Adam Price, wunderbarer Name, so darf der Autor einer international erfolgreichen Fernsehserie gerne heißen, denn die Neuerfindung des Mediums durch intelligente Fortsetzungsgeschichten wie Homeland oder Breaking Bad kommt ja aus Amerika, oder? Aber Adam Price ist Däne. Sein Nachname spricht sich aus wie die Prise Salz, die mancher Sendung fehlt, was insofern wiederum passt, als dass Adam Price in Dänemark auch als Fernsehkoch eine Berühmtheit ist. Spise med Price nennt sich die Schau, ein appetitanregender Stabreim.

Adam schwenkt die Töpfe mit seinem Bruder James, einem Kapellmeister. Zusammen haben sie auch sechs Musicals geschrieben, und neuerdings betreiben sie zwei Restaurants, eines davon direkt im Tivoli, dem Kopenhagener Vergnügungszentrum. Brdr. Price heißt es, mit Brdr. als der dänischen Abkürzung für Gebrüder. Das großzügige Lokal zwischen Karussell und Achterbahn ist weiß und hell, man sieht, was auf den Tisch kommt. Und während wir unsere Frokost erwarten, fällt der Blick auf die Wand: Bilder aus 250 Jahren, die Artistenfamilie Price.

Zirkus, Kochen, Schreiben – Vielseitigkeit scheint in einem Land, in dem eher wenige leben, nicht ungewöhnlich zu sein. "Jenseits von Landwirtschaft und Fischerei haben wir Dänen nur unsere Kreativität", sagt Camilla Hammerich, die mit uns am Tisch sitzt.

Adam und Camilla sind das Traumpaar des dänischen Serienwesens (wenn sie auch kein Paar sind, bloß Kollegen). Er schrieb, sie produzierte, heraus kam Borgen, die fiktive Geschichte einer Politikerin, die zur ersten Premierministerin Dänemarks wird und sich im harten parlamentarischen Alltag persönlich und politisch sehr verändert. Aus Naivität wird Kalkül, aus der Ehe Patchwork. Dazwischen geht es um harte Themen wie die Einführung einer Frauenquote in Unternehmen, eine gefälschte Ministerbiografie, das Verhältnis Dänemarks zu den Vereinigten Staaten oder zu Grönland.

Drei Staffeln, 30 Episoden, über die Mühen täglicher Entscheidungsfindung zwischen ausbleibendem häuslichem Geschlechtsverkehr und den Notwendigkeiten der Macht. Politisches Geschäft nicht als Kolorit, wie gelegentlich beim Tatort, sondern als zentrales Moment der Handlung. Welch ein Wagnis muss das gewesen sein! Und was für ein Erfolg ist es geworden. Im Herbst 2010 lief die Serie an.

Von den sechs Millionen Dänen klebten 1,5 Millionen sonntagabends am Schirm. "In 70 Länder haben wir sie inzwischen verkauft, nach Südkorea, nach Brasilien, nach Kasachstan", sagt Price. – "Wir hätten das nie gedacht", sagt Hammerich. "Wir hatten gedacht Schweden, Norwegen, vielleicht Island."

"Borgen" ist nur eine interessante Serie von mehreren

In Großbritannien läuft sie unsynchronisiert, auf Dänisch mit englischen Untertiteln, ein Novum. Seit dem 5. April 2013 durften auch die von ihren großen öffentlich-rechtlichen Anstalten chronisch für doof gehaltenen deutschen Zuschauer teilhaben. In der ARD pappte dem einprägsamen Serientitel Borgen, Spitzname des dänischen Parlamentssitzes Schloss Christiansborg, allerdings der betulichen Zusatz Gefährliche Seilschaften an, appetithemmend wie die mitternächtliche Sendezeit.

Die Serie ist nur eine interessante von mehreren. Besonders Forbrydelsen wäre zu nennen, ein Krimi in drei Staffeln, der bei der BBC The Killing hieß, vom coproduzierenden ZDF betulich deutsch als Kommissarin Lund verkauft wurde.

Und damit sind wir bei der einen Frage angelangt, die uns aus Hamburg nach Kopenhagen geführt hat: Wie macht Danmarks Radio das? Wie kann der öffentlich-rechtliche Sender eines kleinen Landes, das kein Hollywood und kein Babelsberg hat, international Preise einheimsen, Zuschauer begeistern und mit seinem Anspruch beim Weiterverkauf auch noch Geld einnehmen?

""Wir gelten nicht mehr als langweilig"

Adam und Camilla wissen die Antwort. Sie sei ganz einfach: "Vertrauen." Die beiden haben die Idee im Sender vorgestellt, es gab Diskussionen, Bedenken, auch gute Hinweise. Aber nachdem das Team einmal grünes Licht bekommen hatte, durfte sich niemand mehr einmischen. Da wurde nichts zensiert, nichts geschnitten, nichts verhalbherzigt. "Bei uns gilt ein Skript als Kunstwerk", sagt Adam. – "In vielen Sendern gibt es zu viele Bosse", sagt Camilla. Je weniger Hierarchie, desto mehr Idee.

In der fünf Jahre langen Arbeit an Borgen gab es nur einen, der inhaltlich das Sagen hatte: den Drehbuchautor Price. Und nur die Produzentin Hammerich wachte über das Budget. Statt dazwischenzufunken, hätten ihre Bosse hinter der Produktion gestanden, "manchmal zitternd", sagt Camilla. Denn auf der Rückseite des Vertrauens wohnt auch in Dänemark das Risiko.

"In Frankreich und Deutschland gilt der Regisseur viel, der Drehbuchautor wenig", sagt Adam. Die Domäne des Regisseurs sei aber der Kinofilm. Die Serie werde meist von mehreren Regisseuren gedreht, um Episoden parallel produzieren, vorproduzieren und nachproduzieren zu können. Da brauche es schon aus praktischen Gründen den Autor, der stets im Blick habe, was im ersten und was im zwanzigsten Teil geschieht.

Das Serienchef-Prinzip haben die Dänen nicht erfunden. Der DR-Abteilungsleiter Ingolf Gabold schaute es den Amerikanern ab und führte es zur Jahrtausendwende gegen alle Beharrungskräfte ein. Gabold ist übrigens auch ein Mann der vielen Talente. Ursprünglich Opernkomponist im Geiste Stockhausens, produzierte er später Celibidache und Barenboim für den dänischen Rundfunk, unterrichtete Dramaturgie, schrieb einen Roman und wurde als Quereinsteiger mit Ende 50 zum Fernsehen geholt. Gibt es vergleichbare Karrieren bei ARD und ZDF?

Relevanz sorgt für Quote

Vertrauen also. Die einfache Antwort hat noch einen zweiten Teil, der aus einem Wort besteht, das man in deutschen Anstalten gut kennt: "Bildungsauftrag." Weil man ja kein Privatfernsehen ist, weil das Geld aus einer steuerähnlichen Gebühr kommt, muss die vom öffentlich-rechtlichen Sender zu produzierende Serie das gesellschaftliche Verständnis derer befördern, die sie bezahlen. In Dänemark hat man eine ganz andere Vorstellung davon als in Deutschland: Während bei uns die Quote relevant ist, sorgt dort die Relevanz für Quote. Die Demokratie ist so verdammt wichtig, wir sollten das Bewusstsein der Bürger dafür schärfen – diese Überlegung gab den Ausschlag, Borgen zu wagen.

Kurz nachdem die zweite Staffel anlief, im Oktober 2011, wurde in Dänemark erstmals eine Frau zur Ministerpräsidentin gewählt, Helle Thorning-Schmidt. Plötzlich fanden sich die Borgen-Macher als Propheten und Wegbereiter in den Talkshows wieder, und es wurde einmal mehr die Frage diskutiert, wie nahe die Serie der Wirklichkeit gekommen ist. "Die Politikberater waren alle kritisch, keine Ähnlichkeit", erinnert sich Camilla. Die Politiker hingegen hätten ihren Alltag wiedererkannt, auch wenn die Parteien in Borgen alle Fantasienamen tragen.

Danmarks Radio hat jetzt jedenfalls einen anderen Ruf als vor zwanzig Jahren. "Wir gelten nicht mehr als langweilig. Wir sind ein Flaggschiff. Die Welt schaut uns an", sagt Camilla Hammerich. Es klingt sehr selbstbewusst.