Ganztagesbetreuung — Frühstück in einer Kindertagesstätte. © Jens Büttner/dpa

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Deutschland meistens mit dem Ruf nach flächendeckender und besserer Betreuung der Kleinen beantwortet. Die Debatte zeigt auch Wirkung. Trotzdem bleibt noch viel zu tun, denn selbst mit dem besten Betreuungssystem der Welt wird das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht gelöst. Was noch immer fehlt, ist das gesellschaftliche Zugeständnis, dass sich die Arbeit in erster Linie nach der Situation der Betreuenden richten muss – nicht umgekehrt.

Es geht nicht nur um Mütter mit Kleinkindern, sondern um alle, die Betreuungsverantwortung haben – Kinder, Eltern, Partner, Verwandte oder Freunde. Frauen und Männer. Und Vereinbarkeit betrifft nicht nur Führungspositionen, sondern jeden Job. Auch den von Politikerinnen wie mir.

Als Europaabgeordnete versuche ich, eine anspruchsvolle Position mit vielfältigen zeitlichen Verpflichtungen mit meiner Rolle als Mutter einer dreijährigen Tochter in Einklang zu bringen. Wenn ich sonntagabends um 18 Uhr eine Veranstaltung kurz vor dem Ende verlasse, um den letzten Zug zu erreichen, damit ich meine Tochter ins Bett bringen kann, wird dies beispielsweise in der Lokalpresse negativ kommentiert. Wenn aber Kollegen Termine verfrüht abbrechen, später ankommen oder gar absagen, weil ein Fußballspiel läuft, sie an einem Gottesdienst oder an einem anderen privaten Termin teilnehmen wollen, wird dies gesellschaftlich akzeptiert. Das scheinen nachvollziehbarere Gründe für ein verfrühtes Aufbrechen zu sein als ein Kind. Wer um Verständnis für seine Mutterrolle wirbt, bekommt häufig unterschwellig die Rückmeldung: "Das mit dem Kind hätte ja nicht sein müssen" oder "Du hättest ja später Abgeordnete werden können". Selbst schuld! Es gibt offenbar einen Anspruch, der lautet: Wir haben Sie gewählt, jetzt stehen Sie uns 24 Stunden, 7 Tage die Woche zur Verfügung.

Bislang ist die einzige Antwort der Berufswelt auf die Vereinbarkeitsfrage die Teilzeit. 46 Prozent der Frauen, Tendenz steigend, wählen in Deutschland dieses Modell, mit allen Nachteilen in Bezug auf Lohn, Karrierechancen und Rente. Europaweit ist die Rate nur in den Niederlanden noch höher. Dieses Modell können sich aber schon heute längst nicht mehr alle Familien leisten. Allein aus diesem Grund muss eine Vollzeitstelle mit der Elternrolle vereinbar sein, auch für Alleinerziehende, und zwar ohne dass sie Burn-out bekommen. Die Arbeitswelt muss sich auch an Alleinerziehenden ausrichten. Das Gleiche muss für alle gelten, die sich um jemanden kümmern, auch für jene, die einen Pflegefall in der Familie haben. Dafür muss sich jedoch einiges in unseren Köpfen ändern.

Nun spreche ich als Europaabgeordnete natürlich aus einer besonderen Position: Ich kann freier über meine Termine entscheiden als viele Angestellte, und mein Kind kann in eine belgische Kita gehen, mit Öffnungszeiten, die im Vergleich zu Deutschland traumhaft flexibel sind. Aber trotz dieser Vorteile ist es eine ständige Herausforderung, genügend Zeit mit meiner Tochter zu haben.

Wo sind die Grenzen der Verfügbarkeit im Arbeitsleben? Welche Ansprüche und Gewohnheiten sind wir bereit aufzugeben, um eine echte Vereinbarkeit zu ermöglichen? Und wollen wir wirklich, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Chefs oder auch Politikerinnen Kinder haben, um die sie sich auch kümmern können? Wenn wir das so wollen, dann müssen wir unsere Erwartungen an sie ändern!

Einige Unternehmen gehen voran und stellen zum Beispiel sicher, dass die Laptops und Smartphones ihrer Mitarbeiter ab einer gewissen Uhrzeit keinen Zugriff mehr auf das Unternehmensnetzwerk haben. Das sollte selbstverständlich sein. Oder: eine Zusatzsitzung, ein spätabendliches Meeting, eine dringende Überstunde ausfallen lassen, damit Kolleginnen und Kollegen nicht gezwungen werden mitzuziehen – oder sich eben beruflich auszugrenzen, um dann schief angeguckt zu werden.