Vor dem Zweikampf schütteln sich Volker Herres, Programmchef der ARD, und Thomas Bellut, Intendant des ZDF, einmal kurz die Hände. Die beiden Männer setzen sich einander gegenüber auf die Lederstühle. Im Hintergrund: eine graurosa Gardine und das Bild eines Baumes in den gleichen Farbtönen. Das ist das Interieur des Konferenzraums am Frankfurter Flughafen, in dem das Treffen stattfindet – neutrales Gelände und ein Ort, der für die beiden Vielreisenden gut erreichbar ist. Hinter Bellut und Herres flimmert ein Fernseher. Plötzlich erscheint Jörg Pilawa auf dem Bildschirm, der Moderator, den die ARD kürzlich dem ZDF ausspannte – sodass Bellut für die Show zum 50. Geburtstag des Senders kurzfristig Ersatz suchen musste. Er dreht sich zu Herres um und sieht plötzlich aus, als würde er gleich knurren. Los geht’s.

DIE ZEIT: Herr Bellut, Herr Herres, wenn man den Fernseher einschaltet, weiß man oft gar nicht mehr, ob man bei der ARD oder dem ZDF gelandet ist – oder bei einem Privatsender. Die Trashheldin Cindy aus Marzahn, die bald von RTL zu Sat.1 wechselt, tritt inzwischen bei Wetten dass..?, der erfolgreichsten Unterhaltungssendung des gesamten öffentlich-rechtlichen Fernsehens, als Co-Moderatorin auf. Warum?

Thomas Bellut: Das ZDF ist eben gar nicht so steril und langweilig, wie es uns oft nachgesagt wird. Wir leben in einer bunten Welt, die sich ständig verändert, auch in ihrer Bewertung von Persönlichkeiten. Cindy aus Marzahn wurde kürzlich sogar in der New York Times besungen, auch Intellektuelle halten sie für ehrlich und authentisch. Das muss Ihnen und mir nicht gefallen, aber ich bin der Meinung, eine Unterhaltungssendung muss alles anbieten, was es in dieser bunten Welt gibt.

ZEIT: Die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten sind verwechselbar geworden. Auch Joey, der frisch gekürte Dschungelkönig von RTL, muss offenbar mittlerweile in Wetten dass..? auftreten.

Bellut: Damit ziehen wir junge Zuschauer von RTL rüber.

ZEIT: Genau darum geht es: Sie wollen sein wie die Privaten. In der ARD, Herr Herres, moderiert ausgerechnet Günther Jauch eine der wichtigsten Sendungen – der Mann, der eigentlich ein Markenzeichen von RTL ist.

Volker Herres: Günther Jauch macht bei uns mit einer politischen Talkshow doch etwas ganz anderes als bei den Privaten. Außerdem beschäftigen wir ihn ja nur Teilzeit.

ZEIT: Aber Sie bezahlen ihn voll! Herr Bellut, Sie haben gerade das Moderatorenduo Joko und Klaas an ProSieben verloren – und damit sicher auch junge Zuschauer, von denen viele ohnehin zu YouTube und Co. überlaufen.

Bellut: Ich hoffe, die beiden werden dort glücklich. Das Gute an der Nachricht ist: Erstmals kauft ProSieben dem ZDF, den vermeintlichen Pennern vom Lerchenberg, die Moderatoren weg.

ZEIT: Viele Menschen beschweren sich massiv über das Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, besonders seitdem Sie im Januar die Haushaltsabgabe eingeführt haben. Sie wurden als "Nimmersatte" und "Kukident-Sender" beschimpft.

Herres: Die Printmedien kritisieren uns doch auch deshalb so scharf, weil es ihnen heute wegen des digitalen Wandels wirtschaftlich schlechter geht – während ARD und ZDF eine garantierte finanzielle Basis haben. Das ist vielen durch die Umstellung von einer Geräte- auf eine Haushaltsabgabe noch einmal bewusst geworden. Da geht es auch um die Interessen der Verlage. Menschlich kann ich das durchaus nachvollziehen.

ZEIT: Haben die Printmedien nicht vielmehr die Wut der Bürger aufgegriffen, die gegen die Abgabe Sturm liefen – auch, weil sie sich schlecht von Ihnen informiert fühlten? Was ist da schief gelaufen?

Herres: Es wäre wohl vermessen zu sagen, uns sei die Kommunikation perfekt gelungen.

Bellut: Ich habe mich der Diskussion gestellt, etwa in einer Talkrunde von Maybrit Illner im ZDF, und auch unsere Kampagnen waren berechtigt.

ZEIT: Sie meinen die Plakate, auf denen Tagesschau - und heute-journal- Sprecher abgebildet waren.

Bellut: Ja, die auch, und zurzeit erklären wir den Zuschauern in einer eigenen Kampagne in unserem Programm, was das ZDF für 15 Cent täglich alles bietet. Außerdem haben wir 3,5 Millionen Bürger angeschrieben, bei denen sich durch das neue Modell etwas geändert hat, sowie fast drei Millionen Unternehmen.

TV - Was sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ändern muss

Herres: Solange eine Reform noch nicht umgesetzt ist, sind Menschen nur bedingt aufnahmebereit für Informationen darüber. Danach melden sich nicht diejenigen, für die sich gar nichts ändert, obwohl das neunzig Prozent der Bevölkerung sind, sondern jene, die einen Nachteil sehen. Bei denen können wir um Verständnis werben, aber trotzdem sagt niemand, dass er es toll findet, mehr bezahlen zu müssen.

ZEIT: Sie finden, Sie haben alles Nötige getan, um die Menschen aufzuklären?

Herres: Man hätte rückblickend in den Bereichen noch besser informieren sollen, in denen Verständnisfragen absehbar waren. Also bei Menschen mit Behinderungen, die jetzt ermäßigte statt wie zuvor keine Beiträge zahlen müssen, oder bei einem Teil der Unternehmen.

ZEIT: Vielen geht es aber auch um die Frage, was sie für ihr Geld bekommen.

Bellut: Die Zuschauer zahlen eine Haushaltsabgabe, und dafür erwarten sie etwas von uns: Qualität. Die Hauptschwierigkeit unseres Berufes besteht darin, zu definieren, was das ist. Jeder versteht etwas anderes darunter.

Was verstehen die Öffentlich-Rechtlichen unter Qualität?

ZEIT: Was verstehen Sie beide denn unter Qualität?

Herres: Qualität heißt für mich, dass das Programm so gut wie möglich ist, egal ob Fernsehfilm oder politisches Magazin. Das gelingt vielleicht nicht durchgehend, aber den Ehrgeiz muss man haben. Und ich halte es mit dem BBC-Motto: "Make the good popular and the popular good", das heißt: Ich strebe nach Exzellenz ...

ZEIT: ... und einer hohen Zuschauerquote. Darauf kommen wir noch zu sprechen. Herr Bellut?

Bellut: Es gibt keine Pauschalantwort auf die Frage. Gerade habe ich ein Projekt über Richard Wagner freigegeben; es kostet über zwei Millionen Euro. Davon verspreche ich mir hohe Qualität. Ob ich sie auch bekomme, erfahre ich erst hinterher. Das ist immer so. Bei dem Weltkriegsdrama Unsere Mütter, unsere Väter stand das auch nicht von Beginn an fest.

ZEIT: Jetzt sprechen Sie von herausragenden Sendungen. Was ist mit dem Rest?

Bellut: Man kann nicht an jeder Stelle glänzen. Natürlich bieten wir auch Durchschnittsware an. Das Programm wäre ansonsten gar nicht bezahlbar.

ZEIT: Sie meinen, trotz der 7,5 Milliarden Euro Einnahmen aus Rundfunkbeiträgen senden Sie bewusst auch Programme, die Sie selbst für unzureichend halten?

Bellut: Einen grundsätzlichen Qualitätsstandard muss es immer geben. Abends schalten mehrere Millionen Zuschauer ein; hätte da niemand etwas auszusetzen, wären wir überrascht. Aber natürlich müssen wir uns auch immer wieder Fragen stellen wie: Sollten wir unsere Politikberichterstattung erneuern? Wie verhalten sich jüngere Zuschauer mittelfristig, und wie können wir sie erreichen?

ZEIT: Seit Januar kann sich kaum mehr jemand vom Rundfunkbeitrag befreien lassen, egal, ob er fernsieht oder nicht. Warum haben Sie die Umstellung nicht für eine Qualitätsoffensive genutzt, um zu zeigen, dass Sie das Geld wert sind?

Herres: Das haben wir! Im Ersten wurden die Schwerpunkte ausgebaut, in denen wir fiktionale mit journalistischen Stoffen kombinieren. So erreichten wir beispielsweise fünf Millionen Menschen mit einer Dokumentation über das Frauengefängnis Hoheneck in der DDR. Das wäre nicht zu schaffen gewesen, hätten wir die Dokumentation allein gesendet, ohne einen Fernsehfilm als Begleitung.

Bellut: Der Qualitätsanspruch ist doch heute genauso gültig, wie er es vorher war. Dieses Frühjahr haben wir reichlich Preise bekommen für Filme wie die Familiensaga Das Adlon und Unsere Mütter, unsere Väter, und auch das heute-journal hat sich hervorragend präsentiert.

ZEIT: Schon wieder nennen Sie Unsere Mütter, unsere Väter. Aber wo ist der feste Sendeplatz für Dokumentationen in der Primetime? Die meisten laufen spätabends oder nachts.

Herres: Das ist ein Vorurteil. Am Montag um 22.45 Uhr gibt es im Ersten einen festen Sendeplatz für Dokumentationen. Um 20.15 Uhr, wenn alle Sender Unterhaltung zeigen, sind die Menschen mit solchen Stoffen schwer zu erreichen. Aber für herausragende Dokumentationen haben wir immer sehr gute Sendeplätze gefunden.

ZEIT: Um nur ein paar Beispiele zu nennen: In der ARD lief die Dokumentation Wie weit links? 150 Jahre SPD um 23.30 Uhr, im ZDF Die Nazi-Braut über Beate Zschäpe um 0.45 Uhr …

Bellut: Bei uns haben Dokumentationen einen festen Platz in der Primetime: dienstags um 20.15 Uhr; das muss nicht immer eine investigative Top-Story sein. Kürzlich haben wir aber etwa den Film Die Jahrhundertfälschung über die Hitler-Tagebücher auf diesem Platz gezeigt. Sie ist mit einem Marktanteil von 6,8 Prozent allerdings nicht sehr gut gelaufen.

ZEIT: Na und, es war doch ein guter Film! Das Thema Quote scheint bei Ihnen auf blanke Nerven zu treffen.

Bellut: Wir bereuen nicht, den Film gezeigt zu haben. Aber es ist die Höchststrafe in unserer Branche, nicht beachtet zu werden. Das geht allen Medien so.

ZEIT: Bloß müssten Sie sich als Vertreter des öffentlich finanzierten Rundfunks diesem Wettbewerb ja gerade nicht unterwerfen. Sie, Herr Herres, gelten als der größte Quotenverfechter im öffentlich-rechtlichen Fernsehen...

Herres: Ich weiß gar nicht, woher dieses Image kommt. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass man Quote und Qualität vereinbaren muss, um ein Millionenpublikum für relevante Themen zu gewinnen. Das ist die schwierige Aufgabe, vor der wir stehen: Wir müssen eine Gesellschaft, die immer weiter zerfällt, vor dem Fernseher zusammenführen.

ZEIT: Was würde passieren, wenn Sie ein exzellentes Programm machten, das die Kritiker lobten, ...

Bellut: Schreckliche Vorstellung.

Herres: Bitte keine Drohungen! (beide lachen)

ZEIT: ...aber die Quoten wären einstellig?

Herres: Die Folge wäre eine Diskussion, die sich auf einen Satz verkürzen lässt: Warum müssen alle Beiträge für ein System zahlen, das von einem Großteil der Bevölkerung gar nicht genutzt wird?

Bellut: Wenn wir zur Hauptsendezeit nicht mehr so viele Menschen erreichen würden wie bisher, hätten wir auf die Dauer ein Problem: Dann würden Bundeskanzler oder Ministerpräsidenten ihre Interviews nicht mehr dem heute-journal im ZDF oder den Tagesthemen in der ARD geben, sondern womöglich einem Privatsender. Das darf nicht passieren.

Relevanz statt Machtstreben

ZEIT: Sie fürchten den Machtverlust.

Bellut: Es geht nicht um Macht, sondern um Relevanz. Vor einem Fernsehsystem wie in den USA muss man sich fürchten: Dort leben die öffentlich-rechtlichen Sender von Brosamen aus dem Staatshaushalt, sind quasi irrelevant – und die Privatsender gruppieren sich um die Parteien und machen Meinung. Ich kämpfe wie Kollege Herres dafür, dass unser öffentlich-rechtliches System als Plattform für den gesellschaftlichen Dialog bedeutend bleibt.

Herres: Es ist nicht so, dass all meine Programmentscheidungen nur das Ziel haben, sehr viele Zuschauer zu erreichen. Ich möchte eine zweistellige Quote erreichen, muss sie aber nicht in allen Bereichen haben. Manches sende ich in dem Wissen, dass der Abend an das ZDF geht. Wir werden demnächst eine Aufführung des Fliegenden Holländers von Richard Wagner aus Bayreuth zeigen...

Bellut: Oh, Sie machen auch Wagner. Ich bewundere Ihren Mut.

Herres: Der ist auch zu bewundern! Insgesamt möchte ich aber ein Programm machen, das die breite Öffentlichkeit begeistert. Wer das dauerhaft versäumt, verspielt seine Möglichkeit, Menschen für politische Themen zu interessieren.

ZEIT: Sie meinen, mit all Ihren Koch- und Tiersendungen, Serien wie Rote Rosen oder Sturm der Liebe oder den abendlichen Spielfilmen mit den immer gleichen Schauspielerinnen?

Herres: Das ist ein Zerrbild unseres Programms! Wir bieten herausragende fiktionale Stoffe. Wir liefern mit dem Morgenmagazin und dem Mittagsmagazin sowie mit Tagesschau und Tagesthemen rund sechs Stunden tagesaktuelle Nachrichten. Der Informationsanteil liegt insgesamt bei über 40 Prozent.

ZEIT: Kein Wunder, Sie zählen ja auch das Boulevardmagazin Brisant zu den Informationssendungen. Weshalb konzentrieren Sie sich nicht stärker auf Ihren Markenkern? Es gibt Stimmen in der ARD, die das für die beste Überlebensstrategie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks halten.

Herres: Das Boulevardmagazin Brisant ist ein Informationsformat, auch wenn es nicht jedem gefallen mag. Und Serien wie Rote Rosen tun doch keinem weh, sondern unterhalten viele.

Bellut: Gegen Kochsendungen in der Mittagszeit ist ebenfalls überhaupt nichts zu sagen, sie sind außerordentlich günstig, verstoßen nicht gegen die Menschenwürde und verbreiten Wissenswertes übers Kochen. Diese Formate bieten zu Tageszeiten mit weniger Zuschauern ein anständiges, unterhaltsames Programm.

ZEIT: Herr Bellut, Sie sagen, manchmal müsse aus Kostengründen auch Mittelmaß reichen. Für Fußballübertragungen ist dagegen keine Geldsumme zu hoch. Wie passt das zu Ihrem Programmauftrag?

Bellut: Herr Herres, Sie haben ja im Ersten viel mehr Fußball als wir, wegen der Bundesliga.

Herres: Es gilt doch für die ARD und das ZDF gleichermaßen: Auch Unterhaltung ist Teil unseres Programmauftrags.

Bellut: Mit Fußball erreicht man das Publikum ganz hervorragend. Insofern ist die Summe, die in die Champions League floss, klug investiert. Davon profitiert das ganze Programm. Die Quote des heute-journals etwa, das in der Halbzeit läuft, ist spürbar höher als sonst. Wir erreichen so gerade auch viele jüngere Zuschauer mit Informationen, die in der Halbzeitpause im Privatfernsehen nur Werbung zu sehen bekommen.

ZEIT: Die Rede ist von über 50 Millionen Euro pro Saison für den Dreijahresvertrag mit der Europäischen Fußball-Union.

Bellut: Die Summe kann ich nicht nennen.

ZEIT: Sie sagten, man müsse sich über eine Erneuerung der Politikberichterstattung Gedanken machen. Teilen Sie die Sorge, dass diese oft nur noch eine Abfolge von Skandalisierungen ist?

Bellut: Das tue ich.

Herres: Ja, das ist ein Trend in allen Medien.

Bellut: Es hat immer schon Skandale gegeben, auch in den Jahrzehnten davor, aber die Unschuldsvermutung scheint heute abgeschafft. Die Heftigkeit der Eruptionen erschüttert mich.

Herres: Der Journalismus hat sich insgesamt verändert. Das hat viel mit der Beschleunigung der Welt zu tun, in der wir leben. Wenn ein Thema einmal eine gewisse Aufmerksamkeit erreicht hat, springen alle auf. Statt zu recherchieren, wird zu häufig nachgezogen.

ZEIT: Leisten die vielen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dazu nicht einen erheblichen Beitrag? Stellen nicht gerade sie Menschen an den Pranger?

Bellut: Da ist was dran. Der Nachteil am System Talkshow ist, dass immer die heißesten Themen aufgegriffen werden müssen. Das hat einen Tauchsiedereffekt: Hinterher kocht alles. Sieben Sendungen über Rainer Brüderle und die Sexismusdebatte waren definitiv zu viel, auch wenn keine davon unbedingt schlecht war. Aber wir beim ZDF haben ja längst nicht so viele Talkshows wie die ARD.

Herres: Ihr habt Markus Lanz, wir haben Vielfalt. Ich bin der Meinung, dass die Talker alle ihr Geschäft gut verstehen...

ZEIT: Geschäft ist gut: Die meisten von ihnen haben ihre eigene Produktionsfirma, stellen ihre Sendungen selbst her – und verdienen so häufig besonders gut.

Herres: Ich meinte, die Talker machen einen erstklassigen Job. Aber ich mache keinen Hehl daraus, dass ich auch mit vier statt fünf Formaten auskäme.

ZEIT: Welches soll abgeschafft werden?

Herres: Kein weiterer Kommentar.

Das Bedürfnis nach Transparenz ist gestiegen

ZEIT: Mit der Einführung des Rundfunkbeitrags ist das Bedürfnis nach Transparenz gestiegen – die Menschen wollen wissen, was Sie mit ihrem Geld machen. Wie werden Sie dem gerecht?

Bellut: Unsere Haushaltsberatungen sind öffentlich, die Pläne einsehbar. Aber tatsächlich wollen wir die Zuschauer auf unserer Homepage bald noch breiter informieren.

ZEIT: Werden Sie erstmals offenlegen, wie viele Millionen Sie in Fußball investieren?

Bellut: Ich will die Gesamtausgaben für Sport veröffentlichen. Beim Fußball geht das nicht.

ZEIT: Warum nicht? Der Bezahlsender Sky gibt doch auch bekannt, wie viel er für die Spiele ausgibt.

Herres: Wir sind bei den Fußballverträgen zu Verschwiegenheit verpflichtet.

ZEIT: Also keine Transparenz bei der teuersten Sportart. Werden Sie denn künftig im Detail angeben, wie viel Sie pro Programmsparte genau ausgeben?

Bellut: Dagegen spricht nichts.

Herres: Bei uns ist das komplizierter, die neun Landesrundfunkanstalten haben unterschiedliche betriebswirtschaftliche Strukturen. Aber der Wille ist da – wir haben nichts zu verbergen.

ZEIT: Dürfen wir Sie da beim Wort nehmen? Wie viel zahlen Sie Ihren Moderatoren?

Bellut: Würden wir das veröffentlichen, gäbe es sofort Neiddebatten, die sehr heftig werden könnten. Wir würden Zuschriften bekommen wie: "Der kriegt von mir Gebührengelder, ich mag den aber gar nicht." Ich finde, auch gut bezahlte Menschen haben ein Recht, geschützt zu werden.

ZEIT: Und das wiegt schwerer als das Recht der Zuschauer, zu erfahren, was mit ihrem Geld genau geschieht?

Bellut: Ich werde das sicherlich nicht veröffentlichen. Im Übrigen sprechen wir hier nur von einer Handvoll sehr gut verdienender Moderatoren. Wenn ich nicht mehr fähig bin, eine bestimmte Summe zu zahlen, verliere ich die Chance, die Besten zum ZDF zu holen.

ZEIT: Stimmt es, dass Ihre Fixkosten so hoch sind, dass Sie sich gezwungen sehen, ausgerechnet am Programm zu sparen? Die ARD hat allein Rückstellungen für Pensionen von über sechs Milliarden Euro!

Herres: Nein. Aber wir müssen damit rechnen, dass sich die Beitragseinnahmen auf absehbare Zeit nicht erhöhen werden; da gilt es, auch auf Dinge zu verzichten. Aber am Programm möchte ich zuletzt sparen.

Bellut: In den vergangenen Jahren wurden die Pensionsrückstellungen im ZDF stark reduziert, sie liegen derzeit bei 440 Millionen Euro. Und wir bauen doch gerade 400 Stellen ab, auch, um möglichst viel ins Programm investieren zu können.

ZEIT: Die Legitimationskrise dürfte Sie weiter begleiten. Ist es für Sie denkbar, dass es eines Tages zu einer weitgehenden Fusion des ersten und des zweiten Programms kommt?

Herres: Die Zeiten des Wachstums sind beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorbei; stabile Beitragseinnahmen bedeuten, dass wir nach Abzug der Inflation weniger bekommen. Gleichzeitig wachsen die Aufgaben, ein Teil unserer Zukunft findet online statt. Ich denke, wir sollten unsere Strategien künftig stärker miteinander abstimmen. Die Gesellschaft würde es nicht akzeptieren, wenn sich beide Sender auf allen Feldern tummeln.

ZEIT: Hört sich vielversprechend an. Wie könnte das aussehen?

Herres: Wir müssen Doppelungen im Programm vermeiden. Das versuchen wir auch schon, indem wir etwa im Wechsel live von royalen Ereignissen berichten. Ich halte aber nichts von einer völligen Integration der Systeme. Das Land ist groß genug, sich zwei unabhängige öffentlich-rechtliche Sender leisten zu können.

Bellut: Ich bin bereit, über nahezu alle Brücken zu gehen. Wir könnten etwa über mehr Zusammenarbeit in der Auslandsberichterstattung nachdenken. Nicht gerade bei den ganz großen Studios wie Washington, die überausgelastet sind, aber bei den kleineren vielleicht.

ZEIT: Finden Sie, der Streit über den geplanten Jugendkanal von ARD und ZDF ist ein ermutigender Schritt der neuen Zusammenarbeit?

Bellut: Wir konnten den Vorschlag der ARD, die sechs Spartenkanäle der öffentlich-rechtlichen Sender zu drei gemeinsamen zu verschmelzen, nicht akzeptieren. Wir geben ohnehin schon ZDFkultur freiwillig auf und würden dann auch noch ZDFinfo und ZDFneo verlieren. Aber diese Kanäle sind gerade bei den Jüngeren sehr erfolgreich – und unsere Versuchsplattformen für neue Formate, auch für das Hauptprogramm. Ich werde dafür kämpfen, diese zu behalten.

ZEIT: Das alles hört sich jetzt aber nicht nach einer harmonischen Zusammenarbeit an.

Bellut: Es gibt in ganz vielen Bereichen eine tolle Zusammenarbeit. Und wir sind auch nicht grundsätzlich gegen einen Jugendkanal.

ZEIT: Ist schon etwas entschieden?

Herres: Wir sind etwas ungeduldiger als Herr Bellut, der mit dem Kanal erst 2017 starten möchte. Die ARD würde das gerne früher schaffen.

Bellut: Einen Jugendkanal halte ich für ein interessantes Projekt, aber wir wissen noch nicht mal, wie die Erträge durch die Umstellung auf den Rundfunkbeitrag genau aussehen. Wir brauchen aber Klarheit bei den Kosten und beim Personal.

Verschmelzen ARD und ZDF?

ZEIT: Noch mal: ARD und ZDF entwickeln Gemeinschaftskanäle und müssen sparen. Was spricht gegen eine komplette Verschmelzung der beiden? Das ZDF könnte künftig ausschließlich für nationale Themen zuständig sein und die ARD für die regionalen – beide unter einem Dach. Die ZDF-Landesstudios würden überflüssig, und das frei werdende Geld könnte ins Programm fließen.

Herres: Unsere nationalen Sendungen würden nicht überflüssig. Die Besonderheit ist doch, dass sich das Erste aus den Regionen speist; der Tatort etwa lebt von der regionalen Verortung.

ZEIT: Den könnten Sie auf dem neuen Sender bringen.

Bellut: Das ist Theorie und außerdem keine Frage an Herrn Herres und mich, sondern an Politik und Gesellschaft. Ich denke aber, dass zwei unabhängige öffentlich-rechtliche Sender einen Vorteil haben, sie stehen in einem Qualitätswettbewerb: Wer hat die beste Wahlsendung, wer die beste Talkshow?

ZEIT: Ohne die ARD bekämen Sie keine hohe Qualität hin, Herr Bellut?

Bellut: Es geht auch um Vielfalt.

ZEIT: Die spricht Ihnen doch auch niemand ab.

Herres: Bei uns in der ARD ist es ja so: Die föderale Struktur sichert die Unabhängigkeit des Gesamtsystems. Stellen Sie sich dagegen mal ein Land mit nur einem nationalen Anbieter vor, der ZDF heißt, und der dann natürlich auch nur eine Kontrolle hätte: die ZDF-Gremien, die in hohem Maße politisch besetzt sind.

ZEIT: Sie spielen auf den Fall des ehemaligen ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender 2010 an, dessen Vertrag auf Betreiben des damaligen Unionspolitikers und stellvertretenden Gremienvorsitzenden Roland Koch nicht verlängert wurde.

Bellut: Die Zusammensetzung unseres Verwaltungsrates wird deshalb vom Verfassungsgericht überprüft. Ich finde Politiker als Kontrolleure richtig. Parteien sind keine kriminellen Vereinigungen, sondern Institutionen der Meinungsbildung. Sie gehören zu dieser Gesellschaft.

ZEIT: Die Gremien wachen über das Programm. Aber vor allem Sie, Herr Bellut und Herr Herres, haben Einfluss darauf, was läuft. Woher kommt die Mutlosigkeit, die in Ihren Sendern mit Händen zu greifen ist?

Bellut: Auch beim ZDF?

Herres: Es gibt keine Mutlosigkeit, aber eine Verunsicherung, in der sich die derzeitige Debatte widerspiegelt: Wie viel öffentlich-rechtlichen Rundfunk will die Gesellschaft noch? Was erwartet sie von ihm? Viele haben den Eindruck, große Leistungen im Programm zu erbringen, die wenig gewürdigt werden.

ZEIT: Wann erleben wir denn mal, sagen wir, eine amerikanische Serie im Programm – statt jeden Abend Krimis mit ähnlichem Plot?

Herres: Das ZDF hat ein gewisses Überangebot an Krimis, da gebe ich Ihnen völlig recht. Ich bin den US-Serien gegenüber aufgeschlossen. Es wäre bloß schwierig, einen regulären Sendeplatz im Programmablauf des Ersten dafür zu finden.

ZEIT: Das kann doch nicht das Problem sein!

Herres: Natürlich ist das ein Problem – aber ein Luxusproblem, wir haben so viele gute Angebote und müssen uns daher gegen manche entscheiden!

ZEIT: Wenn Sie die Erfolgsserie Homeland über die USA in Terrorgefahr bekommen hätten, wüssten Sie nicht, wohin damit?

Herres: Eine überschaubare Staffel könnte ich platzieren, eine lang laufende Serie wäre schwierig.

Bellut: Homeland ist etwas Herausragendes, dafür hätte ich Platz gefunden, wenn ich die Serie bekommen hätte. Mein Traum ist es aber eher, dass wir in Deutschland selbst etwas wie die Sitcom The Big Bang Theory über zwei junge Physiker machen, auch ein deutsches Homeland traue ich uns zu.

ZEIT: Wie das?

Bellut: Man muss auch Risiken eingehen; die Satiresendung heute-show hat über ein Jahr gebraucht, um erkennbar erfolgreich zu sein, und zwei Jahre, um eine zweistellige Quote zu schaffen. Es dauert also enorm lange, Sehgewohnheiten zu verändern.

ZEIT: Welche Sendung hätten Sie denn gerne vom jeweils anderen?

Bellut: Den Tatort.

Herres: Die Champions League würde ich nehmen. Aber dann hätten wir ein bisschen zu viel Fußball. Insofern würde ich anerkennend sagen: Die heute-show ist eine gute Sendung – her damit!