ZEITmagazin: Herr Bahr, Ihr Buch "Das musst Du erzählen – Erinnerungen an Willy Brandt" ist seit Monaten ein Bestseller, die Kritiker loben es.

Egon Bahr: Wenn man sein ganzes Leben lang daran gewöhnt ist, getadelt und kritisiert zu werden, und plötzlich wird man überall gelobt: Das ist sehr seltsam.

ZEITmagazin: Konnte Willy Brandt gut loben?

Bahr: Nee, überhaupt nicht. Ein Lob von ihm war: "Das ist gar nicht so schlecht." Eine kleine Steigerung: "Es ist gar nicht schlecht." An ein direktes Lob von ihm kann ich mich kaum erinnern.

ZEITmagazin: Dabei haben Sie viele Jahre lang unter ihm gearbeitet: in den sechziger Jahren in Berlin, wo er Regierender Bürgermeister war, anschließend in Bonn als Minister und Vertrauter des Bundeskanzlers Brandt.

Bahr: Nur ein Mal, nach der enormen Resonanz auf meine Rede in Tutzing, hat er gesagt: "Salut."

ZEITmagazin: Eine Ehrenbezeugung, wie beim Militär.

Bahr: Dieses Lob wurde nie überboten.

ZEITmagazin: Dabei haben Sie Ihrem Chef damals die Show gestohlen, als Sie 1963 den Begriff vom "Wandel durch Annäherung" geprägt haben.

Bahr: Falsch, ganz falsch. Der Politische Club der Evangelischen Akademie in Tutzing hatte Brandt gebeten, eine Rede zu halten über seine Vorstellungen von einer neuen deutschen Außenpolitik. An dem Manuskript haben wir lange gearbeitet, das Manuskript ging immer wieder hin und her. Als wir fertig waren, rief mich der Direktor der Akademie an und fragte, ob ich für mich selbst noch einen kleinen Diskussionsbeitrag vorbereiten könnte. Ich war ziemlich leer und habe mir schließlich einen Punkt aus der fertigen Rede herausgenommen. Das, was für die beiden deutschen Staaten und ihr Verhältnis herauskommt. In diesem Text kam auch die Formulierung vom "Wandel durch Annäherung" vor, den mein Stellvertreter als Überschrift nahm. Im Flugzeug von Berlin nach München, auf dem Weg nach Tutzing, habe ich Brandt das Manuskript gezeigt. "In Ordnung", hat er gesagt. Na, und dann waren wir selbst am meisten davon überrascht, dass dieses kleine Aperçu wie eine Bombe einschlug – und die große Rede von Brandt gar nicht richtig wahrgenommen wurde. Das war ungerecht, aber nicht mehr zu ändern.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch ist ein wunderbares Foto zu sehen, das Sie mit Willy Brandt zeigt, beide lachend. Sie drehen sich kichernd zur Seite.

Bahr: Ich weiß nicht mehr, worüber wir gelacht haben. Ich weiß nur noch, dass wir auf Gromyko...

ZEITmagazin: ...den damaligen Außenminister der Sowjetunion...

Bahr: ...gewartet haben, der sich verspätet hatte. Bei dieser Gelegenheit haben wir uns einen Witz erzählt. Verstehen Sie, der Job des Bundeskanzlers muss ja dauernd unter Hochspannung gemacht werden. Da ist es befreiend und erleichternd, wenn man zwischendurch lachen kann. Brandt hat am Ende jeder Kabinettssitzung gefragt: "Weiß hier noch jemand einen guten Witz?" Helmut Schmidt hat das lange nicht gemocht, als er noch Minister war, da fand er diese Schlussbemerkung Brandts unpassend. Als er später Kanzler war, fing er plötzlich selbst damit an: Kennt jemand einen Witz?

ZEITmagazin: Sind Sie ein guter Witzeerzähler?

Bahr: Überhaupt nicht, ich kann mir Witze einfach nicht merken. Ich weiß noch, wie ich einmal in Moskau mit Breschnew, dem Staatsoberhaupt der Sowjetunion, zusammensaß und er plötzlich anfing, Witze zu erzählen. Ich habe mitgeschrieben, damit ich sie Willy Brandt weitererzählen konnte. Ich erinnere mich nur noch, dass ein Witz von vier Frauen handelte und dass Brandt sich köstlich amüsierte.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich an die erste Begegnung mit Willy Brandt?

Bahr: Zum ersten Mal ist er mir aus der Ferne aufgefallen, als er nach dem Krieg versuchte, in Berlin den Parteivorsitz der SPD zu übernehmen. Fleißig besuchte er einen Ortsverein nach dem anderen, hielt Reden, hörte zu. Er war ein Außenseiter, aber er war zäh.

ZEITmagazin: Sie haben ihn damals in Ihrer Rolle als politischer Journalist beobachtet. Sie haben unter anderem von Bonn aus für den Rias gearbeitet, einen Radiosender. Wie kamen Sie in den Stab von Brandt?

Bahr: Dazu müssen Sie wissen, dass ich zwei andere Angebote hatte, eines vom Auswärtigen Amt als Diplomat und eines von Henri Nannen. Ich sollte sein Stellvertreter beim stern werden und mit dafür sorgen, dass aus dem stern eine politische Zeitschrift wird. Es war ein rauschendes Angebot.

ZEITmagazin: Rauschend?

Bahr: 13. Monatsgehalt zu Weihnachten, 14. Monatsgehalt zum Urlaub, ein Auto, ein kleines Haus. Ich habe ernsthaft überlegt. Da rief mich Dr. Klein an, der Bundessenator Berlins in Bonn, und sagte: "Der Regierende Bürgermeister möchte Sie sprechen." Wir haben uns in der Lobby des Bundestags getroffen, Brandt kam raus, sagte kurz: "Guten Morgen", und fragte mich, ob ich sein Sprecher werden möchte. Ich habe einfach "Ja" gesagt. Das Gespräch dauerte keine drei Minuten.