Als Fabian Giefer zu sich kommt, fehlt ihm ein Monat seines Lebens. Er verlor ihn im Stadion, in der 84. Minute des Bundesligaspiels gegen Mainz 05. In jenem Moment, als das Knie eines Gegenspielers gegen seinen Kopf knallte.

Giefer ist Torwart von Beruf, Fortuna Düsseldorf sein derzeitiger Arbeitgeber. Die Kollision verursachte eine Gehirnerschütterung und löschte damals, 2011, einen Teil seiner Erinnerungen. Eine Verletzung, die keine sichtbaren Narben hinterlässt. Doch das Gehirn ist verletzbarer, als man glaubte – bei Unfällen, Stürzen, Zusammenstößen zwischen Spielern, zwischen Radfahrern und Asphalt, Skifahrern und Schnee, Torhütern und Torpfosten. Oder beim ganz normalen Training.

Keine Gehirnerschütterung, kein Schaden. Diese Annahme ist nicht mehr gültig. "Wir konnten erstmals zeigen, dass es auch ohne akute Symptome zu Veränderungen des Gehirns kommen kann", sagt Inga Koerte. In ihrer Studie ging es um das Paradebeispiel leichter Kopferschütterungen, um einen elementaren Bestandteil des Fußballspiels: Kopfbälle.

Koerte und ihre Kollegen von der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Harvard Medical School fanden erstmals einen direkten Nachweis für deren Auswirkungen in den Gehirnen von Fußballprofis. "Ich hoffe, dass jetzt auch in Deutschland das Bewusstsein für mögliche Gehirnschädigungen durch Sport wächst." So wie in den USA, wo die Medien das Thema zur concussion crisis erhoben. Die Gehirnerschütterungskrise bedroht Profi-Ligen für American Football, Eishockey, Basketball. Aktuell klagen mehr als 4.000 ehemalige Footballspieler gegen die National Football League. Im Januar bewilligte die Liga 100 Millionen Dollar für die Erforschung der Gesundheitsrisiken des Sports.

Im Gegensatz zu den US-amerikanischen treffen bei der deutschen Nationalsportart Bälle auf ungeschützte, unbehelmte Köpfe. Das reicht offenbar aus, um Gehirnstrukturen zu verletzen. "Wir haben strukturelle Veränderungen festgestellt, die denen eines Schädel-Hirn-Traumas ähneln", sagt Inga Koerte. Veränderungen, wie sie von Verkehrsunfällen, Stürzen auf den Kopf oder einem Knock-out im Boxring verursacht werden. "Die Ergebnisse haben uns alle überrascht."

Koerte und ihre Kollegen um Martha Shenton untersuchten für ihre Studie zwölf Fußballprofis eines großen deutschen Vereins. Keiner von ihnen hatte je eine Gehirnerschütterung erlitten. Dennoch wiesen ihre Gehirne im Vergleich zur Kontrollgruppe, acht Schwimmern, großflächige Veränderungen auf. Vor allem in jenen Arealen der weißen Substanz, die für Aufmerksamkeit, komplexe Denkvorgänge und das Gedächtnis zuständig sind.

"Mit einem konventionellen MRT oder CT sieht man solche Veränderungen gar nicht", sagt Inga Koerte. Erst ein viel sensibleres Verfahren machte sie sichtbar: die Diffusionstensor-Magnetresonanztomografie. Dabei werden die Bewegungen von Wassermolekülen gemessen. "Wir fanden eine erhöhte Diffusion, die auf dünnere Myelinscheiden hinweisen kann." Die Myelinscheiden ummanteln die Nervenleitungen. "Werden sie dünner, ist die Leitung nicht mehr so schnell. Das könnte erklären, warum sich Gehirnfunktionen verschlechtern."

Die Grenze, ab der sich die Denkleistung verschlechtert, wollen Forscher der New Yorker Albert-Einstein-Universität gefunden haben: 2.000 Kopfbälle pro Jahr. Wer öfter seinen Kopf hinhält, riskiere seine Denkfähigkeit. In der Untersuchung mit 38 Probanden waren die Gehirne derjenigen, die am häufigsten köpften, am stärksten beschädigt. Diese Sportler schnitten auch in Erinnerungstests am schlechtesten ab.