Am Ende hängt alles an einem einzigen Wort. Die endlosen Verhandlungen, die erbitterten Auseinandersetzungen, das Selbstverständnis – all das schnurrt an diesem Vormittag auf eine einfache Frage zusammen: Soll das Europäische Parlament den Haushalt, den die Staats- und Regierungschefs für die EU verabredet haben, ablehnen oder einfach zur Kenntnis nehmen? Sollen die Abgeordneten Merkel, Cameron und Hollande die Stirn bieten, um endlich vor aller Augen zu demonstrieren, wie mächtig das lange Zeit verlachte Europäische Parlament geworden ist? Oder sollen sie vorsichtiger formulieren, weil sie sonst Erwartungen wecken, die sie nicht erfüllen können?

960 Milliarden Euro soll die EU nach dem Willen der Regierungschefs in den kommenden sieben Jahren ausgeben können. Doch die Abgeordneten im weiten Rund des Straßburger Plenarsaals ringen nicht nur um Zahlen und den Wortlaut einer Resolution. Es geht um weit mehr. "Wenn wir diesen Haushalt ablehnen", sagt der Fraktionsvorsitzende der grünen Europaabgeordneten, Daniel Cohn-Bendit, "wäre das ein historischer Sprung auf dem Weg zu einer europäischen parlamentarischen Demokratie". Und der Franzose Joseph Daul, ein Konservativer, ruft: "Diese Auseinandersetzung wird im Rückblick als eine Zäsur erscheinen. Wir sind an einer Weggabelung unserer Geschichte angelangt."

Diese Auseinandersetzung ist eine Premiere. Zum ersten Mal überhaupt darf das Parlament über den Sieben-Jahres-Plan der EU mitentscheiden. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines ständigen Machtzuwachses. Gleichzeitig markiert er ein merkwürdiges Paradox: Die Straßburger Abgeordneten dürfen so viel wie nie zuvor; doch vielen Bürgern erscheinen sie schwächer denn je.

Der Vorwurf, nicht ausreichend legitimiert zu sein, begleitet die EU seit Langem. Aber das demokratische Defizit ist durch die Krise größer geworden, die Fragen nach Mitsprache und Kontrolle werden dringlicher. Schließlich hat Brüssel zuletzt nicht mehr nur über Olivenölkännchen und Gurkenkrümmungen entschieden, sondern mitunter über das Schicksal ganzer Länder. Zwei Drittel der Europäer haben laut einer Umfrage der EU-Kommission den Eindruck, dass "ihre Stimme in der EU nicht zählt"; 45 Prozent sagen, sie seien unzufrieden damit, wie die Demokratie in der EU funktioniere. Das Gefühl der Ohnmacht ist unter den Europäern so groß wie noch nie.

Das Europäische Parlament musste diesem Gefühl etwas entgegensetzen – denn auf dem Papier ist es die zentrale Institution der Demokratie. Hier sitzen die Vertreter der europäischen Bürger. Doch das Europäische Parlament ist ein seltsames Gebilde: Es darf keine Regierung wählen, und es hat nicht einmal das Recht, Gesetzesinitiativen zu ergreifen. Eine Volksvertretung, die nicht sicher sein kann, dass es ein europäisches Volk überhaupt gibt. Ein gigantischer Apparat mit 754 Abgeordneten und mehr als tausend Mitarbeitern, die einmal im Monat ihre Aktenordner packen und von Brüssel aus für vier Tage ins 500 Kilometer entfernte Straßburg fahren, um dort zu debattieren.

Und doch: Wenn Abgeordnete aus 27 Ländern und mehr als 160 Parteien in 23 verschiedenen Sprachen miteinander diskutieren, dann entwickelt dieses Gebilde eine ganz eigene Faszination. Da provoziert eine deutsche Linke einen kleinen Aufruhr, weil sie an den 95. Jahrestag der Oktoberrevolution erinnert. Ein englischer Earl liefert sich ein Scharmützel mit einem französischen Grünen. Griechische Kommunisten treffen auf bayerische Konservative. Als einzige direkt gewählte Institution versucht das Europäische Parlament, Demokratie und Parlamentarismus zwischen Staaten zu begründen. Das ist ein Unikum – weltweit.

Die Wahrnehmung des Europäischen Parlaments ist innerhalb Europas sehr unterschiedlich: In den meisten osteuropäischen Ländern, aber auch in Dänemark, Belgien oder Schweden ist das Vertrauen in die Straßburger Abgeordneten laut Umfragen groß; in Großbritannien hingegen vertraut ihnen nicht einmal jeder Vierte. Demokratie ist keine gefühlte Größe, aber das demokratische Defizit ist auch eine Frage der Perspektive.