Familienpolitik : Die Arbeit nach den Menschen richten

Die Berufswelt nimmt wenig Rücksicht auf Mütter und Väter. Grünen-Politikerin Franziska Brantner über Kinderbetreuung und das Dasein als Mutter und Europaabgeordnete.
Ganztagesbetreuung — Frühstück in einer Kindertagesstätte. © Jens Büttner/dpa

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Deutschland meistens mit dem Ruf nach flächendeckender und besserer Betreuung der Kleinen beantwortet. Die Debatte zeigt auch Wirkung. Trotzdem bleibt noch viel zu tun, denn selbst mit dem besten Betreuungssystem der Welt wird das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht gelöst. Was noch immer fehlt, ist das gesellschaftliche Zugeständnis, dass sich die Arbeit in erster Linie nach der Situation der Betreuenden richten muss – nicht umgekehrt.

Es geht nicht nur um Mütter mit Kleinkindern, sondern um alle, die Betreuungsverantwortung haben – Kinder, Eltern, Partner, Verwandte oder Freunde. Frauen und Männer. Und Vereinbarkeit betrifft nicht nur Führungspositionen, sondern jeden Job. Auch den von Politikerinnen wie mir.

Als Europaabgeordnete versuche ich, eine anspruchsvolle Position mit vielfältigen zeitlichen Verpflichtungen mit meiner Rolle als Mutter einer dreijährigen Tochter in Einklang zu bringen. Wenn ich sonntagabends um 18 Uhr eine Veranstaltung kurz vor dem Ende verlasse, um den letzten Zug zu erreichen, damit ich meine Tochter ins Bett bringen kann, wird dies beispielsweise in der Lokalpresse negativ kommentiert. Wenn aber Kollegen Termine verfrüht abbrechen, später ankommen oder gar absagen, weil ein Fußballspiel läuft, sie an einem Gottesdienst oder an einem anderen privaten Termin teilnehmen wollen, wird dies gesellschaftlich akzeptiert. Das scheinen nachvollziehbarere Gründe für ein verfrühtes Aufbrechen zu sein als ein Kind. Wer um Verständnis für seine Mutterrolle wirbt, bekommt häufig unterschwellig die Rückmeldung: "Das mit dem Kind hätte ja nicht sein müssen" oder "Du hättest ja später Abgeordnete werden können". Selbst schuld! Es gibt offenbar einen Anspruch, der lautet: Wir haben Sie gewählt, jetzt stehen Sie uns 24 Stunden, 7 Tage die Woche zur Verfügung.

Franziska Brantner

ist Mitglied der Grünen im Europaparlament und Fraktionssprecherin.

Bislang ist die einzige Antwort der Berufswelt auf die Vereinbarkeitsfrage die Teilzeit. 46 Prozent der Frauen, Tendenz steigend, wählen in Deutschland dieses Modell, mit allen Nachteilen in Bezug auf Lohn, Karrierechancen und Rente. Europaweit ist die Rate nur in den Niederlanden noch höher. Dieses Modell können sich aber schon heute längst nicht mehr alle Familien leisten. Allein aus diesem Grund muss eine Vollzeitstelle mit der Elternrolle vereinbar sein, auch für Alleinerziehende, und zwar ohne dass sie Burn-out bekommen. Die Arbeitswelt muss sich auch an Alleinerziehenden ausrichten. Das Gleiche muss für alle gelten, die sich um jemanden kümmern, auch für jene, die einen Pflegefall in der Familie haben. Dafür muss sich jedoch einiges in unseren Köpfen ändern.

Nun spreche ich als Europaabgeordnete natürlich aus einer besonderen Position: Ich kann freier über meine Termine entscheiden als viele Angestellte, und mein Kind kann in eine belgische Kita gehen, mit Öffnungszeiten, die im Vergleich zu Deutschland traumhaft flexibel sind. Aber trotz dieser Vorteile ist es eine ständige Herausforderung, genügend Zeit mit meiner Tochter zu haben.

Wo sind die Grenzen der Verfügbarkeit im Arbeitsleben? Welche Ansprüche und Gewohnheiten sind wir bereit aufzugeben, um eine echte Vereinbarkeit zu ermöglichen? Und wollen wir wirklich, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Chefs oder auch Politikerinnen Kinder haben, um die sie sich auch kümmern können? Wenn wir das so wollen, dann müssen wir unsere Erwartungen an sie ändern!

Einige Unternehmen gehen voran und stellen zum Beispiel sicher, dass die Laptops und Smartphones ihrer Mitarbeiter ab einer gewissen Uhrzeit keinen Zugriff mehr auf das Unternehmensnetzwerk haben. Das sollte selbstverständlich sein. Oder: eine Zusatzsitzung, ein spätabendliches Meeting, eine dringende Überstunde ausfallen lassen, damit Kolleginnen und Kollegen nicht gezwungen werden mitzuziehen – oder sich eben beruflich auszugrenzen, um dann schief angeguckt zu werden.

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Kommentare

74 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Eltern, Kinder und andere Menschen

"eine Charta für familienbewusste Arbeitszeiten, in der Unternehmen auf freiwilliger Basis Besserung bei den Arbeitszeiten versprachen. Nur – warum freiwillig? Freiwilligkeit ändert hier gar nichts."
Ich stimme Ihnen zu: das ist der springende Punkt.
Freiwillig dürfte alleine die komplette (ohne Kappungen etc.) Arbeitszeiterfassung nicht sein, dann würde schon die Anwendung bestehender Arbeitsschutzgesetze interessante Wirkungen zeigen.

Interessant:
in der Artikelübersicht steht "DieArbeit muß sich nach Müttern und Vätern" richten, wenn ich auf den Artikel gehen, dann steht als Überschrift "Die Arbeit nach den Menschen richten".

Ich finde, das ist ein wesentlicher und wichtiger Unterschied.
Ersteres bedeutet, einen weiteren Keil durch die Gesellschaft zu treiben: zwischen Eltern und Kinderlosen, nur zweites hätte eine Chance, wirkliches Umdenken ohne Polarisierung und ANfeindungen zu bewirken.
Natürlich nicht, wenn man auf Freiwilligkeit der Unternehmen setzt.
Aber nochmal: die Arbeitszeit der Eltern auf Staatskosten und Kosten der anderen AN zu verkürzen oder zu flexibilisieren (de anderen Arbeiten dafür mehr und zahlen mehr Transferleistungen) - wie heute schon geschieht & von den Grünen noch verstärkt gefordert - ist nicht so eine gute Lösung, wie generell -für ALLE ARBEITNEHMER- menschen- und damit automatisch familienfreundlichere Arbeitwelten zu schaffen.

Die Rente...

...ist keine Transferleistung.

Transferleistung (Wikipedia): "Eine Transferleistung bezeichnet in der Wirtschaftswissenschaft eine Geld- oder Sachleistung, die eine Person erhält, ohne dafür eine direkte Gegenleistung erbringen zu müssen"

Also, wenn ich so auf meinen Gehaltszettel schaue, dann muss ich da sehr wohl einer Gegenleistung, sogar eine Vorleistung bringen. So ist nunmal das System: Ich (jung) zahle heute für die anderen (alt). Später zahlen die anderen (jung) für mich (alt). Wo ist der Transfer? Wo ist die fehlende Gegenleistung?

Schöne neue Arbeitswelt?

"generell -für ALLE ARBEITNEHMER- menschen- und damit automatisch familienfreundlichere Arbeitwelten zu schaffen"

Natürlich wäre es WUNDERBAR, sich eine schöne neue Arbeitswelt selbst gestalten zu können oder zu dürfen.

Aber ein wenig realitätsfern ist das schon.

Oder haben Sie vergessen, dass Unternehmen unter einem Wettbewerbsdruck stehen?

Ganz ehrlich: wenn es demnächst auch dafür noch eine gesetzliche Quote oder andere Vorgaben gibt, würde ich als Unternehmer entweder nur noch Mitarbeiter mit geringer Gebärfreudigkeit einstellen oder aber in ein nicht-quotenreguliertes Ausland gehen.

Wenn dann eine entsprechende Anzahl an Unternehmen unter Wettbewerbsdruck ihre Konsequenzen aus diesen ständig steigenden Vorgaben und Wünschen ziehen, dann können die inzwischen arbeitslos gewordenen Mütter und Väter ganz viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Ich fürchte nur, das wäre ihnen dann aber auch nicht so recht.

Wann wird eigentlich mal klar, dass das Leben im Wirtschaftsleben kein Ponyhof ist?

Die Rente ist wahrscheinlich die größte aller Transferleistungen

Als Arbeitnehmer zahlen Sie ein, ohne Gegenleistung.
Als Rentenbezieher kassieren Sie, wieder ohne Gegenleistung.

Würden Sie beim Bäcker regelmäßig einen Geldbetrag deponieren, auf das Versprechen hin, irgendwann einmal 'kostenlos' Brot zu bekommen? Wohl nicht.

Bereits heute wird ca. ein Drittel der Rentenauszahlungen aus dem Bundeshaushalt gedeckt. Warum? Weil damit die sog. versicherungsfremden 'Leistungen' bezahlt werden. Welche das sind? Kindererziehung (ohne Leisungskontrolle), Witwen- und WItwerrenten, sog. Ost-Renten. Um nur einige zu nennen.

Alle Sozialversicherungen sind Transferleistungen. Alle Einzahlungen haben keine konkreten Gegenleistungen zur Folge. Alle Auszahlungen sind unabhängig von Einzahlungen. Oder glauben Sie, dass die Krankenversicherung aufhört zu bezahlen, nur weil Ihre Bezüge aus der KV die Summe Ihrer Einzahlungen übersteigen? Dass Renten nicht mehr gezahlt werden, wenn die Summe Ihrer Rentenbezüge Ihre pers. Einzahlungen übersteigen? Nominal. Geldentwertung nicht mit einberechnet.

Rechnen Sie mal aus, wieviele Jahre Sie in die Arbeitslosenversicherung einzahlen müssten, um nur für einen Monat Arbeitslosigkeit Arbeitslosengeld beziehen zu können.

Tss,
kuestenwache

Teilzeit und geregelte Arbeitszeiten für Alle!

wäre eine Lösung. Flexibilisierte Vollzeitstellen steigern nicht die Produktivität, sie heizen nur den Verdrängungswettbewerb, zuungunsten von Eltern mit kleinen Kindern, am Arbeitsmarkt und in den Unternehmen, die Leiharbeit gegen Kernbelegschaft ausspielen, an.
Logischerweise wird damit der Leistungs/Arbeitsethos der Arbeitsplatz"besitzer" als nomadisierende Modernisierungsgewinner zum unhinterfragbaren statement - wer da nicht mithalten kann, wird eben aussortiert oder muß sich mit einer minderwertigen Tätigkeit zufrieden geben, tja.

Richtig ist auch:
"Dahinter steckt ein völlig unsinnig idealisiertes Bild von Arbeit, dass mit der immer weiter zunehmenden Produktivität nicht vereinbar ist"
Exakt.
Es mag betriebswirtschaftlich und für den homo oekonomikus Sinn machen an diesem Modell festzuhalten, volkswirtschaftlich ist aber eine Milchmädchenrechnung - jedoch glaubt die Menge unserer Kanzlerin, die auch dieses für alternativlos hält und so das Wahlvolk vor´m Selberdenken schützt...