HomosexualitätGeschenk für Wowi

Erst als Rudolf Brazda 95 Jahre alt war, lernte die Welt ihn kennen – als letzten Überlebenden jener Zeit, in der Schwule im KZ landeten. von Julius Lukas

Normalerweise steht Klaus Wowereit, 59, bei solchen Terminen im Mittelpunkt. Doch an diesem Junitag 2008 im Berliner Tiergarten waren die Kameras der Fotografen auf einen knapp Hundertjährigen gerichtet. "Ich besuchte damals mit Rudolf Brazda das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen", erinnert sich Berlins Regierender Bürgermeister. "Es war ein Geschenk, diesen Mann dort zu treffen und von ihm sein Schicksal zu hören."

Brazda, damals 95 Jahre alt, wirkte anfangs etwas schüchtern. Doch dann strich Wowereit ihm übers Haar – und Brazda wurde locker. Er begann zu scherzen, flirtete sogar mit den Kameras. Er genoss die Aufmerksamkeit. Mehr als 60 Jahre nachdem er das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hatte, konnte er endlich seine Geschichte erzählen.

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Allerdings wäre es dazu fast nicht gekommen. Durch Zufall sah Brazda im Mai 2008 einen Fernsehbeitrag über das neue Denkmal in Berlin. Daraufhin meldete er sich beim Lesben- und Schwulenverband Deutschlands.

Rudolf Brazdas Existenz war eine kleine Sensation. "Wir hatten damals angenommen, dass es keine Überlebenden mehr gibt", sagt Wowereit. Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Brazda, 1913 im thüringischen Meuselwitz geboren, war einer von etwa 700 "Rosa Winkel"-Häftlingen im KZ Buchenwald. Im August 2011 starb er.

Lange war seine Geschichte unentdeckt geblieben – was auch daran lag, dass Beziehungen zwischen Männern noch Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes unter Strafe standen. Bundesrepublik und DDR übernahmen den "Unzucht"-Paragrafen 175. Dieser wurde 1969 im Westen entschärft, 1994 erst gestrichen. Im Osten existierte er, wenn auch in deutlich abgeschwächter Form, bis 1988. Etwa 50000 Menschen wurden im Nachkriegsdeutschland nach Paragraf 175 verurteilt. Über das Unrecht, das Homosexuelle in der NS-Zeit erfuhren, sprach auch deswegen jahrzehntelang kaum einer.

Wirklich verändert habe sich dies erst durch Rudolf Brazda, sagt der Soziologe Alexander Zinn. "Er erzählte offen von seinen Erfahrungen im Konzentrationslager und gab damit den 10.000 bis 15.000 schwulen KZ-Häftlingen eine Stimme." Zinn hat 2011, kurz vor dem Tod Brazdas, dessen Lebensgeschichte veröffentlicht.

Brazda, der seine Kindheit und Jugend in der thüringischen Provinz verbrachte, verliebte sich mit 20 Jahren erstmals in einen Mann. Wenig später begann die systematische Hatz der Nazis auf Schwule. 1937 landete Brazda erstmals für sechs Monate im Gefängnis, 1941 wurde er erneut inhaftiert und kam im folgenden Jahr nach Buchenwald.

Von seinen Erlebnissen dort berichtete Brazda auch 2008 in Berlin. "Sein Schicksal", sagt Klaus Wowereit, "hat mich bewegt. Aber auch viele junge Menschen waren berührt." Das Treffen mit "Wowi" sei auch für den alten Mann besonders gewesen, erzählt Biograf Zinn. "Für Rudolf Brazda war der Regierende Bürgermeister ein Held. In Brazdas Küche hing sogar ein Bild von Wowereit."

Der Berlin-Besuch veränderte die letzten Lebensjahre von Brazda, der nach Kriegsende ins Elsass ausgewandert war. "Nun schrieben plötzlich Journalisten aus aller Welt über ihn", sagt Zinn. Sogar junge Schwule aus seiner Region wollten ihn kennenlernen: "Mit denen hat er dann immer Kaffeekränzchen veranstaltet." Mit 95 Jahren nahm er erstmals an einer Schwulenparade teil.

Zeit seines Lebens war Brazda nicht verbittert. "Er hat sich sein sonniges Gemüt immer bewahrt", sagt Alexander Zinn. Sein Buch trägt den Titel Das Glück kam immer zu mir (Campus Verlag). Es soll die Erinnerung an den Buchenwald-Überlebenden lebendig halten. Auch Klaus Wowereit hält dies für eine wichtige Aufgabe: "Wir müssen das Vermächtnis von Rudolf Brazda für eine offene Gesellschaft weitertragen." Der Gedenkakt, den das Land Thüringen im Juni zu Brazdas 100. Geburtstag veranstalten wird, sei deswegen eine "angemessene Form der Würdigung", so der SPD-Politiker.

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    • Schlagworte Klaus Wowereit | Homosexualität | Buchenwald | Denkmal | Konzentrationslager | Nationalsozialismus
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