Syrische Soldaten marschieren Ende Februar durch Aleppo. © George Ourfalian/Reuters

Wenn außer Verheerung und Tod nichts Entscheidendes passiert, geraten Kriege irgendwann zum Nebengeräusch der Nachrichtensendungen. Syrien war so ein Fall. Bis vergangene Woche doch etwas Entscheidendes passiert ist: Baschar al-Assad, dessen Ende so vielen Beobachtern nur eine Frage der Zeit schien, hat sich gute, sehr gute Voraussetzungen für sein Überleben geschaffen. Nicht nur für das physische, sondern auch das politische.

Al-Kusair heißt der Ort, an dem Assads Truppen in diesen Tagen beweisen wollen, dass sie und nicht mehr die Rebellen das Schlachtgeschehen diktieren. Die Stadt, seit Wochen schwer umkämpft, wird den Krieg nicht entscheiden, aber sie ist von strategischer Bedeutung. Assads Truppen wollen sie erobern, weil sie Damaskus mit Hochburgen der Regierungsanhänger entlang der Mittelmeerküste verbindet. Die Rebellen müssen sie sichern, weil sie an einer wichtigen Nachschubroute liegt. Niemand weiß genau, wie viele Tote es inzwischen in Al-Kusair gegeben hat, das von Assads Luftwaffe massiv bombardiert wird. Man kann allerdings mit Gewissheit sagen, dass syrische Bodentruppen immer mehr Unterstützung durch die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah erhalten.

Deswegen verlagert sich derzeit das Kräfteverhältnis zugunsten von Assad: Während die Unterstützergruppe der Rebellen – angefangen von Saudi-Arabien und Katar über die Türkei bis zu den USA und der EU – zaudert und sich zunehmend verheddert, weiß das syrische Regime eine kleine, aber effiziente "Koalition der Willigen" an seiner Seite: Aus Moskau kommt Waffennachschub ohne Ende, der Iran sendet neben Rüstungsgütern Militärberater und offenbar auch Elitekämpfer. Und die libanesische Hisbollah macht inzwischen kein Hehl mehr daraus, dass sie ihre "Märtyrer" für Assad sterben lässt. In Al-Kusair sollen in den vergangenen Tagen Dutzende Hisbollah-Kämpfer ums Leben gekommen sein.

Der mächtigste Unterstützer des Syrers, Russland, passt weder ideologisch noch religiös in dieses Trio. Doch Moskau war schon zu Zeiten von Hafis al-Assad, dem Vater des jetzigen Präsidenten, Syriens Waffenlieferant im Kalten Krieg, während die USA Saudi-Arabien und von den siebziger Jahren an auch Ägypten versorgten. Nicht, dass Baschar Assad auf russische Kalaschnikows und Landminen angewiesen wäre. Die gibt es überall zu kaufen. Moskau ist, weit mehr noch als Teheran, zuständig für die modernsten Waffen in Assads Arsenal: Kampfhubschrauber, Artillerie und vor allem Luftabwehrraketen.

Mit dem Raketenabwehrsystem Jachont, das Wladimir Putin seinem Verbündeten in Damaskus liefern will, lassen sich mögliche Angriffe vom Meer oder eine Seeblockade verhindern. Russische Boden-Luft-Raketen können aber auch die Einrichtung einer Flugverbotszone erschweren. Es handelt sich um eine Warnung an Saudi-Arabien, Katar, die Türkei und die USA, militärische Aktionen zugunsten der Rebellen gar nicht erst in Erwägung zu ziehen. Man kann es auch als erstaunlich deutliche Warnung in Richtung Israel deuten, das in den vergangenen Wochen mehrfach Ziele in Syrien bombardiert hat, um zu verhindern, dass Assad Teile seines Arsenals an Hisbollah weitergibt.

Warum facht Russland den Krieg in Syrien weiter an? Der Profit aus den Waffenlieferungen reicht als Motiv nicht aus. Bedeutsamer schon ist die Basis der russischen Marine im syrischen Tartus, die einzige außerhalb des Gebietes der einstigen Sowjetunion. Syrien ist zudem wichtig als Symbol und Bühne. Hier kann Moskau zeigen, dass den in Putins Umgebung verhassten USA und der Nato als Washingtons strategischem Instrument Grenzen gesetzt werden können. UN-Resolutionen gegen Assad? Nein. Regierungswechsel in Damaskus? Nein. Eine Flugverbotszone zum Schutz der Millionen Binnenflüchtlinge in Syrien? Nein. Im Nahen Osten lässt Russland derzeit den Rest globaler Muskelmasse spielen, der ihm nach vielen strategischen Niederlagen seit 1991 geblieben ist. Im UN-Sicherheitsrat hilft China mit, Assad den Rücken frei zu halten.