300 JAHRE ZEITDie Ur-ZEIT

Ende Mai 1713 erschien in Hamburg erstmals eine deutsche Wochenzeitung: Johann Matthesons "Vernünfftler". Der Bremer Pressehistoriker Holger Böning über die Journalisten und die Themen damals – und den ersten Leserbrief. von 

Johann Mattheson nach einem Kupferstich von Johann Jacob Haid

Johann Mattheson nach einem Kupferstich von Johann Jacob Haid   |  © Public Domain

DIE ZEIT: Vernünfftler – das klingt in unseren Ohren ja eher abschreckend.

Holger Böning: In der Tat, und das gilt noch mehr für Titel wie Der Greis, Der Hypochondrist, Der Trotzkopf. Oder Der Schwätzer, das Pendant zum englischen Tatler. Diese Blätter gab es alle. Es waren Titel, die eine Herausgeberfigur oder -gesellschaft suggerierten.

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ZEIT: Man sprach den Leser auf diese Weise direkt an?

Böning: Die Redaktion gab vor, unmittelbar mit dem Leser zu sprechen, so wie es heute noch viele Kolumnisten machen. Dabei war Der Greis oder Der Trotzkopf natürlich selbstironisch gemeint. Typischere Titel waren Der aufrichtige Compagnon, Der lustige Observateur, Der Freydenker, Der Mahler der Sitten.

ZEIT: Keine ZEIT dabei?

Böning: Ist mir nicht untergekommen. Aber vom Konzept her waren die Moralischen Wochenschriften ihr schon sehr, sehr ähnlich. Im Übrigen dürfen wir nie vergessen, dass Wörter einem Bedeutungswandel unterliegen. Das gilt schon für den Begriff Moralische Wochenschrift selbst.

ZEIT: Was hieß denn "moralisch" damals?

Holger Böning

lehrt an der Uni Bremen. Sein neues Buch Der Musiker und Komponist Johann Mattheson als Hamburger Publizist erschien in der Edition Lumière (523 S., 44,80 €).

Böning: Ein Moralist war noch kein Moralprediger, sondern ein Gesellschaftsschilderer, ein "Maler der Sitten". Eine Moralische Wochenschrift sollte eine Zeitung sein, die das Leben und die Gesellschaft schildert und die der Gesellschaft nützt. Nehmen Sie ein Thema von heute: Steuerhinterziehung.

ZEIT: Die große Gier.

Böning: Ja, wir geißeln die Gier. Darauf wären die damals nicht gekommen. Gier gehört für den Moralisten der Aufklärung zum Menschen. Einer Moralischen Wochenschrift wäre es allein um den Schaden gegangen, der aus der Steuerhinterziehung entsteht, weil das geraubte Geld für Kliniken, für Straßen und Schulen fehlt.

ZEIT: Was war das Neue an diesen Blättern? Was stand drin?

Böning: Diese Wochenschriften wirken heute ziemlich karg. Das waren bescheidene Blättchen, im Format nicht größer als ein Buch, vier bis acht Seiten pro Nummer. Die sahen nicht anders aus als die meisten Zeitungen der Zeit. Aber der Inhalt und der Stil – die waren neu. Dass die Sorge um das Gemeinwohl öffentlich wird und dass man bürgerliche Initiative und bürgerlichen Gemeinsinn als Teil der Politik betrachtet, so etwas zum Beispiel.

Leserkommentare
  1. ...wie man am ersten Leser(innen)brief erkennen kann :-)

    Wirklich interessanter und informativer Artikel, vielen Dank.

    3 Leserempfehlungen
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    • 2b
    • 26. Mai 2013 13:44 Uhr

    in Artikeln und Kommentaren der Zeit,
    das fände ich auch spannend
    (oder auch die dazu interpretierbaren semantischen Themenfelder ... )

    • 2b
    • 26. Mai 2013 13:01 Uhr

    in normalem Umgang zu sprechen scheint uns trotz unserer (ein)Gebildetheit immer schwerer möglich, deshalb bemühen wir schon Pseudonyme, um die Vielfalt der Meinungsfreiheit zwar noch zu ernten, deren Voraussetzungen jedoch weitestmöglich zu dirigieren und zu konformieren???

    Den Wertzuweisungen der "Presseerzeugnisse" folgte mit "Times" und "Zeit" glücklicherweise eine Metaebene, welche weit über menschlicher Begrenztheit ein Universum öffnet ...

    ... wer es denn wollte,
    den Uninteressierten daran, Prosit zum Erfolg

    • 2b
    • 26. Mai 2013 13:44 Uhr

    in Artikeln und Kommentaren der Zeit,
    das fände ich auch spannend
    (oder auch die dazu interpretierbaren semantischen Themenfelder ... )

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