FernsehenStachelrochen und Landschaftspornos

Was ein Zuschauer erlebt, der im Fernsehsessel auf Reisen geht. Michael Allmaier versucht, sich in 80 Stunden um die Welt zu zappen. von 

Ein TV-Reisender unterwegs: Karibik im Glas und Italien auf dem Bildschirm.

Ein TV-Reisender unterwegs: Karibik im Glas und Italien auf dem Bildschirm.  |  © Norman Konrad

Mittwochmorgen, das Teewasser kocht, die Weltreise kann beginnen. Eine Forschungsreise im Fernsehsessel, mit reichlich Chips als Proviant und der Programmzeitschrift als Kompass. Es gibt so viele schöne Ecken und Sendungen, die sie zeigen. Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg schaffte es in 80 Tagen um die Welt und sah dabei sieben Länder. Mit Kabelempfang sollte das in 80 Stunden leicht zu schaffen sein.

Erste Einsicht: Auch fürs Sesselreisen gilt, dass Langschläfer etwas verpassen. Zwar gibt es mehr Reiseberichte als Kochshows im deutschen Fernsehen. Doch sie ballen sich auf den billigen Plätzen frühmorgens und nachmittags. Wer bei Sonnenaufgang zuschaltet, hat schon die Hälfte verpasst. Die Provence-Tour um 4.40 Uhr auf 3sat, die Donaudelta-Erkundung um 4.15 Uhr auf Phoenix, die Schweiz-Wanderung um 2.15 Uhr auf Eins Plus und, vielleicht zum Wachwerden, die HR-Reportage um 2.05 Uhr. Da ging es um die hessische Kaffeehauskultur.

Anzeige

Ein Blick in den grauen Hamburger Himmel – Südsee wäre jetzt schön. Im Programmheft steht aber nichts von Südsee, an keinem der vier Reisetage. Dafür: Föhr, da will ich hin. Will man das wirklich? Ja, vielleicht. Der kurze Film, er läuft auf 3sat, trägt einiges dazu bei. Das liegt nicht nur an den verträumten Bildern, die den Bedarf an Sonne, Sand und Meer vorläufig decken, sondern vor allem am Reporter Michael Friemel. Der bringt etwas Wichtiges mit: Mut zur Tolpatschigkeit. In Bermudashorts und zerknautschtem Hemd tapert er über die Insel, fährt beduselt Strandmobil, schrubbt Möwendreck vom Krabbenkutter und gönnt sich andauernd ein Päuschen. Als Reiseleiter möchte man den nicht, als Reisegefährten sehr gerne. Und wenn er am Schluss der Sendung sagt, er komme wieder, glaubt man ihm das.

Wie schwer es sein kann, den rechten Ton zu treffen, sieht man an Friemels Kollegen Stefan Pinnow. Der ist für Wunderschön! unterwegs, das Reisemagazin des WDR. In dieser Woche bricht er über die Schwäbische Alb herein. Eine herbe Gegend, wird im Film gesagt, doch zu sehen sind süßliche Bilder: Fachwerk, Schlösschen, saftige Wiesen. So sieht das aus, wenn im Musikantenstadl das Heimatdorf der Sängerknaben vorgestellt wird. Dahin passt auch der Pinnowsche Frohsinn. Immer wieder platzt es aus ihm heraus: "Ah, das ist doch ne schöne Ecke hier!" – "Toll!" Beim Wandern lacht er zum Vogelgezwitscher wonnetrunken auf. Dem glaubt man nicht.

Auswanderer-Dokusoaps und Model-Bootcamps

Vielleicht ist der Fernseh-Phileas auch nur etwas unleidlich geworden. Der Tee ist kalt, die Zeit verrinnt, und er kommt nicht vom Fleck. Frühlingsreise rund um Freiburg; Unterwegs am oberen Neckar; Mythos Heidelberg... Gibt es denn sonst nichts zu sehen auf der Welt? Man versteht die Ballung von Nahzielen besser, wenn man die Ausstrahlungsorte betrachtet. Die allermeisten Sendungen laufen in den dritten Programmen und 3sat. In diesem Verbund, wo munter getauscht wird, entstehen sie quasi von selbst. Die Heimatkunde des SWR ist für den MDR schon Tourismus.

Da hilft ein Exkurs zu den Privaten. Hier findet man alles, Traumstrände und Luxushotels. Allerdings nur noch als Schauplätze von Auswanderer-Dokusoaps oder Model-Bootcamps. Die eigenen Reisemagazine wie Voxtours wurden mangels Quote fast alle eingestellt. Verzweifelten Sonnensuchern bleibt nur ein Ausweg: sonnenklar.tv. Der Münchner Privatsender macht schön Wetter, 18 Stunden am Tag. Das funktioniert so: Ein Kunde aus der Touristik zahlt, und der Sender berichtet wohlwollend, was er zu bieten hat. Gerade läuft die AdW-Show – Angebot der Woche. Sie führt nach Ägypten, ein Land, das dieser Tage mit Imageproblemen kämpft. Dort hat die Moderatorin einen Hotelkomplex inspiziert: "Ich habe mir alle Zimmer angeguckt, liebe Zuschauer." Die Spannung wächst. "Und die Suiten!" Der Begleitfilm zeigt einander zuprostende Paare. Will sagen: Alles halb so wild mit den Muslimbrüdern, wir bekommen noch Alkohol. Man könnte gleich jetzt ein Zimmer buchen, zum sonnenklar-Vorzugspreis. Dafür ist leider keine Zeit, der nächste Film läuft an.

Leserkommentare
  1. Wer noch mehr Zeit hat als der Autor und auch auf Kommentare von Fernsehmoderatoren verzichten kann, dem seien die 150h YouTube Video empfohlen, die die Fahrt von Moskau nach Wladiwostok in Echtzeit dokumentieren:

    http://www.google.ru/intl...

    Google bietet sogar an, sich beim schauen Tolstois "Krieg und Frieden" auf russisch vorlesen lassen.

    Eine Leserempfehlung
  2. ... ist für mich gestorben als MTV aufgehört hat Musik zu senden.....

    Seitdem empfinde ich das TV immer mehr als Ort für staatlich Alimentierte (Rentner, Bald-Rentner, Sozialhilfeempfänger) die sich gerne von alten grauen Männern mit Parteibuch vorschreiben lassen Was Sie zu sehen haben und wann.... zwischendruch, wenn nicht gerade Werbung läuft.

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Phoenix | Kuba | Ägypten | Freiburg | Heidelberg | Kathmandu
Service