Menschliches Klonen : Frankensteins Traum wird wahr

Aus normalen Körperzellen können Forscher nun die Kopie eines Menschen herstellen. Darf das sein?

Die Nachricht von der Existenz des Klonschafs Dolly löste im Februar 1997 einen weltweiten Schock aus. Was Forscher als Sensation feierten, war für viele andere ein dramatischer Eingriff in die Natur – mit womöglich weitreichenden Folgen: Gibt es bald geklonte Menschen?

Was schien nach Dolly nicht alles denkbar: kranke Väter, die genetisch identische Söhne als Organspender heranzüchten lassen. Kranke Hirne, in denen der Wunsch übermächtig wird, das Leben nach dem Tod im neuen Körper fortzusetzen. Existenzielle Fragen stellten sich: Darf ein Mensch zu einem nützlichen Zweck geboren werden? Ist er dann ganz Mensch? Was bedeutet die Möglichkeit der humanen Kopie für die Einzigartigkeit jedes Menschen, auf der seine unantastbare Würde beruht, egal, wie sein Körper beschaffen, egal, wie er gezeugt ist? Gibt es Menschen, die wertvoller sind als andere und einer Vervielfältigung würdig? Große Magazine ließen auf ihren Titelseiten Einstein-Dubletten und Marilyn-Monroe-Klone, aber auch Dutzende Hitler-Kopien aufmarschieren, gerade so, als seien diese in den Labors schon in Arbeit.

Die Forscher wollen keine Menschen klonen – und schüren doch die Angst

Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Visionen von der Wirklichkeit weit entfernt sind. Die öffentliche Debatte war dem tatsächlichen wissenschaftlichen Fortschritt Lichtjahre voraus. Bald erschöpfte sie sich mangels konkreter Anlässe, schlief schließlich ganz ein und hinterließ beim Publikum das Gefühl, sich erledigt zu haben. Klonen? Das Thema ist doch von gestern.

In solchen Phasen öffentlichen Desinteresses finden oft genau jene Umbrüche erst statt, deren mögliches Eintreten Jahre zuvor so erschöpfend diskutiert wurde. Wie in dieser Woche: Amerikanische Forscher melden in der Fachzeitschrift Cell, ihnen sei es erstmals gelungen, menschliche Embryonen aus normalen Körperzellen zu klonen (siehe Kasten).

Aus einer Körperzelle kann ein vollständiger Embryo entstehen. Dazu wird der Zelle ihr Kern entnommen und in eine leere Eizellhülle transferiert. Nach mehreren Teilungen entsteht ein Embryo. In eine Gebärmutter übertragen, könnte er zum Menschen heranwachsen. Die Forscher haben ein anderes Ziel: Die embryonalen Stammzellen können defektes Gewebe ersetzen und Krankheiten heilen. © ZEIT-Grafik

Was jahrelang ein Gedankenspiel war, könnte nun Wirklichkeit werden: die Neuauflage eines Menschen. Nicht dass die Forscher bereits geklont hätten. Im Gegenteil: Sie haben die kugelförmigen Embryonen nicht in eine Gebärmutter übertragen, sondern sie in ihre Zellen zerlegt. Diese embryonalen Stammzellen teilen sich nun im Labor weiter und lassen große Hoffnungen wachsen: Sie sollen Ersatzgewebe bilden, das vom Patienten nicht mehr abgestoßen wird. Sie sollen bisher unheilbare Krankheiten heilen. Sie sollen die nächste Revolution in der Medizin einläuten. Die Forscher argumentieren, die Klonexperimente seien nötig, um die vielen noch offenen Fragen zu klären, die es vor einem breiten therapeutischen Einsatz von Stammzellen zu beantworten gelte. Ihnen gehe es zuallerletzt darum, Menschen zu kopieren. Dennoch werden nun die alten Ängste wieder wach. Und die Stammzellforschung, die in Deutschland ohnehin umstritten ist, wird wieder ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.

Kannibalismus hat man den Wissenschaftlern schon vorgeworfen: Für vage Heilsversprechen opferten sie die Würde des Menschen, töteten womöglich sinnlos unzählige Embryonen. Dagegen monierten die Forschungsbefürworter, ein Zellhaufen im Labor werde höher geachtet und strenger geschützt als das heranwachsende Kind im Mutterleib. Andere hielten angesichts der zahlreichen verheerenden Krankheiten, um deren Linderung es geht, die Forschung an menschlichen Embryonen geradezu für ethisch geboten.

Dabei existierten in der bisherigen Debatte nur Stammzellen, die aus überzähligen menschlichen Embryonen gewonnen wurden. Noch lange nach Dolly waren menschliche Klone, war die bewusste Schaffung einer embryonalen Kopie unmöglich.

Doch die Klontechnik machte Fortschritte. Forschern gelang es, Ziegen und Rinder, Mäuse, Katzen und Hunde zu klonen. Heute werden Kopien wertvoller Nutztiere und liebenswerter Haustiere routinemäßig im Labor gefertigt. Dabei lernten die Forscher, wie sich der Prozess umkehren lässt, der aus einer einzigen Zelle auf wundersame Weise einen Körper mit komplexen Geweben aus Abermillionen Zellen bildet. Wie sich alte Zellen auf Wiederanfang programmieren lassen, auf offenes Schicksal, auf großes Potenzial. Kurz: wie der biologische Jungbrunnen funktioniert.

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Kommentare

87 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Da muss ich obasten voll zustimmen!

Unser schönes Land schafft sich seine Chancen ab, wenn ethische und wissenschaftliche Kategorien auf vermeintlich juristischer Grundlage vermischt wird. Die angestrebte Synthese aus vielen Meinungen und Standpunkten, die ein Gesetz darstellt, wird so oft, wie in diesem Fall, zu einem lächerlichen und läppischen Kompromiss. Warum steht nicht genau das im Gesetzbuch?, "therapeutisches Klonen ja, reproduktives Klonen nein, zur Wahrung der Menschenwürde"?!? Ist Gesetzemachen in einer Bürokratie etwa echt so schwer?, was meint der Autor mit "wurde nicht von Experten gemacht"?, WARUM WERDEN GESETZE NICHT VON EXPERTEN GEMACHT???

Warum werden Gesetze nicht von Experten gemacht?

Darum:
Weil der Fussballschiedsrichter weder mitkicken noch Fangesänge singen, noch Wetten abschliessen darf.
Weil der König "de legibus absolutus" ist, dafür kein bürgerliches Leben haben darf, er darf nicht heiraten wen er will, nicht schlafen mit wem er will, nicht die Drogen nehmen und nicht die Kleider anziehen die er will und so weiter.
Weil der Insider nicht mit den Aktien handeln darf, auf die er selbst Einfluss hat.
Weil der Bundespräsident seine Parteimitgliedschaft ruhen lassen muss.
Weil der Bock nicht Gärtner sein kann.

Wer zu bestimmen hat (und in Anspruch nehmen muss, dass er sich zwar irren kann, aber dennoch bestimmen darf), der soll nicht zu denen gehören, über die bestimmt wird. Wo das nicht möglich ist (im Parlament zB) muss Sorge getragen werden, dass die Entkopplung zwischen Bestimmern und Bestimmten so gut wie eben möglich gewährleistet wird (siehe zum Beispiel parlamentarische Immunität).

Deshalb kommt es überhaupt nicht in die Tüte, dass die Gentechniker entscheiden, was Gentechniker dürfen, und es uns dann mitteilen.

Das ist übrigens auch die Crux am Ganzen:
Wenn die Gene von dem Dingsda verteilt werden, das manche Zufall nennen, manche Lieber Gott oder Die Natur, oder wie auch immer, sind Fehler und Grausamkeiten wesentlich besser zu ertragen, als wenn Menschen sie machen, die daran einen Haufen Geld verdienen.