Nur einmal einen gesparten Betrag überweisen und dann ein Leben lang üppige Auszahlungen genießen – so einfach könne Vorsorge sein, behaupten manche Lebensversicherer. Viele Sparer glauben das und kaufen ihnen sogenannte Einmalbeitragspolicen ab. Sie zahlen also einmalig Geld ein, das einige Jahre lang verzinst wird. Später erhalten sie daraus eine Monatsrente.

Solche Verträge seien "solide", "transparent" und "steuerbegünstigt", werben die Anbieter. So würden aus 50.000 Euro in 20 Jahren mehr als 100.000 Euro, rechnen sie vor. Die Folge: Einmalbeitragspolicen sind äußerst beliebt. Von den rund 6,3 Millionen Neuverträgen, die die Lebensversicherungsbranche jedes Jahr abschließt, entfällt ein großer Teil auf die Policen gegen Einmalbeitrag: In die flossen zuletzt 22 Milliarden Euro des Neugeschäfts. Nimmt man alle Einzahlungen in deutsche Lebensversicherungsverträge zusammen, landet mittlerweile mehr als jeder vierte Euro in einer Einmalbeitragspolice. Vor zehn Jahren war es nur jeder zehnte.

Mit der Pleite der US-Bank Lehman Brothers 2008 und der beginnenden Finanzkrise machten sich viele Anleger auf die Suche nach sicheren Plätzen für ihr Erspartes. In den neuen Policen glaubten sie es gefunden zu haben. Der deutschen Aufsichtsbehörde BaFin war das bald nicht mehr geheuer. Sie machte der Branche 2010 Auflagen zum weiteren Verkauf der Policen: Höchstbeträge müssten festgesetzt werden, und die laufende Überschussbeteiligung müsste geringer ausfallen.

Viele Branchenexperten warnten, die neuen Einmalbeitragspolicen gingen zulasten der Altkunden. Schon 2010 mahnte Carsten Zielke, damals Versicherungsanalyst der Société Générale und heute selbstständig: "Damit plündern die Unternehmen das eigene Versichertenkollektiv." Ebenso deutlich kritisierte Versicherungsexperte Manfred Poweleit eine "Diskriminierung der Massenkunden", wenn "aus Umsatzgier die Reichenpolicen in der Überschussbeteiligung bevorzugt werden". Die gute Verzinsung solcher Verträge sei schließlich nur möglich, indem eine Quersubventionierung durch die Altverträge stattfinde. Langjährigen Kunden würden also Gewinnausschüttungen vorenthalten, um Neukunden attraktive Konditionen bieten zu können. "Spekulieren gegen den Bestand", heißt das im Versicherungsdeutsch. Das klingt dann schon nicht mehr nach gutem Geschäft.

Das fand offenbar auch der Branchenverband GDV, dessen Hauptgeschäftsführer Peter Schwark bereits feststellte: "Die Mahnung, kurzfristige Spekulationen zulasten der Versichertengemeinschaft in jedem Fall auszuschließen, ist richtig." Er hoffte, die BaFin werde das richten: "Durch verschiedene Vorschriften im Aufsichtsrecht wird dafür Sorge getragen, dass sich das Kapitalisierungsgeschäft aus sich heraus trägt und eben nicht zulasten des übrigen Bestandes geht."

Warum die Unternehmen die Einmalbeitragspolicen anbieten, ist klar: Ihnen fällt es zunehmend schwerer, neue Verträge zu verkaufen, weil die Kunden sich nicht mehr für 20 oder 30 Jahre binden wollen – erst recht nicht zu den derzeit winzigen Garantiezinsen von 1,75 Prozent. Also kommt weniger neues Geld rein, dass die Versicherer aber anlegen müssten, um die Garantiezinsen für ihre bestehenden Verträge erwirtschaften zu können: Die legen derzeit im Schnitt bei 3,2 Prozent.

Mit Kampfzinsen und Superkonditionen sammelten sie daher seit 2009 rund 90 Milliarden Euro von Sparern ein. Daran haben auch die BaFin-Auflagen zum Einmalbeitragsgeschäft wenig geändert. Und noch immer klingen die Angebote der Assekuranzen verlockend: Mit Überschussbeteiligungen von vier Prozent pro Jahr und mehr werben die Unternehmen für sofortige und aufgeschobene Renten. Wer sein Geld gar auf tagesgeldähnliche Parkkonten legt, dem zahlen Versicherer zwei Prozent Zinsen, bei Cosmos Direkt sind im vierten Jahr sogar 3,5 Prozent drin, bei "jederzeitiger Verfügbarkeit". Da hält kaum eine Bank mit.

Aber finanzieren die Versicherer das tatsächlich allein aus der Anlage der Einmalbeiträge? "Sofern ein Versicherer den Einmalbeitragskunden nur das gutschreibt, was er auch tatsächlich mit der Anlage der Einmalbeiträge erzielt, ist dagegen nichts zu sagen", sagt Michael Franke, Geschäftsführer der Versicherungsratingagentur Franke und Bornberg. Er weiß aber, dass das längst nicht so ist: Es gibt Versicherer, die den Einmalbeitragskunden tatsächlich nicht so hohe Überschüsse auszahlten, so wie es die BaFin fordert. Aber das seien diejenigen, die ohnehin nur wenige solcher Kunden haben. Dagegen gäbe es etliche Versicherer, die Neukunden und Altkunden nicht deutlich voneinander abgrenzten, "die bevorzugen Kunden mit hohen Einmalbeiträgen gegenüber denen mit laufender Beitragszahlung", sagt Franke.