Mühsam, geradezu ruckelnd ist es dann doch noch Frühjahr geworden. Inzwischen kucken auch im Norden die Blümchen aus ihren Beeten, und das traditionell kühle Hamburg zieht von Sonnenstunde zu Sonnenstunde mehr Besucher an. Ihr Ziel nach Kirchentag und Hafengeburtstag ist jetzt die Internationale Gartenschau, die noch bis in den erhofft goldenen Oktober laufen wird, nachdem sie im April quasi aus Schnee und Eis heraus gestartet war.

Gartenschauen gibt es in Hamburg seit 1869. Die aktuelle Ausgabe ist so voluminös wie keine zuvor. Sie stellt nicht nur Hunderttausende Planten un Blomen aus, wie man hier gern sagt, sondern erstmals auch 200 Kleingärten samt ihrer Pächter. Die Kleingärtner wohnen auf der Elbinsel Wilhelmsburg, hin- und hergerissen zwischen Migration und Gentrifizierung. Sie können Geschichten erzählen, die so bunt sind wie die gefüllten Tulpen und so düster wie das Schwarz in den Stiefmütterchen. Man nimmt sich also besser Zeit. Die IGS, wie die Schau am Ort von Freund und Feind abgekürzt wird, lässt sich nicht in zwei, drei Stunden abschreiten. Drei Tage empfiehlt die Geschäftsleitung, das Tagesticket zu 21 Euro. Das Wegenetz misst 15 Kilometer, das Gelände ist riesig, und es liegt verblüffenderweise mitten in der Stadt. Nur acht Minuten braucht die S-Bahn vom Hauptbahnhof hierher. So schnell ist man nicht in Eppendorf, geschweige denn in Blankenese.

Gleichwohl haben die feineren Hanseaten vom größten Viertel ihrer Stadt bisher kaum Notiz genommen. Nach Wilhelmsburg fährt man nicht, man kennt es nicht, man braucht es nicht, bloß für die Hafenwirtschaft und die Ausländer. Irgendwo müssen sich die Container ja auftürmen. Irgendwo müssen die Armen ja wohnen. Irgendwo müssen Lastwagen und Güterzüge ja endlos durchrauschen.

Diese über Jahrzehnte eingeübte Arroganz und Ignoranz wird jetzt schwinden. Die Hamburger, angelockt von Goldlack und Großer Schneebanane, beginnen in diesen Tagen zögernd den ihnen fremden Stadtteil zu entdecken. Jeder Zweite ist hier ein Migrant, jeder zweite Migrant ein Türke. Wie Mustafa Kurden. Man kann ihn treffen am Zaun seines Kleingartens, der sich am südlichen Zipfel des IGS-Geländes befindet, nicht weit von der großen Bühne, von der nun monatelang Musik zu ihm herüberweht. Gerade ist es ein Spielmannszug, der Amazing Grace zum Besten gibt. Ein Klingeln und Rattern.

Dem Mittfünfziger ist seine türkische Staatsbürgerschaft nicht anzusehen. Sein Hamburgisch ist geschliffen. Man muss ihm länger zuhören, um die kleinen Fehler zu bemerken, die einer macht, der erst mit zwölf nach Deutschland kam und nur drei Jahre lang hier zur Schule gehen konnte, bevor er in die Arbeitswelt ausgespuckt wurde, derentwegen er ja hergezogen worden war.

Mustafa Kurden © Dennis Williamson

"17.5.1971", dieses Datum erwähnt er öfter, wenn er von sich erzählt: Es bezeichnet den Tag, an dem der Junge aus dem Dorf bei Izmir von seinem Vater in die Metropole Hamburg geholt wurde. Sieh zu, wie du klarkommst. 42 Jahre ist das her, und dazwischen liegen etliche Arbeitsstellen als Ungelernter am Hafenrand und etliche Umzüge, wenn das jeweilige Mietshaus wieder mal dran war mit Abriss oder Sanierung.

Was für ein Leben, unten und rau. Nie beim Sozialamt gewesen, da ist er stolz drauf, aber dann Krankheit und Frührente.

"Ich bin hier besser aufgehoben als in der Türkei, wenn man auch ein Mensch zweiter Klasse ist. Hier kann man sich alles leisten, in der eigenen Heimat nicht." Er sagt es ohne Bitterkeit. Seine Elbinsel hat er lieb gewonnen. Gern radelt er am Deich entlang, in Richtung Moorfleet. Einen deutschen Pass hat er nicht, hat seine Frau nicht, haben seine beiden großen Kinder nicht.

Der interkulturelle Vorzeigegärtner

Die Kinder würden Wilhelmsburg nicht so mögen, "zu viele Ausländer". Der Sohn zog mit Frau und Kindern schon in eine andere Ecke der Stadt. Damit die beiden Enkel, Einwanderer in der vierten Generation, auf dem Rasen spielen und im Sand buddeln können, hat Mustafa Kurden sich um den Kleingarten beworben. Die Parzelle, eine von 25, gehört zu Hamburgs jüngstem Kleingartenverein, der kurz vor der Gartenschau auf dem Gelände gegründet wurde. Er ist ein Geschenk der IGS an Wilhelmsburg. Die Gärten werden bleiben, wenn die Schau geht.

Mustafa Kurden nimmt es gelassen, ein interkultureller Vorzeigegärtner zu sein. Er zimmert in Seelenruhe seine Laube zusammen. Stück für Stück hat er das Altholz aus der Unterlage von 40-Fuß-Containern gesägt, am Hafen für wenig Geld zu kriegen, "echte deutsche Eiche". Die Fenster stammen aus Abbruchhäusern. Die Tür bekam er von einem Kleingärtner geschenkt, der sie sich eigentlich selbst hatte einbauen wollen, wäre sie nicht so massiv gewesen. "Wir haben die mit vier Mann eingehängt. Dessen Hütte wäre glatt umgekippt." Wochenlanges Leimen und Nageln, zum Schluss der Anstrich, die Flächen braun, die Kanten weiß. Das sind die Vereinsfarben von Sankt Pauli, haben seine Nachbarn gleich festgestellt, "das war aber Zufall".