In vielen deutschen Großstädten spitzt sich der Wohnungsmangel derzeit dramatisch zu. Einige Landesregierungen sehen sich schon gezwungen, die Wohnungsbauförderung neu zu beleben, die sie jahrelang vernachlässigt haben. Doch längst tritt vielerorts ein neuer Bauherrentyp auf: Bürgergruppen, die gemeinsam ein Haus kaufen, instand setzen oder bauen. Einzelne Projekte, wie das Quartier Am Urban oder die Möckernkiez eG in Berlin, führen inzwischen mehrere Hundert Beteiligte zusammen und realisieren ganze Siedlungen.

Eigentlich neu aber ist an diesen Gemeinschaften nichts. Denn sie greifen auf ein Modell zurück, das mehr als 100 Jahre zählt: Bereits um 1900 halfen Bauvereine und -genossenschaften, die große Wohnungsnot zu lindern. Im Verein zu bauen war schon damals eine Antwort auf die Zumutungen einer sich sozial polarisierenden Gesellschaft. Nicht nur in den Behausungen der Arbeiterviertel Berlins und Hamburgs, sondern auch in vielen Wohnungen in München, Breslau oder Chemnitz lebten um die Jahrhundertwende durchschnittlich mehr als fünf Personen pro Zimmer. In Berlin war davon um 1910 vermutlich mehr als jeder vierte Einwohner betroffen. Und nicht nur die Arbeiter- und Unterschichten lebten in solcher Enge, sondern auch Lehrer, "Unter-Beamte", kleine Selbstständige und damit weite Teile der Mittelschichten. Auf die Hilfe der Politik konnten sie nicht rechnen: Kompromisslos verteidigten die von Hausbesitzern und wirtschaftsliberalen Parteien dominierten Stadtverordnetenversammlungen den privaten Wohnungsbau.

Dabei hatten konservative wie sozialreformerische Kritiker schon in den 1830er Jahren gewarnt, dass beengtes Wohnen der Gesundheit schaden, die "Sitten verderben", ja Unruhen auslösen könne. Preußens König Friedrich Wilhelm IV. förderte deshalb die "Berliner gemeinnützige Baugesellschaft", eine 1847 gegründete paternalistisch-philanthropische Gesellschaft. Abgesehen von Ausnahmen aber (wie der "Baugenossenschaft Hamburg-Steinwärder" von 1862), entstanden erst zur Jahrhundertwende Genossenschaften im eigentlichen Sinn.

Den Weg dafür bereitete 1889 das novellierte Genossenschaftsgesetz, das die Haftung der Genossen beschränkte: Privates Vermögen einzubringen stellte nun kein unkalkulierbares Risiko mehr dar. In den folgenden Jahren profitierte man zudem von Steuererleichterungen sowie von den Mitteln der Alters- und Invaliditätsversicherung, die in gewissem Umfang zur Vergabe für Bauprojekte zugelassen wurden.

Trotzdem blieb der Kapitalmangel ein großes Problem vor allem für Arbeiterwohnungsgenossenschaften. Schon der Grundstückskauf bildete eine Hürde, die oft nur mit Mäzenen aus dem Besitzbürgertum – Bankiers, Professoren, Ärzten und Apothekern – zu meistern war. Dennoch gelang es in dieser Zeit, gleich mehrere Genossenschaften mit großer regionaler Ausstrahlung zu gründen, wie 1893 den Spar- und Bauverein Dortmund oder 1895 die Freie Scholle in Berlin. Der Arbeiter-Bauverein Ellerbeck bei Kiel ließ für seine gut 2.000 Mitglieder bis 1902 mehrere Hundert Siedlungshäuser errichten. Prominente Köpfe halfen, die Bewegung zu popularisieren. So stießen die Brüder Gustav und Otto Lilienthal die Gründung der Berliner Freien Scholle an, und der Architekt des Pergamonmuseums, Alfred Messel, engagierte sich öffentlichkeitswirksam im Reformwohnungsbau für Arbeiter.

Hell und an der frischen Luft – so sollen auch die Ärmsten wohnen

Viele Genossenschaften sahen sich dem Ideal der Gartenstadt oder noch radikaleren Idealen der Lebensreform verpflichtet, etwa die 1893 von "pflastermüden Städtern" als vegetarische Obstbau-Kolonie gegründete Genossenschaft Eden bei Berlin. Die Beamten-Spar- und Bauvereine betrieben hingegen innerstädtischen Reformwohnungsbau für eine bürgerliche Klientel. So gab es mittelständische Unternehmungen, deren Ziel die individuelle Eigentumsbildung war, neben oppositionell-reformerischen Projekten, in denen die Häuser im genossenschaftlichen Eigentum blieben. Gemeinsam waren ihnen das "Identitätsprinzip" (die Mieter waren zugleich auch Vermieter), der Verzicht auf Gewinne und das "Demokratieprinzip" bei der Wahl des Vorstands und anderer Gremien. Auch teilten sie die wesentlichen Ziele des "Neuen Bauens", wie es bald hieß: gut belüftete, helle Wohnungen zu schaffen, Kündigungsschutz zu bieten und in nachbarschaftlicher Solidarität zu leben.