Die Autoren des Alten Testaments hatten von der Siedlung gewusst. An zwei Stellen, in Jeremia 41 und im 2. Buch der Könige 25, berichten sie von der Existenz einer jüdischen Gemeinde in Ägypten. Doch wer glaubte schon dieser einen unsicheren Quelle? Dann das 19. Jahrhundert. Über Händler gelangten Papyri von einer Nilinsel namens Elephantine auf den europäischen Antikenmarkt. Auch Berlins Königliche Museen kauften, als ihnen Schriftgüter von dort angeboten wurden.

Aus der Vermutung wurde aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts Gewissheit. Auf Elephantine tauchten aramäische Urkunden jüdischer Soldaten auf. Sie bestätigten die biblische Quelle: Ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt musste sich mitten auf dem Nil eine jüdische Diaspora gebildet haben – ein Außenposten Jerusalems im damals von Persien beherrschten Ägypten.

Spätestens jetzt war das Jagdfieber entfacht. Das Ägyptische Museum in Berlin entsandte 1906 den Archäologen Otto Rubensohn und den Papyrologen Friedrich Zucker ins nördliche Afrika, um "diese Spur weiter zu verfolgen", wie der Generaldirektor damals notierte. Am Mittwoch, dem 31. Januar 1906, schrieb Rubensohn in sein Tagebuch:

"Wir beginnen die Arbeit mit ein paar Männlein, die aus dem Dorf kommen, und finden gleich am ersten Anstich oben auf dem Hügel in einem angegrabenen Haus Papyrusfragmente. Das meiste demotisch, doch auch ein paar griechische Fetzen, so daß wir also den Schluß ziehen dürfen, daß in der Tat hier was zu finden ist."

Im Papyrusdepot des neuen, im Herbst 2012 eingeweihten Archäologischen Zentrums der Staatlichen Museen zu Berlin zieht die Restauratorin Myriam Krutzsch weiße Baumwollhandschuhe über ihre Finger. Vor ihr auf dem Tisch stehen zwei Blechkisten. Sie sind gut 40 Zentimeter lang und etwa 10 Zentimeter hoch. Die eine trägt die Archivnummer 76, die zweite die 138. Auf beiden Kisten ist in weißem Acryl der Herkunftsort vermerkt: ELEFANTINE. Der unbekannte Inhalt ist, wie alle Dinge an diesem Ort, höchst empfindlich. Auf den massigen Türen des Depots warnt ein Hinweis: "Objektgefährdung durch Erschütterungen, deshalb die Türen bitte leise schließen. Es danken die Objekte."

Mehr als ein Jahrhundert lang sind die beiden Blechkisten verschlossen geblieben. Rubensohn und Zucker haben 1906, 1907 und 1908 ausgegraben, was ihnen vor die Schaufel kam – Papyri, beschriebene Tonscherben (Ostraka) und Siegelabdrücke. Sie verpackten die Funde, die ihnen nach der Fundteilung zugesprochen wurden, und verschickten sie nach Berlin.

Niemand hat seither in die Kästen mit den Archivnummern 76 und 138 hineingeschaut. Nicht mal den Deckel leicht angehoben. Insgesamt "140 unangepackte Fundkisten von damals" befänden sich noch im Depot, "die historische Situation im 20. Jahrhundert hat nicht zugelassen, dass man deren Inhalt früher untersucht", sagt Verena Lepper. Sie ist seit fünf Jahren Kuratorin der Papyrussammlung. Es ist an ihr, diesen Schatz nun zu heben.