Egon Bahr"Ich wollte mithelfen, dass der Frieden bleibt"

Egon Bahr ist seit 57 Jahren SPD-Mitglied, er war Vordenker und Vertrauter Willy Brandts. Mit 91 Jahren blickt er zurück auf eine Zeit, die er maßgeblich mitgeprägt hat von  und

ZEITmagazin: Herr Bahr, Ihr Buch "Das musst Du erzählen – Erinnerungen an Willy Brandt" ist seit Monaten ein Bestseller, die Kritiker loben es.

Egon Bahr: Wenn man sein ganzes Leben lang daran gewöhnt ist, getadelt und kritisiert zu werden, und plötzlich wird man überall gelobt: Das ist sehr seltsam.

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ZEITmagazin: Konnte Willy Brandt gut loben?

Egon Bahr

91, war zunächst Journalist und wurde später Willy Brandts engster Wegbegleiter und Mitgestalter von dessen Ostpolitik. Von 1960 bis 1966 war er Sprecher des Berliner Senats, anschließend Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt, von 1972 bis 1974 Minister für besondere Aufgaben im Kanzleramt, anschließend Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Später war er Bundesgeschäftsführer der SPD und Direktor des Instituts für Friedensforschung in Hamburg. Er lebt in Berlin und hat bis heute ein Büro im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale

Bahr: Nee, überhaupt nicht. Ein Lob von ihm war: "Das ist gar nicht so schlecht." Eine kleine Steigerung: "Es ist gar nicht schlecht." An ein direktes Lob von ihm kann ich mich kaum erinnern.

ZEITmagazin: Dabei haben Sie viele Jahre lang unter ihm gearbeitet: in den sechziger Jahren in Berlin, wo er Regierender Bürgermeister war, anschließend in Bonn als Minister und Vertrauter des Bundeskanzlers Brandt.

Bahr: Nur ein Mal, nach der enormen Resonanz auf meine Rede in Tutzing, hat er gesagt: "Salut."

ZEITmagazin: Eine Ehrenbezeugung, wie beim Militär.

Bahr: Dieses Lob wurde nie überboten.

ZEITmagazin: Dabei haben Sie Ihrem Chef damals die Show gestohlen, als Sie 1963 den Begriff vom "Wandel durch Annäherung" geprägt haben.

Bahr: Falsch, ganz falsch. Der Politische Club der Evangelischen Akademie in Tutzing hatte Brandt gebeten, eine Rede zu halten über seine Vorstellungen von einer neuen deutschen Außenpolitik. An dem Manuskript haben wir lange gearbeitet, das Manuskript ging immer wieder hin und her. Als wir fertig waren, rief mich der Direktor der Akademie an und fragte, ob ich für mich selbst noch einen kleinen Diskussionsbeitrag vorbereiten könnte. Ich war ziemlich leer und habe mir schließlich einen Punkt aus der fertigen Rede herausgenommen. Das, was für die beiden deutschen Staaten und ihr Verhältnis herauskommt. In diesem Text kam auch die Formulierung vom "Wandel durch Annäherung" vor, den mein Stellvertreter als Überschrift nahm. Im Flugzeug von Berlin nach München, auf dem Weg nach Tutzing, habe ich Brandt das Manuskript gezeigt. "In Ordnung", hat er gesagt. Na, und dann waren wir selbst am meisten davon überrascht, dass dieses kleine Aperçu wie eine Bombe einschlug – und die große Rede von Brandt gar nicht richtig wahrgenommen wurde. Das war ungerecht, aber nicht mehr zu ändern.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch ist ein wunderbares Foto zu sehen, das Sie mit Willy Brandt zeigt, beide lachend. Sie drehen sich kichernd zur Seite.

Bahr: Ich weiß nicht mehr, worüber wir gelacht haben. Ich weiß nur noch, dass wir auf Gromyko...

ZEITmagazin: ...den damaligen Außenminister der Sowjetunion...

Bahr: ...gewartet haben, der sich verspätet hatte. Bei dieser Gelegenheit haben wir uns einen Witz erzählt. Verstehen Sie, der Job des Bundeskanzlers muss ja dauernd unter Hochspannung gemacht werden. Da ist es befreiend und erleichternd, wenn man zwischendurch lachen kann. Brandt hat am Ende jeder Kabinettssitzung gefragt: "Weiß hier noch jemand einen guten Witz?" Helmut Schmidt hat das lange nicht gemocht, als er noch Minister war, da fand er diese Schlussbemerkung Brandts unpassend. Als er später Kanzler war, fing er plötzlich selbst damit an: Kennt jemand einen Witz?

ZEITmagazin: Sind Sie ein guter Witzeerzähler?

Bahr: Überhaupt nicht, ich kann mir Witze einfach nicht merken. Ich weiß noch, wie ich einmal in Moskau mit Breschnew, dem Staatsoberhaupt der Sowjetunion, zusammensaß und er plötzlich anfing, Witze zu erzählen. Ich habe mitgeschrieben, damit ich sie Willy Brandt weitererzählen konnte. Ich erinnere mich nur noch, dass ein Witz von vier Frauen handelte und dass Brandt sich köstlich amüsierte.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich an die erste Begegnung mit Willy Brandt?

Bahr: Zum ersten Mal ist er mir aus der Ferne aufgefallen, als er nach dem Krieg versuchte, in Berlin den Parteivorsitz der SPD zu übernehmen. Fleißig besuchte er einen Ortsverein nach dem anderen, hielt Reden, hörte zu. Er war ein Außenseiter, aber er war zäh.

ZEITmagazin: Sie haben ihn damals in Ihrer Rolle als politischer Journalist beobachtet. Sie haben unter anderem von Bonn aus für den Rias gearbeitet, einen Radiosender. Wie kamen Sie in den Stab von Brandt?

Bahr: Dazu müssen Sie wissen, dass ich zwei andere Angebote hatte, eines vom Auswärtigen Amt als Diplomat und eines von Henri Nannen. Ich sollte sein Stellvertreter beim stern werden und mit dafür sorgen, dass aus dem stern eine politische Zeitschrift wird. Es war ein rauschendes Angebot.

ZEITmagazin: Rauschend?

Bahr: 13. Monatsgehalt zu Weihnachten, 14. Monatsgehalt zum Urlaub, ein Auto, ein kleines Haus. Ich habe ernsthaft überlegt. Da rief mich Dr. Klein an, der Bundessenator Berlins in Bonn, und sagte: "Der Regierende Bürgermeister möchte Sie sprechen." Wir haben uns in der Lobby des Bundestags getroffen, Brandt kam raus, sagte kurz: "Guten Morgen", und fragte mich, ob ich sein Sprecher werden möchte. Ich habe einfach "Ja" gesagt. Das Gespräch dauerte keine drei Minuten.

Leserkommentare
  1. Nicht anders zu erwarten: ein liebevolles, völlig unkritisches Portrait Willy Brandts; es sei ihm nachgesehen. Brandt, das war sein Leben.
    Zu Bahrs Bemerkung, Brandt habe so gut wie nie gelobt, jedoch manchmal gesagt: "Gar nicht so schlecht", im Englischen gibt es den Ausdruck "Not too bad"!
    Aber das ist bekanntlich eun großes Lob. Zu Wehner: wer ein so eiseskaltrs Wesen hat, für den ist selbst ein heißes Bad nur lau.

    Eine Leserempfehlung
    • sagax
    • 28. Mai 2013 14:04 Uhr

    ich hoffe, auch das gilt als kommentar, wenn er sich nicht auf den inhalt, sondern auf die fotos bezieht. da melde ich deutlich kritik an: das titelbild mit einem verkniffen rauchenden bahr (statt mund ein kaltes loch), augen schwarze löcher, bahr vor der brandt: na ja, kein großer einfall, bahr selbst ist unscharf; s.15: muss man ihn mit einem schwarzen einschussloch an der schläfe zeigen? auge unscharf (als wären die schläfenhaare wichtiger als das gesicht), s.17: ist wohl ganz schick ihn rüde auf den balkon zu setzen, im rechten vordergrund unscharfe schwarze schlaufe (was vergessen?); s,18: ein wenig einfallsreicher ausschnitt aus dem foto davor; s.22: sein rechtes auge, das den betrachter anschaut, ein gallertartiger (weil unscharfer) augapfel, ebenso mund und nase, aber dafür ist das grätenmuster des revers prächtig scharf. der harte schattenwurf ist unnötig und führt in ein schwarzes loch: billig reingeleuchtet. s.24: der höhepunkt (bekannt aus allen abschieds- und abtrittsszenen: köhler, guttenberg, wulff usw.) muss der zu guter letzt auch noch unscharf sein? den text vor allem bahrs aussagen find ich lesenswert, die fotos nicht betrachtenswert.

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