Ein Interview sorgt für Furore: Vorige Woche sprach in der ZEIT Sachsen-Anhalts bisherige Wissenschaftsministerin Birgitta Wolff erstmals ausführlich über ihren Rauswurf – Ministerpräsident Reiner Haseloff hatte sie kurz zuvor entlassen; im Streit ums Geld für die Unis. Auch Haseloffs Vorgänger Wolfgang Böhmer (alle CDU) meldete sich inzwischen zu Wort: Haseloff gefährde mit seinen Einsparplänen "20 Jahre Aufbauarbeit" an Sachsen-Anhalts Hochschulen. Gibt der Osten sein größtes Pfund auf, die Wissenschaft? Ein Warnruf von Cornelius Weiss (SPD), der nach der Wende als Rektor die Universität Leipzig aufbaute

Seit gut 20 Jahren kann man fast täglich von deutschen Politikern aller Ebenen und aller Couleur diese Aussage hören: Im Zeitalter der Globalisierung und des demografischen Wandels sei neues Wissen zur entscheidenden Ressource unserer Volkswirtschaft geworden. Wissenschaft und Bildung spielten eine maßgebliche Rolle für die Zukunft der demokratischen Gesellschaft. Dieser Satz ist, für sich genommen, durchaus richtig, aber er ist eigentlich trivial. Wer ihn sagt, der rennt an den wichtigsten Stätten der Wissensproduktion und -vermittlung, also an den Hochschulen, offene Türen ein.

Geld wird umverteilt zugunsten der "zeitgeistschlüpfrigsten" Projekte

Wer allerdings erwartet, dass die Verantwortlichen in Bund und Ländern aus dieser Erkenntnis die Verpflichtung ableiten, endlich für eine angemessene Grundfinanzierung unserer Hochschulen zu sorgen – und der Wissenschaft die Freiräume zu erhalten, die sie braucht –, der sieht sich getäuscht. Die Mittel- und Stellenkürzungen, die seit vielen Jahren andauern, gehen vielmehr unvermindert weiter. So muss zum Beispiel die bereits in den neunziger Jahren rigoros dezimierte Universität Leipzig nach dem Willen der Sächsischen Staatsregierung – trotz kontinuierlich ansteigender Studierendenzahlen – bis zum Jahr 2020 weitere acht Prozent ihrer Stellen abbauen. Und in Sachsen-Anhalt, wo die Mittel für die Hochschulen ohnehin schon reduziert werden, will man diese jährlich um weitere fünf Millionen Euro kürzen!

Wie gewohnt versucht die Politik, dieses falsche Spiel mit ebenso wohlklingenden wie irreführenden Wortneuschöpfungen zu kaschieren, in Sachsen beispielsweise mit dem Euphemismus "Hochschulentwicklungsplan". Auch die immer neuen kurzatmigen Kampagnen und öffentlichkeitswirksamen Sonderaktionen, etwa der sogenannte Hochschulpakt und insbesondere die "Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder" sollen weitsichtiges und kraftvolles Handeln signalisieren. In Wahrheit führen sie aber nur zu einer immens aufwendigen Umverteilung der nach wie vor viel zu geringen Finanzmittel zugunsten der "zeitgeistschlüpfrigsten" Projekte, wie der frühere Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Hubert Markl dies nannte. Die für die Kultur eines Landes wichtigen sogenannten kleinen Fächer und auch die Lehre haben dabei das Nachsehen.

Parallel dazu ist es dem vom Bertelsmann-Konzern mit erheblichen Finanzmitteln ausgestatteten Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gelungen, die Meinungsführerschaft in der öffentlichen Diskussion zu übernehmen – mit dem ständigen Gerede von der angeblich in den Hochschulen fehlenden strategischen Kompetenz, von mangelnder Effizienz und notwendiger "Profilschärfung". Leider übernimmt die CDU auch die Meinungsführerschaft in Teilen der scientific community . Die Hochschulgesetze mehrerer Bundesländer tragen inzwischen deutlich erkennbar die Handschrift des CHE. Ob von den Parlamenten gewollt oder nicht: Damit ist der Boden für die vollständige Unterwerfung der Wissenschaft unter die Interessen der Wirtschaft bereitet.

Es gilt im wiedervereinigten Deutschland zwar als grob unschicklich, auf Erfahrungen in der DDR zu verweisen. Unübersehbar sind jedoch die Analogien zwischen dem seinerzeit in der DDR herrschenden und dem heute wieder weit verbreiteten grundsätzlichen Unverständnis für das Wesen der Wissenschaft; wie auch zwischen den ebenso hilflosen wie untauglichen Versuchen der Planung und Lenkung von Forschung damals und heute. Erstaunliche Parallelen bieten sich ebenfalls zwischen der zentralistisch-hierarchischen Struktur der DDR-Hochschulen und dem heute fast überall gesetzlich fixierten marktwirtschaftlichen Leitbild der Universitäten. Die von der Wirtschaft und der Politik mit geradezu missionarischem Eifer verbreiteten neoliberalen Heilslehren und Patentrezepte zur Förderung der Wissenschaft erweisen sich also als alte Hüte, und sie haben ihre Untauglichkeit bereits zur Genüge bewiesen.Sind damit Forschung und akademische Lehre in Deutschland endgültig zur Zweitklassigkeit verurteilt?

Ich möchte es nicht glauben. Die Versuche, selbstherrlich und dumm in die Wissenschaft hineinzuregieren: Sie sind so alt wie die Wissenschaft selbst. Der Erkenntnisfortschritt – die Summe an Entwicklungen und Erfindungen, die sich kein Minister und kein Unternehmer vorzustellen vermag – reift jedoch weitgehend unabhängig von den äußeren Umständen. In aller Stille. Er wird getragen von denen, die vom "Feuer der Wissenschaft" erfasst sind.

Es droht die Trivialisierung und Barbarisierung des Wissens

Doch die Gesellschaft braucht die Universität: vor allem auch als Ort, an dem man verantwortungsbewusst und zugleich kühn nachdenkt über die Zukunft und ihre Chancen und Risiken. Sie ist ein einzigartiger Ort, an dem die Gesellschaft sich selbst bedenkt. Daher ist es hohe Zeit, dass Politik und Wissenschaft endlich einen echten Pakt schließen und sich gemeinsam entschieden zur Wehr setzen – gegen die von blanker Unkenntnis und privaten Interessen geleiteten Zumutungen und Einmischungen der selbst ernannten "Hochschulreformer" und die drohende Trivialisierung und Barbarisierung des Wissens.

Es würde den ostdeutschen Ländern mit ihren noch relativ frischen Erinnerungen an die unselige Zeit der Plan- und Kommandowissenschaft alle Ehre machen, wenn sie hierbei mutig vorangingen.