ThrillerBildungsbürger auf der Flucht

Dan Browns Thriller "Inferno" erzählt von den üblen Folgen einer übertriebenen Dante-Lektüre von 

Literaturkritiker lesen viel, aber selektiv, was die Genres angeht. Um die Unterhaltungsliteratur macht unsereins meist einen Bogen. Nicht nur aus Gründen des guten Geschmacks, sondern auch weil es schwierig ist, einen weiterführenden, vertiefenden oder deutenden Gedanken an sie anzuknüpfen: Unterhaltungsliteratur ist nicht kommentarbedürftig. Es sei denn, ihr schierer Erfolg selbst kann als Symptom für einen bestimmten Geisteszustand der Gesellschaft gedeutet werden. So verrät der Massenerfolg von 50 Shades of Grey möglicherweise mehr über den Stand weiblicher Sexualität als ein halbes Dutzend Hardcore-Feminismus-Romane von Marlene Streeruwitz.

Ich habe noch nie Dan Brown gelesen. Ich ging davon aus, dass ich literarisch nichts verpasse. Doch will man gern wissen, wie ein Roman beschaffen sein muss, der die Leute weltweit zu Leseratten mutieren lässt. Meine Vermutung bislang: Was sich so gut verkauft, muss Trash sein. Sie können, liebe Leser, mir gerne empörte Leserbriefe schreiben, weil Sie das für arrogant halten, aber ich sage Ihnen: Meistens liegt man mit dieser Arbeitshypothese richtig.

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Inferno, der neue Dan Brown, ist weltweit am selben Tag erschienen. Leseexemplare für die Presse gab es vorher keine, die Übersetzer waren für ihre Tätigkeit sogar in einem Hochsicherheitstrakt ohne Internetanschluss in der Nähe von Mailand zusammengezogen worden, damit nichts nach außen dringt.

Also las ich meinen ersten Dan Brown. Und ich muss sagen: Ich habe mich von der ersten Seite an bestens amüsiert. Natürlich unter meinem Niveau, aber das ist nur eine Feststellung, kein Einwand. Und ich habe begriffen, warum diese Genre-Bücher so dick sein müssen: In der Zeit, in der man eine Handke-Seite liest, hat man acht Dan-Brown-Seiten gelesen. Und mir hat das Sujet von Inferno sofort gefallen. Ich würde mich ja tatsächlich am liebsten jeden Tag mit Dantes Göttlicher Komödie beschäftigen, da kommt Inferno gerade richtig, denn es ist eine leidenschaftliche Dante-Paraphrase.

Überhaupt: Dieser Inbegriff eines Massenerfolgs von U-Literatur betreibt einen bildungsbürgerlichen Klassiker-Kult, wie er in der E-Literatur so inbrünstig kaum mehr denkbar ist. Als hätte der Kanon, nachdem die Moderne mit ihm kurzen Prozess gemacht hat, in der Unterhaltungsliteratur Asyl erbeten. Die Hingabe, mit der Dan Brown die Namen von Dante, Botticelli, Brunelleschi oder Boccaccio buchstabiert, spricht dafür, dass es dort draußen, wo die großen Buchumsätze gemacht werden, eine gewaltige bildungsbürgerliche Sehnsucht gibt. Während einen also der Erfolg von Paulo Coelhos verlogenen Sinnstiftungsplattitüden an der Welt irre werden lässt, lehnt man sich bei Dan Brown entspannt zurück und denkt sich: Der Untergang des Abendlands sieht anders aus.

Zur Handlung: Robert Langdon, dem Amte wohlbekannt, Kunstgeschichtsprofessor in Harvard, findet sich plötzlich in einem Krankenhaus in Florenz wieder. Wie er dahin gekommen ist, weiß er nicht, denn er hat einen Gedächtnisverlust: Zuletzt sah er sich über den Harvard-Campus spazieren, danach Filmriss. Wenn er seine Hand zu seinem Hinterkopf führt, entdeckt er eine Wunde. Aber ihm bleibt nicht viel Zeit, darüber zu sinnieren, denn schon nähert sich ein Killer seinem Krankenzimmer. Mithilfe der Ärztin Sienna Brooks gelingt ihm die Flucht. Offensichtlich hat es jemand auf sein Leben abgesehen. Aber warum verfolgt man einen Schöngeist aus Harvard?

Mittlerweile hat sich eine halbe Armee an ihre Fersen geheftet, während Robert und Sienna durch Florenz fliehen. Langsam erahnt Robert, in was er da geraten ist. Und zwar durch Bildung und Kunstkennertum. Die helfen in doppelter Weise: Während die Gegenspieler über Hightech verfügen, um sie zu schnappen (unter anderem eine unangenehm knatternde Drohne), rettet die beiden Fliehenden Langdons Kenntnis der Renaissancestadt: Überall kennt er Geheimgänge und Verstecke. So entfaltet die rasende Verfolgungsjagd auf köstliche Weise die kunsthistorische Topografie von Florenz. Ständig muss Sienna Robert anschubsen, weil dieser gerade wieder in ein Kunstwerk versunken ist. Es ist, als hätte Dan Brown viel lieber einen Baedeker geschrieben als einen Thriller. Nur haben ihm die bösen Mächte einen Strich durch die Rechnung gemacht...

Die böse Macht ist ein genialer Biochemiker mit einer sinistren Leidenschaft für Dante. Die Idee könnte auch von Umberto Eco sein, dem Routinier des semiotischen Thrillers: dass jemand die Zeichen der Kunst als Aufforderung an sich selbst missversteht. Bertrand Zobrist ist ein Überzeugungstäter. Seine apokalyptische Vision: Das exponenzielle Wachstum der Menschheit wird dieser über kurz oder lang die Existenzgrundlage entziehen. Aus Dantes Göttlicher Komödie leitet er die Aufforderung ab, die Menschheit durch eine gezielte Epidemie zu dezimieren. Nur durch die Hölle komme man ins Paradies – so die Conclusio seiner Dante-Lektüre. Im 13. Jahrhundert wütete die Pest. Das war für die Betroffenen schrecklich, aber im Rückblick, so sieht es Zobrist, eine evolutionäre Rettungsmaßnahme: Danach reichten die Ressourcen wieder für alle, und der neue Schwung brachte die Renaissance hervor.

Leserkommentare
  1. lese ich ihn zur Entspannung ganz gerne. "In der Zeit, in der man eine Handke-Seite liest, hat man acht Dan-Brown-Seiten gelesen." trifft es auf den Punkt.

    Aber lesen Sie einmal 'Cagot' von Tom Knox. Dort erfährt der bildungshungrige Leser, dass Adolf Hitler die Juden eigentlich garnicht vernichten wollte, Erst als es seinen Wissenschaftlern gelang, die DNS zu entschlüsseln, und sie dabei festgestellt haben, dass nicht die deutschen Arier sondern die Juden das überlegene Volk sind, weil deren DNS der deutschen weit überlegen ist, hatte er sich zu dieser Wahnsinnstat entschlossen.

    Ja. Ja. So war dies damals in Wirklichkeit gewesen.

    Wer so einen Unsinn für möglich hält, ist in der schönen neuen Welt angekommen.

    • kay_1
    • 30. Mai 2013 10:45 Uhr

    Ihre Arbeitshypothese könnte man auch vereinfacht "Vorurteil" nennen. Natürlich, auch Literaturkritiker brauchen ihre Schubkästen, um die Welt für sich zu ordnen. Aber ich finde es überflüssig, das dann noch zu Beginn auszubreiten.
    Dass die Lektüre natürlich unter Ihrem Niveau ist, weckt mein Mitgefühl. Man stelle sich nur vor, man drückt Ihnen solch einen trivialen Kram in die Hand und Sie müssen darüber schreiben. Das macht sicher keinen Spass und das kommt in fast jedem Absatz zum Ausdruck.
    Aber sicher ergibt sich eine gewisse Befriedigung, in dem man solch ein Buch genüsslich seziert, und alle (auch die es nicht wissen wollen) sehen, wie gebildet Sie sind.
    Als Leser der Zeit und .... ja ... auch des ein oder anderen Trash-Romans... kann ich auf diese intellektuelle Leistungsschau gern verzichten.

    7 Leserempfehlungen
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    Hey, you! Sie haben sich verirrt, auf die Seiten des Zentralorgans für Intellektuelle Leistungsschau! Dort wollten Sie gar nicht hin - also lassen Sie bitte den flüchtigen Bildungsbürgern ihr Refugium und hören auf zu maulen, daß es ein solches überhaupt gibt, von wo aus man süffisant die Emanationen eines Protagonisten der Bestselleritis bespötteln kann. Trash muß sein, auch und gerade unter Kulturbeflissenen. Ihn so zu bezeichnen und sich trotzdem zu amüsieren, war immer schon so (nicht nur Zeichen der Postmoderne - oder meinen Sie, Adenauer hätte Simenon wegen seines literarischen Wertes verschlungen?! Eben). Schlimmer ist allerdings, daß die Dante- und Florenz-Kenner sich möglicherweise wieder angeekelt vom Brown'schen Decodier- und Verfolgungswahn abwenden. Dann bleibt selbst in einer Rezension (und Sie, lieber Herr Mangold, sind leider auch drauf reingeplumpst) stehen, daß die Große Pest sich im 13. Jh. ausgetobt hätte - was bedeutete, daß Dante erst nach ihr gestorben sein soll?? Tja, das kommt davon, Mr. Brown, wenn man "Trecento" (im Italienischen die Jahre 1300ff.) für das 13. Jh. (also 1200ff.) hält. Die dramaturgischen Verwerfungen, die Browns "Inferno" darob begeht, nachzuzeichnen, wäre eine eigene Kolumne. Apage, Satanas! Nur noch ein kurzer Hinweis: In Langdons Dia-Vortrag ist Botticellis "Karte von der Hölle" genannt. Hört auf, liebe Leser, danach zu suchen: Weder Map noch ein Gemälde heißen so - Im Codex Vat.lat. 1896 steht eine Buchillustration (34 x 47cm)!

    • Joe361
    • 30. Mai 2013 11:59 Uhr

    Ich finde es seltsam, dass man eine dramatische Hilfskonstruktion erfinden muss, um Geschmack an der Kunst zu vermitteln; aber das ist nur die Meinung eines Menschen, dem Spannung nicht viel bedeutet.
    Es ist ja im Prinzip eine harmlose Sache: Solange man sich bewusst macht, dass man hier nicht echten Kunstgenuss, sondern eine vulgarisierte, in die Mühle der Dramaturgie gespannte Art Kunst (eine arme, klapprige Schindmähre) betrachtet, dann erfüllt das Buch auch das, wofür es geschrieben worden ist: "Charmante Unterhaltungsliteratur mit einem kühnen Schluss." Schöner Artikel, Herr Mangold.

    Eine Leserempfehlung
  2. Wie kann man die Zwangssterilisation von einem drittel der Menschheit gutheissen und charmant finden?

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    "Wie kann man die Zwangssterilisation von einem drittel der Menschheit gutheissen und charmant finden?"
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    Wer tut das denn?

  3. Hey, you! Sie haben sich verirrt, auf die Seiten des Zentralorgans für Intellektuelle Leistungsschau! Dort wollten Sie gar nicht hin - also lassen Sie bitte den flüchtigen Bildungsbürgern ihr Refugium und hören auf zu maulen, daß es ein solches überhaupt gibt, von wo aus man süffisant die Emanationen eines Protagonisten der Bestselleritis bespötteln kann. Trash muß sein, auch und gerade unter Kulturbeflissenen. Ihn so zu bezeichnen und sich trotzdem zu amüsieren, war immer schon so (nicht nur Zeichen der Postmoderne - oder meinen Sie, Adenauer hätte Simenon wegen seines literarischen Wertes verschlungen?! Eben). Schlimmer ist allerdings, daß die Dante- und Florenz-Kenner sich möglicherweise wieder angeekelt vom Brown'schen Decodier- und Verfolgungswahn abwenden. Dann bleibt selbst in einer Rezension (und Sie, lieber Herr Mangold, sind leider auch drauf reingeplumpst) stehen, daß die Große Pest sich im 13. Jh. ausgetobt hätte - was bedeutete, daß Dante erst nach ihr gestorben sein soll?? Tja, das kommt davon, Mr. Brown, wenn man "Trecento" (im Italienischen die Jahre 1300ff.) für das 13. Jh. (also 1200ff.) hält. Die dramaturgischen Verwerfungen, die Browns "Inferno" darob begeht, nachzuzeichnen, wäre eine eigene Kolumne. Apage, Satanas! Nur noch ein kurzer Hinweis: In Langdons Dia-Vortrag ist Botticellis "Karte von der Hölle" genannt. Hört auf, liebe Leser, danach zu suchen: Weder Map noch ein Gemälde heißen so - Im Codex Vat.lat. 1896 steht eine Buchillustration (34 x 47cm)!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Erfolg=Trash?"
  4. schwierig zu lesen sein muß.
    Oder umgekehrt: Er ist holprig zu lesen, dieser Artikel über Dan Brown.

    2 Leserempfehlungen
    • Iktomi
    • 30. Mai 2013 13:58 Uhr

    Echt jetzt? Besonders glaubwürdig fand ich ja die begriffsstutzige (obwohl IQ 200+) Begleiterin Langdons...

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  • Schlagworte Robert Langdon | Kunstwerk | Umberto Eco | Florenz | Harvard
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