und Realschulen (und auch den neueren Gesamt- und Oberschulen). An Hauptschulen sind 80 Praxistage in den oberen Jahrgängen Pflicht, an Realschulen 30, an Oberschulen 30-60, je nach Schwerpunktbildung. Berufsorientierung ist dabei ein wesentlicher Schwerpunkt, in dem u.a. zertifizierte Kompetenzfeststellungsverfahren durchgeführt werden.

    Und jetzt der Knaller: Am Ende orientieren sich die meisten Schüler weder an den Empfehlungen der Lehrer, noch an denen der Berufsberater, auch nicht an denen der Kompetenz-Profis, sondern an denen der Eltern und Freunde. So ist das Leben. ;o)

    Sinnvoll ist Berufsorientierung an der Schule trotzdem, allein, um Alternativen und Perspektiven zu entwickeln, wofür viele Schüler auch dankbar sind, insbesondere jene, deren Eltern sich überhaupt nicht kümmern oder auf eine langjährige (z.T. bewusste) Hartz-IV-Karriere zurückblicken. Ich könnte da Geschichten erzählen...

    3 Leserempfehlungen
  4. In diesem Wirtschaftsunterricht wird dann den Teilnehmern eingebläut, dass so etwas wie die Finanztransaktionssteuer Teufelswerk ist und Wirtschaft am besten funktioniert, wenn der Staat möglichst weit zurückgedrängt wird. Dann fühlt sich "der Unternehmer" am wohlsten.

    (Habe von diesem Herrn noch nie zuvor etwas gehört außer hier und kürzlich, als er sich in einem Brief an Schäuble gegen die Einführung o.g. Steuer aussprach. Zusammen ergibt es ein Gesamtbild. Und solche Leute sind SPDler!)

    2 Leserempfehlungen
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    Oder sind Sie nur dafür weil es Ihre Peer-Group auch ist?

  5. Wollen wir jetzt etwa wirklich anfangen, die Schüler über ökonomische Zusammenhänge aufzuklären? Bisher kamen wir doch jahrzehntelang auch so aus, mit dem "Erfolg", dass sich der Großteil der Bevölkerung mangels eigener Ahnung bei der Geldanlage übers Ohr hauen lassen muss. Der ganze Berufszweig der Finanzberatung lebt vortrefflich vom Ergebnis der altlinken Lehrpläne.

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  6. ... Wesentliches zwischen den Zeilen: Der Herr will vielleicht nur Lehrer ( und damit Geld ) einsparen und hofft darauf, dass die so sich gebauchpinselten "Unternehmer" dann unentgeltlich den Unterricht machen.

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  7. das Gemecker meiner Vorredner kann ich nicht teilen,
    die Idee die dahinter steckt ist alt und wird oft von vielen gebracht,
    ich hoffe Schmid packt dort kräftig an, um das Ding einzuführen ;)

    Es ist immer hervorragend, wenn junge Leute über das normale Unterrichtsschema hinaus, von begeisterten, voll im Beruf stehenden Berufstätigkeiten spannend erklärt bekommen, was man später mal feines machen kann..
    Ich erinnere mich da sehr gut an meine gar nicht so lang zurückliegende Schulzeit, es gab zwar das ein oder andere Berufs-Info-Angebot, aber eigentlich war das alles viel zu trocken, zu unpersönlich und hauptsächlich von irgendwelchen Arbeitsämtern / Unternehmspräsentatoren (die dann keinen Schimmer vom eigentlichen Beruf haben) durchgeführt.

    Da schauen wir mal, was Schmid ausm Hut zaubert!

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    • keibe
    • 24. Mai 2013 23:49 Uhr

    für das Leben wird gelernt. Insofern ist der Ansatz richtig, der SPD-Landesvorsitzende aus Baden-Württemberg verbleibt jedoch hier etwas blass. Soll der Leser merken, dass der Stoff des Interviews nicht sein Metier ist? Dann ist das Ziel durchaus erreicht.

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  • Schlagworte Ausbildung | Lehrer | Schule | Schulsystem | Schüler | Unterricht
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