FC BayernWer san mia?

Ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Erfolgs sucht der FC Bayern nach einer Identität. von Cathrin Gilbert und

Viel spricht dafür, dass diesen Samstag die Spieler in den roten Trikots den Champions-League-Pokal in den Himmel über London recken werden. Der FC Bayern München ist in diesem Jahr einfach die beste Mannschaft Europas. Sollte diese nicht allzu waghalsige Prognose wahr werden, dann ist für den Moment alles klar: Die Bayern haben den Erfolg wieder, der Erfolg kehrt gewissermaßen "hoam".

Stimmt also, was der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, kürzlich sagte, dass der Erfolg die Summe aller Anstrengungen sei? Dann ginge es dem Verein tatsächlich blendend. Doch muss man schon ein Münchner sein, um glauben zu können, dass ein Fußballclub allein von seinen Siegen zusammengehalten wird. Alle anderen deutschen Vereine gewinnen nämlich für gewöhnlich nicht die Deutsche Meisterschaft, nicht den Pokal und nicht die Champions League. Trotzdem lieben die Fans des FC Schalke 04 und auch die vom VfL Bochum ihre Vereine mindestens so sehr wie die Bayern ihren.

Anzeige

Womit wir beim ersten Drama dieses Endspiels sind. Es ist schon wahnsinniges Pech für die Bayern, dass sie ausgerechnet gegen Borussia Dortmund spielen müssen, anstatt gegen den FC Chelsea oder gegen Real Madrid. Denn die allermeisten Deutschen werden am Samstag nicht hinter den Bayern stehen. Die Rechnung ist ganz einfach: Für Bayern sind die Bayern-Fans, für Dortmund die Anhänger aller anderen deutschen Clubs.

Das könnte den Bayern egal sein, hätten sie sich nicht in dieser Saison eine Weile lang an das Gefühl gewöhnt, gemocht zu werden, für den grandiosen Fußball, für den milde gewordenen Patriarchen Uli Hoeneß, für die Verpflichtung des interessantesten Trainers der Welt, Pep Guardiola. Doch dann kam die Steuersünde, dann wurde der Götze-Transfer öffentlich, und dann kam eben der Endspielgegner Dortmund.

Natürlich haben die Bayern mehr als nur Erfolg. Sie haben eine ungebrochene Tradition und eine einzigartige Kultur, sie werden bis heute geführt, promotet und gemanagt von den ehemaligen Profis der siebziger und achtziger Jahre, von Hoeneß, Beckenbauer und Rummenigge, von einem Patriarchat der angenehmeren Sorte. Sie alle werden in Wembley auf der Tribüne sitzen, Kameras werden sie einfangen, und alle werden denken: Ja, das sind die Bayern. Kaum einer wird denken: Aus und vorbei, das waren die Bayern.

Das ganze menschliche Drama des FC Bayern spiegelt sich in einer Szene, die sich im Zuge der Verpflichtung Guardiolas und der damit verbundenen Trennung vom höchst erfolgreichen Jupp Heynckes abspielte: Uli Hoeneß wurde von dieser Entscheidung innerlich beinahe zerrissen. Weshalb er sich an einem Tag im Dezember 2012 persönlich bei Heynckes dafür entschuldigen wollte. Da waren sich die Bayern bereits mit Guardiola einig, hatten die Entscheidung aber noch nicht verkündet. Jupp Heynckes hatte sich an jenem Tag in seine Wohnung in der Münchner Innenstadt zurückgezogen. Er war gesundheitlich angeschlagen. Hoeneß rief ihn an und sagte: "Jupp, ich komme gleich vorbei." Heynckes wollte seine Ruhe haben, aber Hoeneß erwiderte, er komme als Freund, nicht als Präsident, und fahre jetzt einfach los. Wenn er ihm nicht öffne, fahre er eben wieder nach Hause. Heynckes empfing seinen alten Kumpel dann doch. Die beiden tranken Tee, und Hoeneß übermittelte die Hiobsbotschaft.

Was die zwei Männer nicht wussten, was allenfalls Hoeneß ahnen konnte: In dieser Saison würde nicht nur eine der erfolgreichsten Trainerkarrieren der Bundesliga enden, sondern auch die Zeit des erfolgreichsten deutschen Fußballmanagers, die Ära des Uli Hoeneß. Was immer er nach dem Endspiel am Samstag tun wird, seine Macht ist dahin, sie liegt begraben unter der Empörung über ein Schweizer Nummernkonto.

Nun ist der Bruch da, die siebziger Jahre sind auch in München endgültig Vergangenheit. Und damit ist eine Zeit voller Nestwärme, die den FC Bayern auszeichnete, vorbei. Hoeneß hielt zu fast allen Ehemaligen engen Kontakt. Er rettete Gerd Müller vor dem Alkohol, ließ den depressiven Sebastian Deisler auf seinem Sofa schlafen, veranstaltete wöchentliche Schafkopfrunden. Wofür wird der FC Bayern also künftig stehen, außer für Erfolg und Folklore?

Die Identität eines Vereins kann von einem Trainer verkörpert werden. So war es bei Werder Bremen, wo Thomas Schaaf 14 Jahre lang das Gesicht des Clubs war. So war es vor allem bei Manchester United. Nach 27 Jahren verlässt dort Sir Alex Ferguson den Platz an der Seitenlinie. Bei den Bayern wurde der Trainer für solch eine Identität zu oft gewechselt: 13-mal in den vergangenen 20 Jahren – zwei Jahrzehnte, in denen die Führung hingegen konstant blieb. (Vielleicht gab es da einen Zusammenhang, womöglich ertrugen die Übermänner keinen Übermann neben sich.)

Identität, das hat vor allem der FC Barcelona die Welt gelehrt, kann aber auch aus einer Geisteshaltung, aus einer Spielphilosophie kommen. Das hat der FC Bayern ebenfalls zweimal versucht. Allerdings nur kurz.

An die sparkassenartigen Flachbauten des Trainingsgeländes an der Säbener Straße grenzt ein gläserner Pavillon, dessen Terrasse mit Parkettboden verziert ist. Das sogenannte Leistungszentrum des FC Bayern München. Es ist das Erbe der kurzen Ära Klinsmann, man könnte es auch das Klinsmann-Mausoleum nennen. Denn von ihm und seinem Versuch, den Bayern ein Konzept zu geben, ist sonst nichts geblieben. Es kann sein, dass der hektische Blonde nicht stark genug war. Es kann auch sein, dass die Vereinsführung sich nicht ernst- und dauerhaft einfügen wollte in ein Denken, das ihr fremd war. Jedenfalls ist der Versuch, eine neue Philosophie zu kreieren, gescheitert.

Versuch Nummer zwei brachte immerhin Erfolge (die Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Teilnahme am Champions-League-Finale), doch vermochte es auch Louis van Gaal mit seinem Ballbesitzfußball nicht, den Verein für sich einzunehmen. Irgendwann stand das Ego des Trainers gegen das Ego des Patriarchen, van Gaal gegen Hoeneß. Karl-Heinz Rummenigge beschrieb das kürzlich so: Van Gaals Problem war nicht seine Leistung als Trainer, sondern seine Persönlichkeit. Der Ausgang ist bekannt.

Noch einmal besann sich das Patriarchat auf sich selbst, bediente sich seiner ureigenen Stärken: Ein Trainer aus der eigenen Generation wurde geholt, der sich dazu noch als stiller, loyaler Arbeiter erwies. Mit großem Geld wurden extraordinäre Spieler verpflichtet. Noch einmal demonstrierte das Patriarchat seine Macht. Die Rückkehr zur alten Bayern-Methode – Geld haben, Originalität kaufen – hat nun noch einmal zum großen Erfolg geführt. Womöglich zum größten in der Vereinsgeschichte. Sicher aber zum letzten dieser Art. Reicht das für die Zukunft?

Der FC Bayern von morgen, das sind: der unterkühlte Westfale Karl-Heinz Rummenigge, der freudlose Erfolgsfetischist Matthias Sammer – und der dünne Spanier mit den schmalen Krawatten. Wie immer sich dieser tiefste Einschnitt in der Geschichte des Vereins auswirken wird, eines steht schon jetzt fest: Die Körpertemperatur des Vereins wird sinken.

Jupp Heynckes führte die Bayern zu ihrer erfolgreichsten Saison, und doch war von Anfang an klar, dass er nicht bleiben darf. Der Erfolg, der Kult, der noch einmal um Heynckes entstanden ist, damit hatten die Bayern nicht gerechnet. Nun muss ein Trainer gehen, der besser war als alle Vorgänger, der in der Öffentlichkeit weint. Er nimmt ein Stück Wärme mit. Er nimmt das Gefühl mit, das Hoeneß ihm gegenüber verspürte: Verantwortung füreinander, die auf Menschlichkeit beruht, nicht auf sportlichem Erfolg. Es geht um die Perfektionierung des Perfekten, eine Art Vergoldung des Goldenen, die steif macht, die kalt macht, weil es immer schwieriger wird, an das Menschliche darunter heranzukommen. Das Menschliche, das lange Uli Hoeneß verkörperte. Er hat auch oft Fehler begangen, nicht selten an der Grenze des Zulässigen, nun hat er einen riesigen Fehler gemacht – und muss gehen.

Pep Guardiola sollte eigentlich der dritte Versuch sein, Patriarchat und Philosophie zu versöhnen. Nun, mit Hoeneß’ Ende, muss er das Patriarchat ersetzen. Kann er das?

Mit dem Spanier haben sich die Münchner ein Stück Internationalität gekauft. Rummenigge hofft, dass die Halbwertszeit des neuen Trainers länger ist als die seiner Vorgänger. Guardiola wird von den Bayern als Messias präsentiert, der dem Verein ein neues Gesicht geben und eine neue Philosophie injizieren soll. Am liebsten eine FC-Barcelona-Philosophie. Die Spanier sind erfolgreich – und haben die meisten Anhänger auf der ganzen Welt.

Doch so einfach geht das nicht. Der heutige FC Bayern wird niemals so spielen können wie der FC Barcelona, schon weil er dafür wesentlich kleinere Spieler brauchte, als er hat. Zudem: Auch der FC Barcelona ist mit seiner Spielweise an einem toten Punkt angekommen. Die ganz große Frage lautet darum: Was ist eine bayerische Spielphilosophie? Kann es so etwas überhaupt geben? Es muss, denn es ist nicht zu sehen, was sonst die Wärme und die identitätsstiftende Kontinuität der Siebziger-Jahre-Männer kompensieren könnte.

Das Problem ist: Guardiola ist kein Erneuerer, zumindest war er dies bisher nicht. Guardiola ist auch kein Erfinder. Nicht er war es, sondern Johan Cruyff, der vor 20 Jahren einen Stil in Barcelona geprägt hat, Cruyffismo genannt, dank dem der Verein über zwei Jahrzehnte den Erfolg erntete. Guardiola bekam die Philosophie schon als Kind im Vereinsinternat eingeimpft und verfeinerte später das System. Als er merkte, dass die Ressourcen des Vereins genauso aufgebraucht waren wie seine eigenen, gab er vor einem Jahr sein Traineramt freiwillig ab.

Künftig muss Guardiola selbst erfinden, muss neuen Sinn stiften. Dafür muss der vermeintliche Erneuerer aber erst mal sich selbst erneuern.

Nie musste sich der FC Bayern wirklich Gedanken darüber machen, wer er eigentlich ist. Auch dank Hoeneß – er war immer da. Doch wie passt Guardiola da hinein mit seinem Schick? Wie soll er das zusammenbekommen? Würde Guardiola je sagen: I bin a Bayer?

Das größte Abenteuer, seit es den FC Bayern gibt – es beginnt am Sonntag, das Spiel um Geld und Vereinsliebe, um Philosophie und Menschlichkeit, um Identität und Erfolg. Man muss kein Bayern-Fan sein, um sich wie narrisch darauf zu freuen.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service