DIE ZEIT: Frau Lieberknecht, Sie widmen den Opfern des sogenannten Homosexuellen-Paragrafen 175 einen Staatsakt in Weimar. Warum gerade jetzt?

Christine Lieberknecht: Weimar ist eine wichtige Kulturstadt Europas, aber mit der geschichtlichen Hölle auf dem Ettersberg, dem KZ Buchenwald. Die Aufarbeitung kommt immer weiter voran, nun sprechen wir über diejenigen, die ihrer sexuellen Orientierung wegen dort inhaftiert waren. Die, weil sie ihresgleichen liebten, in Buchenwald oft unter barbarischsten Bedingungen den Tod fanden. Dass dieses Gedenken bisher fast völlig fehlte, ist historisch nicht korrekt.

ZEIT: Die Bundesminister Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Peter Altmaier (CDU) haben sich angekündigt, das Ganze findet im Deutschen Nationaltheater statt. Viel Symbolik – aus politischer Korrektheit?

Lieberknecht: Für mich hat so ein Gedenken nichts mit politischer Korrektheit zu tun. Es ist mir ein Bedürfnis. Dieses Thema sollte besprochen werden.

ZEIT: Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs, der sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern verbot, existierte bis 1994. Die schlimmsten Verbrechen im Namen dieses Paragrafen wurden in der NS-Zeit begangen, aber auch nach dem Krieg wurden Schwule unter Berufung auf dieses Gesetz schikaniert und drangsaliert.

Lieberknecht: Es ist doch klar, dass ein solcher Gedenkakt das nicht ausblenden kann. Er wäre nicht wahrhaftig, wenn nur Geschichte beleuchtet würde, ohne zu fragen: Machen wir es heute besser? Ich kann nur sagen: Zum Glück leben wir jetzt in einem Land, das nicht mehr nach der Herkunft urteilt, der Neigung. Wir lernen, dass wir frei sind und dass jeder Bürger frei sein soll; sei es in Fragen der Religion oder seiner Sexualität. Der Gedenkakt gibt uns die Möglichkeit, über das Unrecht zu sprechen, das die Betroffenen hier über viele Jahrzehnte erfahren haben. Vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg. Wir sind heute in einer Zeit, in der offener gelebt wird als je zuvor. Uns lehrt das Beispiel Rudolf Brazdas, dass auch Homosexuellen großes Unrecht widerfahren ist.

ZEIT: Rudolf Brazda, 1913 in Meuselwitz geboren, war bis zu seinem Tod 2011 der letzte Überlebende, der im KZ den "Rosa Winkel" hatte tragen müssen. 

Lieberknecht: Seine Geschichte wird im Mittelpunkt unserer Gedenkfeier stehen. Ich selber stamme ja aus der Nähe des Ettersbergs. Ich war Pfarrerin der Kirchgemeinde Hottelstedt, auf deren Territorium das KZ Buchenwald lag. Ich habe schon zu DDR-Zeiten alternative Führungen dort angeboten. Wir wussten zwar, dass auch Homosexuelle in Buchenwald inhaftiert waren, aber viel mehr wussten wir nicht. Erst viel später ist mir das Thema wieder begegnet. In der DDR wurde Homosexualität weithin ausgeblendet. Auch das Schicksal der Homosexuellen zur NS-Zeit.

ZEIT: Die Zeitzeugen werden immer weniger. Der Gedenkakt für Brazda findet posthum statt.

Lieberknecht: Das ist wirklich schade. Aber umso wichtiger ist es, jetzt dieses Gedenken nachzuholen.

ZEIT: Menschen, die Rudolf Brazda in den letzten Jahren seines Lebens getroffen haben, beschreiben einen unglaublich lebensfrohen, optimistischen Menschen.

Lieberknecht: Das habe ich bei Überlebenden des NS-Terrors immer wieder erlebt. Das ging mir bei Stéphane Hessel genauso. Dieser Mann mit seiner unbändigen Güte, mit seiner Entschiedenheit – sein Empört euch!. Das war stark!

ZEIT: Die DDR hat den Paragrafen 175 früher aus ihrem Gesetzbuch gestrichen als die Bundesrepublik. War der Osten in Gleichstellungsfragen fortschrittlicher?

Lieberknecht: Ja und nein. Einerseits wurde in der DDR Wert auf Gleichstellung gelegt. Andererseits hatte sich die SED ja einfach generell vom Bürgerlichen Gesetzbuch verabschiedet. Dadurch ist der Paragraf 175 hier relativ unbemerkt verschwunden.

ZEIT: In Westdeutschland drohte Homosexuellen bis 1969 sogar noch eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren. Im Gesetz stand das Wort "Unzucht". Wie kommt Ihnen das heute vor?

Lieberknecht: Natürlich klingt das im Rückblick sehr fremd! Aber bedenken Sie auch, dass viele Dinge, die heute mehr oder weniger selbstverständlich sind, eigentlich erst vor kurzer Zeit hart erkämpft wurden. Denken Sie an den Umgang mit Frauen, an ihre Berufs- und Karrierechancen. Oder daran, dass bis in die neunziger Jahre Vergewaltigung in der Ehe kein Straftatbestand war. Es ist noch nicht lange her, dass Frauen erst mit der Hochzeit aus der Vormundschaft ihrer Eltern entlassen wurden. All dies wirkt sehr fern, ist aber erst seit Kurzem Geschichte.

ZEIT: Kennen Sie diese Seiten der Adenauer-Republik eigentlich nur aus Geschichtsbüchern?

Lieberknecht: Die alte Bundesrepublik kannte ich vor allem von den Briefmarken her! Ich habe als Mädchen leidenschaftlich Briefmarken gesammelt.

ZEIT: Wirklich?

Lieberknecht: Ja! Ich hatte dadurch einen ganz eigenen Zugang zu manchen Gedenktagen und geistesgeschichtlichen Themen der alten Bundesrepublik. Aus dem Jahr 1969 fällt mir zum Beispiel die Jubiläumsmarke "50 Jahre Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" ein – so eine graublaue Briefmarke, die zum Volkstrauertag aufgelegt wurde. Ich war damals elf Jahre alt, und wir haben zu Hause daraufhin heftig über Adenauer diskutiert.

ZEIT: Wie kamen Sie an Ihre Briefmarken?

Lieberknecht: Indem ich sie von Briefen abgelöst habe! Wir hatten viel Verwandtschaft im Westen, die schickten uns reichlich Post. Ich war ein fleißiges Briefmarkensammlermädchen. Dieses Hobby hatte ich von meinem Vater. Als Pfarrer bekam er viele Briefmarken aus der Gemeinde.