Vor dem Zweikampf schütteln sich Volker Herres, Programmchef der ARD, und Thomas Bellut, Intendant des ZDF, einmal kurz die Hände. Die beiden Männer setzen sich einander gegenüber auf die Lederstühle. Im Hintergrund: eine graurosa Gardine und das Bild eines Baumes in den gleichen Farbtönen. Das ist das Interieur des Konferenzraums am Frankfurter Flughafen, in dem das Treffen stattfindet – neutrales Gelände und ein Ort, der für die beiden Vielreisenden gut erreichbar ist. Hinter Bellut und Herres flimmert ein Fernseher. Plötzlich erscheint Jörg Pilawa auf dem Bildschirm, der Moderator, den die ARD kürzlich dem ZDF ausspannte – sodass Bellut für die Show zum 50. Geburtstag des Senders kurzfristig Ersatz suchen musste. Er dreht sich zu Herres um und sieht plötzlich aus, als würde er gleich knurren. Los geht’s.

DIE ZEIT: Herr Bellut, Herr Herres, wenn man den Fernseher einschaltet, weiß man oft gar nicht mehr, ob man bei der ARD oder dem ZDF gelandet ist – oder bei einem Privatsender. Die Trashheldin Cindy aus Marzahn, die bald von RTL zu Sat.1 wechselt, tritt inzwischen bei Wetten dass..?, der erfolgreichsten Unterhaltungssendung des gesamten öffentlich-rechtlichen Fernsehens, als Co-Moderatorin auf. Warum?

Thomas Bellut: Das ZDF ist eben gar nicht so steril und langweilig, wie es uns oft nachgesagt wird. Wir leben in einer bunten Welt, die sich ständig verändert, auch in ihrer Bewertung von Persönlichkeiten. Cindy aus Marzahn wurde kürzlich sogar in der New York Times besungen, auch Intellektuelle halten sie für ehrlich und authentisch. Das muss Ihnen und mir nicht gefallen, aber ich bin der Meinung, eine Unterhaltungssendung muss alles anbieten, was es in dieser bunten Welt gibt.

ZEIT: Die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten sind verwechselbar geworden. Auch Joey, der frisch gekürte Dschungelkönig von RTL, muss offenbar mittlerweile in Wetten dass..? auftreten.

Bellut: Damit ziehen wir junge Zuschauer von RTL rüber.

ZEIT: Genau darum geht es: Sie wollen sein wie die Privaten. In der ARD, Herr Herres, moderiert ausgerechnet Günther Jauch eine der wichtigsten Sendungen – der Mann, der eigentlich ein Markenzeichen von RTL ist.

Volker Herres: Günther Jauch macht bei uns mit einer politischen Talkshow doch etwas ganz anderes als bei den Privaten. Außerdem beschäftigen wir ihn ja nur Teilzeit.

ZEIT: Aber Sie bezahlen ihn voll! Herr Bellut, Sie haben gerade das Moderatorenduo Joko und Klaas an ProSieben verloren – und damit sicher auch junge Zuschauer, von denen viele ohnehin zu YouTube und Co. überlaufen.

Bellut: Ich hoffe, die beiden werden dort glücklich. Das Gute an der Nachricht ist: Erstmals kauft ProSieben dem ZDF, den vermeintlichen Pennern vom Lerchenberg, die Moderatoren weg.

ZEIT: Viele Menschen beschweren sich massiv über das Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, besonders seitdem Sie im Januar die Haushaltsabgabe eingeführt haben. Sie wurden als "Nimmersatte" und "Kukident-Sender" beschimpft.

Herres: Die Printmedien kritisieren uns doch auch deshalb so scharf, weil es ihnen heute wegen des digitalen Wandels wirtschaftlich schlechter geht – während ARD und ZDF eine garantierte finanzielle Basis haben. Das ist vielen durch die Umstellung von einer Geräte- auf eine Haushaltsabgabe noch einmal bewusst geworden. Da geht es auch um die Interessen der Verlage. Menschlich kann ich das durchaus nachvollziehen.

ZEIT: Haben die Printmedien nicht vielmehr die Wut der Bürger aufgegriffen, die gegen die Abgabe Sturm liefen – auch, weil sie sich schlecht von Ihnen informiert fühlten? Was ist da schief gelaufen?

Herres: Es wäre wohl vermessen zu sagen, uns sei die Kommunikation perfekt gelungen.

Bellut: Ich habe mich der Diskussion gestellt, etwa in einer Talkrunde von Maybrit Illner im ZDF, und auch unsere Kampagnen waren berechtigt.

ZEIT: Sie meinen die Plakate, auf denen Tagesschau - und heute-journal- Sprecher abgebildet waren.

Bellut: Ja, die auch, und zurzeit erklären wir den Zuschauern in einer eigenen Kampagne in unserem Programm, was das ZDF für 15 Cent täglich alles bietet. Außerdem haben wir 3,5 Millionen Bürger angeschrieben, bei denen sich durch das neue Modell etwas geändert hat, sowie fast drei Millionen Unternehmen.

TV - Was sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ändern muss

Herres: Solange eine Reform noch nicht umgesetzt ist, sind Menschen nur bedingt aufnahmebereit für Informationen darüber. Danach melden sich nicht diejenigen, für die sich gar nichts ändert, obwohl das neunzig Prozent der Bevölkerung sind, sondern jene, die einen Nachteil sehen. Bei denen können wir um Verständnis werben, aber trotzdem sagt niemand, dass er es toll findet, mehr bezahlen zu müssen.

ZEIT: Sie finden, Sie haben alles Nötige getan, um die Menschen aufzuklären?

Herres: Man hätte rückblickend in den Bereichen noch besser informieren sollen, in denen Verständnisfragen absehbar waren. Also bei Menschen mit Behinderungen, die jetzt ermäßigte statt wie zuvor keine Beiträge zahlen müssen, oder bei einem Teil der Unternehmen.

ZEIT: Vielen geht es aber auch um die Frage, was sie für ihr Geld bekommen.

Bellut: Die Zuschauer zahlen eine Haushaltsabgabe, und dafür erwarten sie etwas von uns: Qualität. Die Hauptschwierigkeit unseres Berufes besteht darin, zu definieren, was das ist. Jeder versteht etwas anderes darunter.