Internationale GartenschauGehen wir zu Mustafa!

Der Türke ist einer von 200 Kleingärtnern auf der Internationalen Gartenschau im rauen Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Dort grünt und blüht es zwischen Migration und Gentrifizierung. von 

"In 80 Gärten um die Welt" lautet das Motto der Internationalen Gartenschau in Hamburg.

"In 80 Gärten um die Welt" lautet das Motto der Internationalen Gartenschau in Hamburg.  |  © Dennis Williamson

Mühsam, geradezu ruckelnd ist es dann doch noch Frühjahr geworden. Inzwischen kucken auch im Norden die Blümchen aus ihren Beeten, und das traditionell kühle Hamburg zieht von Sonnenstunde zu Sonnenstunde mehr Besucher an. Ihr Ziel nach Kirchentag und Hafengeburtstag ist jetzt die Internationale Gartenschau, die noch bis in den erhofft goldenen Oktober laufen wird, nachdem sie im April quasi aus Schnee und Eis heraus gestartet war.

Gartenschauen gibt es in Hamburg seit 1869. Die aktuelle Ausgabe ist so voluminös wie keine zuvor. Sie stellt nicht nur Hunderttausende Planten un Blomen aus, wie man hier gern sagt, sondern erstmals auch 200 Kleingärten samt ihrer Pächter. Die Kleingärtner wohnen auf der Elbinsel Wilhelmsburg, hin- und hergerissen zwischen Migration und Gentrifizierung. Sie können Geschichten erzählen, die so bunt sind wie die gefüllten Tulpen und so düster wie das Schwarz in den Stiefmütterchen. Man nimmt sich also besser Zeit. Die IGS, wie die Schau am Ort von Freund und Feind abgekürzt wird, lässt sich nicht in zwei, drei Stunden abschreiten. Drei Tage empfiehlt die Geschäftsleitung, das Tagesticket zu 21 Euro. Das Wegenetz misst 15 Kilometer, das Gelände ist riesig, und es liegt verblüffenderweise mitten in der Stadt. Nur acht Minuten braucht die S-Bahn vom Hauptbahnhof hierher. So schnell ist man nicht in Eppendorf, geschweige denn in Blankenese.

Anzeige

Gleichwohl haben die feineren Hanseaten vom größten Viertel ihrer Stadt bisher kaum Notiz genommen. Nach Wilhelmsburg fährt man nicht, man kennt es nicht, man braucht es nicht, bloß für die Hafenwirtschaft und die Ausländer. Irgendwo müssen sich die Container ja auftürmen. Irgendwo müssen die Armen ja wohnen. Irgendwo müssen Lastwagen und Güterzüge ja endlos durchrauschen.

Diese über Jahrzehnte eingeübte Arroganz und Ignoranz wird jetzt schwinden. Die Hamburger, angelockt von Goldlack und Großer Schneebanane, beginnen in diesen Tagen zögernd den ihnen fremden Stadtteil zu entdecken. Jeder Zweite ist hier ein Migrant, jeder zweite Migrant ein Türke. Wie Mustafa Kurden. Man kann ihn treffen am Zaun seines Kleingartens, der sich am südlichen Zipfel des IGS-Geländes befindet, nicht weit von der großen Bühne, von der nun monatelang Musik zu ihm herüberweht. Gerade ist es ein Spielmannszug, der Amazing Grace zum Besten gibt. Ein Klingeln und Rattern.

Dem Mittfünfziger ist seine türkische Staatsbürgerschaft nicht anzusehen. Sein Hamburgisch ist geschliffen. Man muss ihm länger zuhören, um die kleinen Fehler zu bemerken, die einer macht, der erst mit zwölf nach Deutschland kam und nur drei Jahre lang hier zur Schule gehen konnte, bevor er in die Arbeitswelt ausgespuckt wurde, derentwegen er ja hergezogen worden war.

Mustafa Kurden

Mustafa Kurden  |  © Dennis Williamson

"17.5.1971", dieses Datum erwähnt er öfter, wenn er von sich erzählt: Es bezeichnet den Tag, an dem der Junge aus dem Dorf bei Izmir von seinem Vater in die Metropole Hamburg geholt wurde. Sieh zu, wie du klarkommst. 42 Jahre ist das her, und dazwischen liegen etliche Arbeitsstellen als Ungelernter am Hafenrand und etliche Umzüge, wenn das jeweilige Mietshaus wieder mal dran war mit Abriss oder Sanierung.

Was für ein Leben, unten und rau. Nie beim Sozialamt gewesen, da ist er stolz drauf, aber dann Krankheit und Frührente.

"Ich bin hier besser aufgehoben als in der Türkei, wenn man auch ein Mensch zweiter Klasse ist. Hier kann man sich alles leisten, in der eigenen Heimat nicht." Er sagt es ohne Bitterkeit. Seine Elbinsel hat er lieb gewonnen. Gern radelt er am Deich entlang, in Richtung Moorfleet. Einen deutschen Pass hat er nicht, hat seine Frau nicht, haben seine beiden großen Kinder nicht.

Der interkulturelle Vorzeigegärtner

Die Kinder würden Wilhelmsburg nicht so mögen, "zu viele Ausländer". Der Sohn zog mit Frau und Kindern schon in eine andere Ecke der Stadt. Damit die beiden Enkel, Einwanderer in der vierten Generation, auf dem Rasen spielen und im Sand buddeln können, hat Mustafa Kurden sich um den Kleingarten beworben. Die Parzelle, eine von 25, gehört zu Hamburgs jüngstem Kleingartenverein, der kurz vor der Gartenschau auf dem Gelände gegründet wurde. Er ist ein Geschenk der IGS an Wilhelmsburg. Die Gärten werden bleiben, wenn die Schau geht.

Mustafa Kurden nimmt es gelassen, ein interkultureller Vorzeigegärtner zu sein. Er zimmert in Seelenruhe seine Laube zusammen. Stück für Stück hat er das Altholz aus der Unterlage von 40-Fuß-Containern gesägt, am Hafen für wenig Geld zu kriegen, "echte deutsche Eiche". Die Fenster stammen aus Abbruchhäusern. Die Tür bekam er von einem Kleingärtner geschenkt, der sie sich eigentlich selbst hatte einbauen wollen, wäre sie nicht so massiv gewesen. "Wir haben die mit vier Mann eingehängt. Dessen Hütte wäre glatt umgekippt." Wochenlanges Leimen und Nageln, zum Schluss der Anstrich, die Flächen braun, die Kanten weiß. Das sind die Vereinsfarben von Sankt Pauli, haben seine Nachbarn gleich festgestellt, "das war aber Zufall".

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Die Redaktion/au

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dyx
    • 08. Juni 2013 19:25 Uhr

    Kann auch einfach sein, dass es um rein emotionale Verbundenheit mit der Heimat geht und sie daher Türken bleiben.
    Kann sein, dass sie Türken bleiben, weil sie sich als "Bürger zweiter Klasse" fühlen, womöglich aufgrund von Alltagsrassismus.
    Oder tatsächlich, weil keine Notwendigkeit zur deutschen Staatsbürgerschaft besteht. Und sie sich daher lieber alle Optionen offen halten.
    Ich finde keine dieser Möglichkeiten besonders schlimm, wobei bei der dritten natürlich so eine Art Nutznießertum mit schwingt.

    Kann auch monetär begründet sein. In meiner Familie ist es so, dass nur meine Mutter die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Ihre Geschwister und meine Großeltern sind Österreicher - meine Großmutter ist zwar geborene Deutsche, aber damals war es scheinbar so, dass man die Staatsbürgerschaft des Ehemannes angenommen hat. Jedenfalls bemessen sich die Kosten für die Staatsbürgerschaft am Einkommen, Meine Mutter hat als Studentin die relativ höheren Kosten auf sich genommen, um die später absolut höheren zu vermeiden. So war jedenfalls die Erklärung, kann sich mittlerweile auch geändert haben.

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/au

  2. 2. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  3. 3. [...]

    [...]

    Das Zusammenleben von Migranten und Deutschen in Hamburg sieht leider nicht so aus wie es Herr Stock gerne haben möchte.

    Und Wilhelmsburg ist längst nicht mehr Hamburg wie es sich die Leute seit Jahrhunderten in anderen Teilen Deutschlands noch vorstellen mögen.

    Das Hamburg des Fischmarkt's, des Sankt Pauli und der Reeperbahn, das Hamburg was uns die Medien vorgaukeln ist schon längst dahin.

    Hamburg ist ein Stadt mit immensen sozialen Problemen geworden die von der Politik einfach nicht gesehen werden wollen und dazu nimmt man eben die IGA, die IBA und ähnliches um diese Probleme zu übertünchen.

    Farbe drüber = Schwamm drüber!

    Gekürzt, da unsachlich und unterstellend. Die Redaktion/ls

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • M-F.
    • 09. Juni 2013 9:08 Uhr

    3."Das Zusammenleben von Migranten und Deutschen in Hamburg sieht leider nicht so aus wie es Herr Stock gerne haben möchte."

    Sagen wir doch einmal die Wahrheit,das Zusammenleben ist so,wie es keiner haben mehr möchte.

  4. Kleingartenanlagen sind ebenso "typisch deutsch" wie Basare "typisch türkisch" sind. Ich weiss nicht was Folklore mit Integration zu tun hat. Der Mann ist leidenschaftlicher Kleingärtner, warum nicht. Macht sicher Spaß wenn man einen Grünen Daumen hat und sich kein Häuschen mit Garten leisten kann/will.

    Ich finde aber dass wir bezüglich Integration schon sehr viel weiter sind, als staunend irgendwelche Mustermigranten wie im Zoo oder bei einer Ausstellung zu bewundern, so dass Lieschen Müller sagt "es gibt eben solche und solche". Wir sind nicht mehr in den 80ern.

    6 Leserempfehlungen
  5. ich hatte meine Heimatstadt Hamburg verlassen, nachdem die Schill-Partei mit dem Motto "Ausländer raus" 20 % der Stimmen erhalten hatten. Für die CDU war diese Partei dann doch gut genug als Koalitionspartner. Frau Merkel ist immer noch die beliebteste Politikerin in Deutschland. So sieht die Wirklichkeit aus.

    3 Leserempfehlungen
    • dyx
    • 08. Juni 2013 19:25 Uhr

    Kann auch einfach sein, dass es um rein emotionale Verbundenheit mit der Heimat geht und sie daher Türken bleiben.
    Kann sein, dass sie Türken bleiben, weil sie sich als "Bürger zweiter Klasse" fühlen, womöglich aufgrund von Alltagsrassismus.
    Oder tatsächlich, weil keine Notwendigkeit zur deutschen Staatsbürgerschaft besteht. Und sie sich daher lieber alle Optionen offen halten.
    Ich finde keine dieser Möglichkeiten besonders schlimm, wobei bei der dritten natürlich so eine Art Nutznießertum mit schwingt.

    Kann auch monetär begründet sein. In meiner Familie ist es so, dass nur meine Mutter die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Ihre Geschwister und meine Großeltern sind Österreicher - meine Großmutter ist zwar geborene Deutsche, aber damals war es scheinbar so, dass man die Staatsbürgerschaft des Ehemannes angenommen hat. Jedenfalls bemessen sich die Kosten für die Staatsbürgerschaft am Einkommen, Meine Mutter hat als Studentin die relativ höheren Kosten auf sich genommen, um die später absolut höheren zu vermeiden. So war jedenfalls die Erklärung, kann sich mittlerweile auch geändert haben.

    Antwort auf "[...]"
  6. 7. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/au

    Antwort auf "[...]"
  7. Am besagten Mai waren doch irgendwie 1500 Menschen an der IGS! Die Menschen kamen von überall her, die Schanze ist nicht der einzige Ort in Hamburg wo Menschen leben die gegen Gentrifizierung, Mietwahnsinn, Luxus kämpfen...die jungen Menschen wollen ihr Recht auf Stadt und nicht das Recht Luxus in Anspruch zunehmen. In 10 Jahren müssen auch die Kleingärtner dem Luxusbüros weichen.

    via ZEIT ONLINE plus App

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Wilhelmsburg | Hamburg
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service