BiografieMutmaßung über Jupp

Eine neue Beuys-Biografie rückt den Künstler ins braune Zwielicht von 

Es gibt Bücher, die wichtig sind – und trotzdem schlecht. HP Riegels Beuys ist so ein Buch. Die "erste umfassende Biographie" über den Fett- und Filzkünstler mit dem Hut hat schon für einiges Aufsehen gesorgt, kein Wunder, schließlich hat der Verfasser lange in der Werbebranche gearbeitet. Bei seinem ersten Buch war das nicht anders: Da beging Riegel publikumswirksam einen symbolischen Vatermord an Jörg Immendorff, dem Koks- und Nuttenkünstler mit der schlimmen Krankheit, dessen Assistent er viele Jahre war. Nun zielt Riegel, inzwischen Unternehmensberater in der Schweiz, eine Etage höher, auf Immendorffs Lehrer, den wichtigsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit, Joseph Beuys.

Die Vorwürfe diesmal: Der Künstler ein Parvenü, Lügner, Opportunist, der selbst seine Ehefrau nach strategischen Erwägungen aussucht. Ein autoritärer Okkultist, der sich als "Heiler der Menschheit" sieht. Schließlich und schlimmstens: ein Ewiggestriger, durchdrungen von völkischen Idealen, umgeben von lauter alten Nazis.

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Wenn das alles so wäre, bliebe wohl nicht viel übrig vom heiligen Jupp, dem großen Schamanen der Nachkriegsavantgarde. Und Riegel liefert durchaus Fakten. Er hat die Sekundärliteratur durchsiebt, in Melderegistern und Kriegsarchiven gegraben, einen Schulkameraden des Künstlers als Kronzeugen aufgetan. Das ist der verdienstvolle Teil des Buches, eine in mehr als 1300 Fußnoten dokumentierte Fleißarbeit. Riegel trägt erstmals zusammen, was an entlegenen Orten schon publiziert ist und liefert die Dokumente zu bereits widerlegten Beuys-Legenden nach. Doch wollen sich die zum Teil widersprüchlichen Funde nicht zu einem Gesamtbild runden, und hier wird es problematisch: Wo die Fakten bei allem Eifer uneindeutig bleiben, verlegt Riegel sich aufs Spekulieren. Weil in Beuys’ Krefelder Geburtsurkunde die Hausnummer fehlt, muss er "in einer Droschke, einem Hauseingang oder vielleicht auf dem Gehweg geboren" sein. Damit nicht genug: Weil Beuys gegenüber den – gemutmaßten! – Umständen seiner Geburt einen – nirgends belegten – "Widerwillen" empfunden habe, wählte er Kleve als fiktiven Geburtsort; die Residenzstadt schien ihm für einen "Auserwählten" angeblich besser zu passen. Das ist Spekulation im Quadrat.

So geht es in einem fort. Vermutlich, womöglich, bleibt fraglich, nicht ausgeschlossen ist, könnte erlebt haben, lässt erahnen – was nicht passt, wird, raunend oder suggestiv fragend, passend gemacht. Ist das gestörte Verhältnis zu den kleinbürgerlichen Eltern erst mal konstruiert, erscheint die Heirat mit der Professorentochter Eva Wurmbach gleich in neuem, schlechteren Licht: Sie stellte für den Aufstiegsbesessenen "einen gewissen gesellschaftlichen Reiz dar".

Weil er den Weltruhm für die Kunst des Provinzlers vom Niederrhein offenbar unangemessen findet, sieht Riegel überall nur eiskaltes Kalkül am Werk. Seine ersten Sammler, die Bauernbrüder van der Grinten, "besticht" Beuys mit Holzschnitten seines Lehrers Mataré, "um wichtige Verbündete für den Aufbau einer Kunstkarriere zu gewinnen". Die Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie erschleicht er sich mit einem in den Nachkriegswirren erschwindelten Abitur (eine der wenigen echten Entdeckungen Riegels). Die Zusammenarbeit mit dem bekannten Videokünstler Nam June Paik? Ein strategisches Ansaugen, um im Windschatten des Koreaners nach oben zu kommen. Filz als Material? Nur ausgewählt, weil es Einzigartigkeit sichert. Seine Kunst des politischen Engagements? Lediglich "Mimikry" studentischer Protestformen. Sein Öko-Engagement? Nur Pose, privat fuhr er "abgasintensive Limousinen".

Wie ein Hütchenspieler schiebt Riegel die Quellen hin und her, bis sie ihm in sein Entzauberungswerk passen. Mal nimmt er Äußerungen von Beuys wörtlich, mal tut er sie als mystifizierend ab. Gegenstand seiner Empörung ist oftmals gar nicht Beuys selbst, sondern die Schar der Apologeten, die bei dessen Aufstieg die Räuberleiter hielten und zum Beispiel halfen, die "Tatarenlegende" in die Welt zu setzen: die Errettung des Stuka-Piloten Beuys durch Nomaden, die ihn nach einem Absturz auf der eisigen Krim mit einer Fett-Filz-Wärmebehandlung ins Leben zurückholen. Dieser Eastern ist zwar seit Langem dekonstruiert, aber Riegel ärgert sich noch immer drüber und reicht den Wetterbericht vom März 1943 nach: Sogar den Schnee hat Beuys erfunden...

Es stimmt ja: Viele Exegeten machen es sich allzu leicht mit Beuys. Sie nehmen sein Reden über das Leben als soziale Plastik zum Anlass, ihrerseits wild draufloszuspintisieren. Aber das kann man über einen Großteil der Katalogprosa zu zeitgenössischer Kunst sagen. Riegels Hauptvorwurf an die Beuys-Versteher reicht jedoch weiter: Sie alle würden ihren Meister komplett missverstehen, weil sie die Bedeutung der Lehre des Okkultisten Rudolf Steiner für das Werk absichtlich übersähen, "um eine gefälligere Quellenlage zu konstruieren".

Leserkommentare
  1. „Mit einem leistungsfähigen Werk kann man nicht fertig werden, ebensowenig wie mit einem Menschen" J. Beuys (zitiert nach B. Brock)

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    .
    na ja- ob ein werk leistungsfähig noch guter deutsch ist

    für bazon brock war ja eine kino-karte-wenn man nicht hingeht- ein kunstwerk-

    mit der fantastischen frida kahlo konnte er nichts anfangen -

    viel leid macht noch keinen künstler

  2. Der nächste Promi, dem unser aller Geschichte nachgeworfen wird.
    Man kanns nimmer lesen.
    Zur Zeit des Dritten Reiches musste sich jeder mit den Umständen arrangieren - das muss ja nicht gleich mit Verbrechen zu tun gehabt haben. Das ist heute nicht anders.

    Uns Heutigen wird man in 50 Jahren auch sehr Vieles vorwerfen müssen, bei dem wir gerade emsig mitmachen; das wird sogar eine ziemlich lange Liste. Nur was soll man als Einzelner dagegen machen?
    Also Schluss mit dem Rumtreten auf Verstorbenen - lieber die Probleme der Gegenwart angehen oder zumindest mal erkennen.

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    Das eigentlich Schlimme an der Geschichtsaufarbeitung des Dritten Reichs ist, dass die großen Profiteure der Nazi-Herrschaft niemals zur Rechenschaft gezogen wurden. Kein Quandt, kein Neckerman, kein Flick...

    Daher ist es nicht besonders verwunderlich, dass die Förderer von Beuys ebenfalls eine braunfleckige Weste hatten.

  3. Fakten Spekulationen den Anschein von Gewissheit geben will. Bleibt nur die Frage, welches Motiv er hat Joseph Beuys in den braunen Dreck zu ziehen.

  4. Ohne das Buch gelsen zu haben, scheint diese kritische Replik doch auch wieder etwas zu einfach gestrickt zu sein. Es ist gar nicht interessant, ob in Riegels Buch das Eine oder Andere nur eine substanzlose Vermutung ist. Interessant ist das offenkundige völlige Auseinanderdriften der zettypsichen Rezeptionsstereotypen in den 60er, 70er Jahren von dem, was Beuys in der Birne hatte und was er - das äußert er er z.B. auch in einem langen Interview auf Youtube - bewusst nicht laut sagen wollte. Das obskurantistsch Numinose war Teil seiner Kunststrategie, und dahinter liegt keine Hellsichtigkeit, sondern krudester Irrationalismus. Um den Biografierten mal selbst sprechen zu lassen: "Der Mensch kann aber auch mit Wesen sprechen, die höher sind als sein kurzfristiger, rein intellektueller Verstand ... er kann mit einem Engel sprechen.“ Es ist sehr leicht, der Debatte mit einer zauseligen Rezension auszuweichen - viel schöner wäre es doch, sich einmal mit den zahllosen Missverständnissen zwischen Künstlern und Kunstöffentlichkeit zu befassen, von denen die 60er Jahre an allen Ecken und Enden durchdrungen sind. Da kann übrigens auch so ein Beuys-Epigone wie Kiefer mitreflektiert werden, der genau das manirierte Vortäuschen von Tiefsinn dem Meister abgelernt hat. Die Kunstkritik ist mit dieser Unvernunft im Bunde, weil sie partout nicht mehr zur Nachreflexion freigegeben will, was auf Auktionen einmal die 7-stelligen Dollarbeträge überschritten hat.

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    Es sicher nur ganz wenig Dinge, die noch langweiliger sind, als ein Künstler, der sine Kunst erklärt. Welcher erfolgreiche Künstler tut das bitte? Sich mit der Kunst auseinanderzusetzen ist Aufgabe des Betrachters. Viele Künstler weigern sich deshalb überhaupt öffnentlich darüber zu reden oder geben eben (wie Beuys) absurde Antworten.

    • mick08
    • 31. Mai 2013 22:48 Uhr

    Solche ungelegbaren Behauptungen:
    "Die Zusammenarbeit mit dem bekannten Videokünstler Nam June Paik? Ein strategisches Ansaugen, um im Windschatten des Koreaners nach oben zu kommen. Filz als Material? Nur ausgewählt, weil es Einzigartigkeit sichert." kann man auch auf den Autor anwenden, zB:

    Die Zusammenarbeit mit dem bekannten Immendorf? Ein strategisches Ansaugen, um im Windschatten des Künstlers nach oben zu kommen. Beuys als Material? Nur ausgewählt, weil es Einzigartigkeit sichert …

    es ist nicht unwahrscheinlich, dass es hier um sehr viel Projektion geht. Aber vielleicht ist das auch nur eine Projektion vom mir ;-)

    2 Leserempfehlungen
  5. sorgt Beuys selbst 27 Jahre nach seinem Tod noch für einen kräftigen Sturm im Wasserglas, warum auch nicht.

    Ob sich ein studierte Kunstwissenschaftler und Werbefachmann daran abarbeitet das Spielgeld Beuys' scher Kunst für bare Münze zu nehmen:

    Warum eigentlich nicht mal so einen Rundumschlag wagen?

    Eine Abrechnung mit einer Generation und einem ihrer Protagonisten:

    Es mal sagen, dass die Persilgewaschene Wirtschaftswunderzeit von kosmetisch behandelten Biografien nachgeradezu durchsetzt gewesen ist:

    Dieser Generation und der eigenen gleich mit einen Beuys vorzuhalten, schon damals ungemein aufregend und heute noch viel aufregender, bedenkt man den Exodus, den die Nazis in den Künsten angerichtet hatten.

    Und heute festzustellen, dass das Wirtschaftswunder damals ein von Überlebenden, ja auch Nazis, geprägtes Geschehen war:

    Fürwahr, das sind Neuigkeiten, die den Kauf eines wohlfeilen Ikonoklasmus auf 595 Seiten für Euro 28,-- fast zu einer Occasion erscheinen lassen könnten.

    Man wird den Eindruck allerdings nicht ganz los, dass das, aus der Hüfte geschossen, auch ziemlich danebengehen könnte.

    Diese Rezension des Buches scheint darauf hinzudeuten.

  6. Danke für diesen deutlichen Artikel.
    Beuys Kunst ist nicht zufällig die deutsche Nummer 1 in der Nachkriegszeit.
    Wenn ein Journalist ein Buch mit falschen Behauptungen schreiben muss um zu übereben, ist ihm offensichtlich manches Mittel recht.
    Dass Beuys sich auf Steiner berief, zeigt eigentlich nur, dass er als Künstler seiner Zeit voraus war.
    Mit brauner Sauce hatte das wahrlich nichts zu tun.

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    Dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

    Wo kämen wir dahin, wenn wir zugeben müssten, nicht nur einem Scharlatan, sondern auch einem Künstler der Biografie-Installation aufgesessen zu sein ...

  7. Dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

    Wo kämen wir dahin, wenn wir zugeben müssten, nicht nur einem Scharlatan, sondern auch einem Künstler der Biografie-Installation aufgesessen zu sein ...

    Antwort auf "Peinlich"
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    In Hegels Arbeiten findet sich ein für Kunstfreunde Ihrer Art ein feiner Hinweis:
    Ein Gemälde besteht aus Holz, Leinwand und Farbe. Auf der Vorderseite sind Farben derart aufgebracht dass der Eindruck eines Bildes enstehen könnte.
    Auf der Rückseite eines Gemäldes erkennen wir seine Natur, die an Scharlatanerie erinnern könnte: und doch umscheichelt diese Scharlatanerie unsere Sinne.

    Was bleibt Ihnen von Ihrem Monitorbild, wenn der Strom ausfällt?

    Jene traurige Wahrheit, die Medien zu verbergen haben: Illusion.

    Wenn Sie also von Scharlatanerie schreiben, denken Sie bitte daran, wenn Sie ins Kino gehen.

    Gleichwohl gab es bei Beuys auch das Element des Schamanischen, einer Art Kino in die Wahrnehmungsgeschichte.

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  • Schlagworte Joseph Beuys | Anthroposophie | Biografie
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